link  Aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie auf der Sonderseite der Senatskanzlei.


     

 

Nachhaltige Erneuerung

Aktuelles


Klimaangepasste Wasserbewirtschaftung bei Sanierung und Neubau - Lehren aus dem Forschungsprojekt netWORKS4 für die Städtebauförderung

Erster Bauabschnitt beim Modellprojekt Kita "Bewegungsreich" ist abgeschlossen

November 2021

Einer der wichtigsten Faktoren für Klimaanpassung ist der Umgang mit Wasser in der Stadt. Wasser ist wichtig für die Grünflächen, es verbessert das Mikroklima, kann aber auch Gebäude kühlen oder einen Spielplatz beleben. Zu wenig oder zu viel Niederschlag – d.h. Dürre und Starkregen als Klimawandelfolgen – werden auch in Berlin immer öfter zum Problem.

Berlin hat sich auf den Weg zur "wassersensiblen Stadt" gemacht. Seit 2018 gilt hier bei Bauvorhaben wie Neubauten oder wesentlichen Änderungen an Bestandsbauten (z. B. Aufstockungen) die Pflicht zur Bewirtschaftung des Regenwassers auf dem Grundstück. Es muss vor Ort zurückgehalten, verdunstet, versickert oder auch genutzt werden. Außerdem sollen nach einem Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses jedes Jahr 1 Prozent der Bestandsflächen von der Mischkanalisation abgekoppelt werden; das hört sich zunächst wenig an, erweist sich in der Praxis aber als anspruchsvoll. Im Kontext einer wassersensiblen, klimaangepassten Stadt beschäftigte sich das Forschungsprojekt netWORKS4 mit den Potenzialen vernetzter blau-grün-grauer Infrastrukturen für die nachhaltige Stadtentwicklung, u.a. am Beispiel des Pankower Fördergebiets Greifswalder Straße. Betrachtet wurden das geplante Neubaugebiet Michelangelostraße sowie die Projekte zur Sanierung von Grün- und Freiflächen, Schulen und anderer Einrichtungen der sozialen Infrastruktur.

Am 5. November lud der Forschungsverbund netWORKS4 zusammen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zu einem Transfer-Workshop ein, um die Erfahrungen aus dem genannten „Transformationsraum“ in Berlin-Pankow mit möglichst vielen Akteuren der Städtebauförderung zu teilen. Unter der Moderation von Dr. Christian Stein vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) nahmen rund 50 Interessierte aus Landes- und Bezirksverwaltungen sowie Gebietsbeauftragte, Architektinnen und Architekten und viele andere Fachleute an der vierstündigen Online-Veranstaltung teil.

Hendrik Hübscher, Leiter des Referats "Integrierte Quartiersentwicklung" der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, verwies auf das rund 150 Jahre alte System der Kanalisation, das durch Starkregenereignisse nun immer öfter an seine Grenzen stoße. Klimaschutz und Klimaanpassung seien zentrale Aufgaben der Städtebauförderung. Das Anlegen von baulichen oder grünen Speichern sollte deshalb wichtiger Bestandteil von Projekten sein. Hier wolle man vor allem innovative Lösungen fördern, wie sie mit netWORKS4 u.a. in Pankow entwickelt wurden und werden.

Jan Hendrik Trapp, Mitarbeiter des Difu und Leiter des Forschungsprojekts, berichtete, man sei nun in der Umsetzungsphase des Projekts. Ein wichtiges Ziel sei die Erhöhung der Resilienz der grünen Infrastrukturen. Dazu müssten Stadtgrün und technische Infrastruktur vernetzt werden. Dies erfordere vor allem Dialog und eine frühzeitige integrierte Planung von Wasser- und Grüninfrastrukturen in Neubauvorhaben und bei der Sanierung von Bestandsgebieten. Mit dem Transferworkshop sollten Impulse für neue Projekte gesetzt werden.

Gerhard Hauber vom Büro Ramboll Studio Dreiseitl machte ein Ziel besonders plastisch: Es gehe darum, die natürlichen Wasserkreisläufe nachzubilden. Klimaangepasstes Planen bedeute, von der Natur zu lernen. Besonders erfolgreich war das Büro damit am Potsdamer Platz: Trotz der massiven Überbauung habe das Gebiet einen Wasserabfluss wie eine Wiese.

Um ein solches Ergebnis zu erreichen, müssen Wasser- und Klimasensibilität auf jeder Ebene der Planung integriert werden. In Berlin gibt es viele Akteure mit guten Konzepten. Diese Konzepte müssten nun verstärkt angewendet werden. Die Planung des Wasser- und Grünsystems müsse ab sofort die Grundlage bilden, erst danach folge der Städtebau. "Etwas anderes können wir uns nicht mehr leisten", appellierte Gerhard Hauber an die Verantwortlichen.

Dazu müssten alle Akteure von Anfang bis Ende am Planungsprozess beteiligt sein: Verantwortliche für Verkehrsplanung, Stadtplanung, Hochbau, Landschaftsarchitektur und Wasserwirtschaft. Das Büro Ramboll Studio Dreiseitl hat dazu eine Software-Lösung entwickelt, die projektbezogen zeigt, welche Maßnahmen welche Effekte, z. B. in Bezug auf die Reduzierung der Abflüsse in die Kanalisation und die Erhöhung der Verdunstung, bringen. Zur Lösung von Konflikten sei ein "Klimamoderator" hilfreich.

Grit Diesing stellte die Aufgaben der Berliner Regenwasseragentur vor, einer gemeinsamen Initiative des Landes und der Berliner Wasserbetriebe. Die Agentur versteht sich als Servicestelle, Infobörse, Vernetzer und Dialogplattform rund um die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung in Berlin. Sie sensibilisiert, berät und begleitet aber auch bei konkreten Vorhaben und hilft bei der Anbietersuche. Die Regenwasseragentur bietet mit der "Berliner Regenreihe" regelmäßige Weiterbildung an und entwickelt zurzeit einen digitalen Planungstisch für die kooperative Planung und methodische Unterstützung bei der Identifizierung von Abkopplungspotenzialen. Grit Diesing wies auf die Notwendigkeit von mehrfach genutzten Flächen hin, die sich aus der stark gestiegenen Flächenkonkurrenz ergibt. Besondere Herausforderungen brächten der Personalmangel in den Bezirken sowie mangelnde Erfahrungen mit Kooperationsmodellen für grundstücksübergreifendes Regenwasser-Bewirtschaftung mit sich.

Andreas Matzinger vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin gGmbH erläuterte den Planungsprozess für die Kita Bewegungsreich als Modellprojekt im Rahmen von netWORKS4. Nach einer detaillierten Standortanalyse wurden in mehreren Workshops konkrete Ziele und Maßnahmen festgelegt. Beteiligt waren dabei auch der Träger und die Kitaleitung. Dabei kamen auch die im Rahmen von netWORKS4 entwickelten und von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen herausgegebenen Maßnahmenkarten zum Einsatz. Im Ergebnis entsteht aktuell eine erweiterte Kita mit großer Freifläche, bei der das Niederschlagswasser gespeichert, versickert, verdunstet und für die Toilettenspülung sowie den Spielplatz genutzt wird. Nur bei Starkregen ist noch ein Überlauf in die Kanalisation nötig. Mehr zum Projekt erfahren Sie hier.

Erik Schmierbach, verantwortlich für das Bauvorhaben beim Träger Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH, konnte bestätigen, dass alle geplanten Maßnahmen von der Fassadenbegrünung bis zur Zisterne umgesetzt werden. Die Sanierung der ersten Hälfte der Kita ist fast abgeschlossen. Der Kitabetrieb im 1. Bauabschnitt konnte wieder aufgenommen werden und die Regenwasserspülung geht in den kommenden Wochen in Betrieb. Anfang Dezember wird der Grundstein für den Neubau gelegt. Wegen der komplexen Anforderungen sei es wichtig, genügend Zeit für die Konzeption einzuplanen und einen externen Projektsteuerer für die Durchführung einzusetzen, denn auch während des Bauprozesses müssten immer wieder gemeinsam Lösungen für unerwartete Probleme gefunden werden. Sein Blick in die Zukunft war trotz vieler Herausforderungen sehr positiv: Die Sanierung bei laufendem Betrieb bringe es mit sich, das Klimathema immer wieder mit den Kindern zu bearbeiten. "Wir bilden gerade lauter kleine Klimaretter aus", so Erik Schmierbach.

Die hohe Komplexität der Planungsprozesse hat das Stadtentwicklungsamt Pankow dazu veranlasst, bei der Sanierung der Mittelpromenade – eines weiteren Schlüsselprojekts mit vielen benachbarten Kitas, Schulen und Freiflächen im Gebiet Greifswalder Straße – eine vertiefende Grundlagenermittlung vorzuschalten. Heidi Rusteberg, Leiterin der Programmplanung im Fachbereich Stadterneuerung des Bezirks Pankow, erinnerte daran, dass bei solchen Projekten nicht nur Lösungen für das Problem der grundstücksübergreifenden Bewirtschaftung des Niederschlagswassers zu klären seien, sondern auch Fragen der Pflege und Unterhaltung der Anlagen.

Der Workshop hat gezeigt, dass das Ziel einer "wassersensiblen Stadt" nicht am Umsetzungswillen scheitert. Auch sind die Instrumente bekannt, mit denen die Regenwasserbewirtschaftung vor Ort gelingen kann, wie die mit Mitteln des Programms Nachhaltige Erneuerung geförderte Kita Bewegungsreich zeigt. Jetzt muss es darum gehen, ein größeres Bewusstsein bei Bauherren und Entscheidungsträgern vor Ort zu schaffen, damit bei allen geeigneten Sanierungs- und Bauvorhaben Regenwasserbewirtschaftung umgesetzt wird. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen wird dies bei den geförderten Projekten berücksichtigen und im Sinne von Best Practice weiterhin gelungene Beispiele hervorheben.

Download:

Planerische Machbarkeitsstudien zur Umsetzung blau-grün-grau gekoppelter Infrastrukturen in Berlin. Potenziale und Umsetzungsmöglichkeiten am Beispiel eines Stadtumbaugebietes und Neubauvorhabens, Herausgeber: Forschungsverbund netWORKS https://repository.difu.de/jspui/handle/difu/579132

Links:

Projektinformationen

Fördergebiete & Projekte

Aus "Stadtumbau" wird "Nachhaltige Erneuerung"

Regelmäßig informiert

Logo Bundesministerium des Innern, für Bau und HeimatLogo StädtebauförderungLogo Senatsverwaltung für Stadtentwicklung