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Preußisches Geheimes Staatsarchiv

Obj.-Dok.-Nr.: 09075298
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Dahlem
Strasse: Archivstraße
Hausnummer: 11 & 12 & 13 & 14 & 15
Strasse: Im Winkel & Koserstraße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Archiv & Verwaltungsgebäude & Direktorenwohnhaus & Beamtenwohnhaus & Übergang & Magazin
Datierung: 1915-1923
Entwurf: Fürstenau, Eduard (Architekt)
Ausführung: Joseph Fraenkel (Baugeschäft)

Die Straße Im Winkel mündet nordwestlich in die Archivstraße, die den Einschnitt der U-Bahntrasse begleitet. Dort befindet sich in der Archivstraße 11-15 , von den gegenüberliegenden Feldern der Domäne Dahlem durch die Bahnlinie getrennt, das Preußische Geheime Staatsarchiv, heute Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. In seinem Ursprung auf die Kanzlei der askanischen Markgrafen zurückgehend, wurde das - seit 1803 "Geheime" - Staatsarchiv über die Jahrhunderte hinweg bis 1914 zum Hauptarchiv des preußischen Staates entwickelt. Seitdem gehört es zu den größten und wichtigsten Forschungsinstitutionen für die Überlieferung der Geschichte Brandenburg-Preußens. (1) Auf der Grundlage eines 1898 beschlossenen, groß angelegten Archivbauprogramms wurde für das zuvor in der Klosterstraße 76 in Berlin-Mitte beheimatete Archiv ein neuer Standort gesucht und 1914 schließlich in Dahlem gefunden. Die aus Verwaltungsgebäude, Magazingebäude, Direktorenvilla und Beamtenwohnhaus bestehende Gebäudegruppe entstand 1915-23 nach Plänen des Oberbaurates Eduard Fürstenau im Auftrag des Preußischen Fiskus. (2) Auffällig ist die beengte Lage der ausgedehnten Baugruppe am Rande der Einschnittbahn. Grund dafür war die ursprüngliche städtebauliche Planung. Danach waren für das gegenüberliegende Grundstück der Domäne Dahlem zunächst ebenfalls Staatsbauten vorgesehen. Eine breite Allee sollte von der Pacelliallee in östliche Richtung, die Einschnittbahn überbrückend, direkt auf das Geheime Staatsarchiv als Blickpunkt zuführen. Diese Planung kam aber nicht zur Ausführung, was die heutige Randlage zur Folge hat.

In der Archivstraße dominiert das als schlossartige Dreiflügelanlage mit Ehrenhof konzipierte Verwaltungsgebäude, während das Magazingebäude als Zweckbau dahinter zurücktritt. Entsprechend den bautypologischen Vorstellungen der Erbauungszeit wurde das zweigeschossige, achsensymmetrische Verwaltungsgebäude als repräsentativer neobarocker Monumentalbau mit hohem Walmdach und Frontispiz ausgeführt. Die Putzfassaden sind mit Kolossalpilastern gegliedert, im Rücksprung und an den Flügelbauten dorisch, am siebenachsigen Hauptbaukörper im edleren ionischen Stil. Pilaster, Einfassungen der Sprossenfenster, Türgewände und Dachgebälk sind in hellbräunlichem Stein ausgeführt. Die drei mittleren Achsen werden durch das Giebeldreieck hervorgehoben, darin befindet sich ein monumentales Preußenadler-Relief, darunter weist eine Inschrift auf die Funktion des Gebäudes als "Preußisches Geheimes Staatsarchiv" hin. Das von einem gesprengten Volutengiebel und Blütengirlanden bekrönte Portal mit Holzkassettentür wirkt im Gegensatz zum großen Ganzen preußisch schlicht, wie auch der gesamten Anlage letztlich eine gewisse Spröde anhaftet. Im Inneren zeigt der öffentlich zugängliche Bereich eine am spätbarocken Schlossbau orientierte, eindrucksvoll gestaltete Raumfolge von Vestibül, zweigeschossiger Treppenhalle und balkonartigem Vorplatz im Obergeschoss. Vestibül und Vorplatz sind von der ovalen, überkuppelten Treppenhalle jeweils durch vier eingestellte Säulen - dorisch im Erdgeschoss, ionisch im Obergeschoss - optisch reizvoll getrennt. Die mit einem verspielten Gittergeländer versehene steinerne Treppe wird einseitig von der konkav ausbauchenden Außenwand getragen und von drei Fenstern im Obergeschoss belichtet. Im Treppenauge steht eine 1825 von Carl Wichmann geschaffene Büste von Karl Georg von Raumer, 1822-33 Direktor des Geheimen Staatsarchivs. Die an den seitlich abgehenden Fluren gelegenen Verwaltungsräume sind durch halbhohe Türschranken vom öffentlichen Bereich getrennt, gestatten aber einen Durchblick. Im Obergeschoss nimmt der lang gestreckte schmucklose Forschungssaal den Platz des barocken Festsaales ein. Das Verwaltungsgebäude ist mit dem dahintergelegenen, lang gestreckten und höheren Magazin durch zwei zweigeschossige Brückenbauten verbunden.

Seiner Zweckbestimmung gemäß unter überwiegend funktionalen Gesichtspunkten gestaltet, wirkt das Magazingebäude erheblich moderner als der Verwaltungsbau. Mit seinem vertikal betonten Fassadenraster aus monumentalen Pilastern und Stockwerkgesimsen, zwischen denen im Dreierrhythmus zusammengesetzte Fensterbänder liegen, erinnert es stark an zeitgenössische Geschäftshäuser. (3) An der bemerkenswerten Ostseite des Magazins ragen sechs polygonale Ausluchte rhythmisch aus der Fassade heraus - sie bieten Platz für temporäre Arbeitsplätze, ohne die enge, gleichförmige Regalstellung der Säle zu beeinträchtigen. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt das Gebäude schwere Brandschäden, der Wiederaufbau erfolgte sukzessive ab 1945. Heute beherbergt es auch die Direktion und die Bibliothek des Museums Europäischer Kulturen, das an der südlichen Schmalseite mit einem Neubau anschließt.

Die 2007 instandgesetzte monumentale Direktorenvilla Archivstraße, Ecke Koserstraße, ein typischer traditionsbetonter Bau der frühen 1920er Jahre, zeigt mit Altanen, Erkern, Freitreppe und in Stein gefasstem Portal Anklänge an Motive aus Renaissance und Klassizismus. Heute sind dort ebenfalls Verwaltungsräume untergebracht. Das eingeschossige kleine Beamtenwohnhaus an der Straße Im Winkel wird dagegen nach wie vor als Wohnhaus genutzt.

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(1) Zimmermann, Gerhard: Das Geheime Staatsarchiv, Geschichtliche Entwicklung bis zum Jahre 1945, Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 1 (1963), S. 303-323; Strecke, Reinhart: Der lange Weg nach Dahlem, Baugeschichte und -probleme des Geheimen Staatsarchivs. In: Archivarbeit für Preußen, Symposion der Preußischen historischen Kommission und des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz aus Anlass der 400. Wiederkehr der Begründung seiner archivischen Tradition, hrsg. v. Jürgen Kloosterhuis, Berlin 2000, S. 27-46.

(2) Die Bauleitung hatten die Regierungsbauräte Krecker und Büssow. Fürstenau war bereits 1912 mit Entwürfen für ein mit dem preußischen Staatsarchiv verbundenes "Deutsches Reichsarchiv" am Kleistpark befasst, das jedoch nicht zur Ausführung kam. Teile dieser Planungen flossen in den Entwurf für den Standort in Dahlem ein. Vgl. Leiskau, Katja: Architektur und Geschichte der staatlichen Archivzweckbauten in Deutschland 1871-1945, Diss. 2008, S. 67 ff., 128 ff.; Zu Eduard Fürstenau, geh. Oberbaurat, Dr. theol. h.c., (1862-1938), Ministerialrat in der Hochbauabteilung des Preußischen Finanzministeriums; Bauten u.a. Luisenstift Dahlem, Oberverwaltungsgericht Berlin-Charlottenburg, Umbau Berliner Opernhaus. Vgl. Nachruf in: Zentralblatt der Bauverwaltung 58 (1938), S. 692 f.

(3) Leiskau verweist z.B. auf die Fassade des Berliner Geschäftshauses Fischbein & Mendel, Lindenstraße 44-47 von Hans Bernoulli aus dem Jahre 1911.

Literatur:
  • Posner, Ernst . Der Neubau des Geheimen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem in
    Archivalische Zeitschrift, Berlin, 35 (1925) 3. Folge, II. Bd. / Seite S. 23-40.
  • Vollmer, Bd. 2 / Seite S. 174-175 (Biogr. E. Fürstenau).
  • Topographie Dahlem, 2011 / Seite 130
  • Strecke, Reinhart/ Der lange Weg nach Dahlem. Baugeschichte und -probleme des Geheimen Staatsarchivs in
    Archivarbeit für Preußen. Veröffentlichungen aus den Archiven Preuß. Kulturbesitz. Arbeitsberichte 2, hrsg. v. J. Kloosterhuis, Berlin 2000 / Seite S. 27-45