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Einküchenhaus Wilhelmshöher Straße 17 & 18 & 19 & 20

Obj.-Dok.-Nr.: 09066352
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Friedenau
Strasse: Wilhelmshöher Straße
Hausnummer: 17 & 18 & 19 & 20
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Einküchenhaus
Datierung: 1909-1912
Entwurf: Gessner, Albert (Architekt)
Bauherr: Einküchengesellschaft der Berliner Vororte

Die drei ehemaligen Einküchenhäuser in der Wilhelmshöher Straße 17-20 (Abb. 228 f., Liste Nr. 173) wurden 1909-12 von der "Einküchenhaus-Gesellschaft der Berliner Vororte GmbH" nach den Plänen des Berliner Architekten Albert Geßner (1868-1953) errichtet. Diese Gruppe ist die dritte und letzte dieser Reformbestrebungen in Berlin.

Die beiden anderen Anlagen wurden in der Kuno-Fischer-Straße 13 in Charlottenburg 1908 von Curt Jähler und H. Schneider sowie Unter den Eichen 53 Ecke Reichensteiner Weg 2 in Steglitz 1908-09 von Hermann Muthesius gebaut.

Die Einküchenhäuser waren ein Teil der Lebensreformbewegung, die weite Bereiche des liberalen Bürgertums um 1900 erfaßt hatte. Sie waren ein Versuch, das bürgerliche Leben und Wohnen durch stärkere Vergesellschaftung der Hauswirtschaft zu befreien und die Berufstätigkeit der Frauen zu erleichtern.Die Einküchenhäuser waren so konzipiert, daß die einzelnen Wohnungen keine eigenen Küchen mehr enthielten, sondern von einer Zentralküche im Untergeschoß des Hauses versorgt wurden. Die ersten Einküchenhäuser entstanden in Kopenhagen. Die Idee der Entlastung der Hausfrau von der Hausarbeit wurde schon 1901 von der Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Lily Braun (1865-1916) lebhaft begrüßt. Die Berliner Anlagen bestanden - nach anfänglichem Erfolg - jeweils nur einige Jahre als echte Einküchenhäuser, dann wurden die Zentralküchen aufgegeben, und die Mieter betrieben wieder individuelle Hauswirtschaft in nachträglich eingebauten Küchen.

Die bauliche Anlage besteht aus drei viergeschossigen Hauseinheiten: Zwei Einheiten (Nr. 17 und 18-19) im Westteil der Anlage bilden gemeinsam einen Straßenhof, von dem aus die beiden Häuser jeweils seitlich zugänglich sind; beide Häuser sind durch einen eingeschossigen, offenen, überdeckten loggiaartigen Bau miteinander verbunden. An das östliche der beiden Straßenhofhäuser ist spiegelbildlich die dritte Hauseinheit (Nr. 20) angebaut; das dritte Haus ist ebenfalls seitlich (hier vom Bauwich aus) zugänglich. Die Hauseinheiten haben jeweils eine Breite von 21 und eine Tiefe von 29 Metern. Über eine tiefe Eingangshalle erreicht man einen Aufgang, der von einem inneren Lichthof erhellt wird und sich in zwei Zugänge zu den beiden getrennten Treppenhäusern gabelt, die das "Vorderhaus" und das "Hinterhaus" erschließen. Das straßenseitige Treppenhaus erschließt zwei Wohnungen pro Geschoß, das hofseitige drei. Geßner hat die Treppenhäuser durch einen Lichthof getrennt, um die innenliegenden Dielen, Flure und Bäder der Wohnungen natürlich belichten und belüften zu können, was ihm als Reformator des Berliner Mietshausbaus sehr wichtig war. Insgesamt haben die drei Hauseinheiten 58 Wohnungen, von denen 13 als 2-, 30 als 3-, neun als 4- und sechs als 5-Zimmer-Wohnungen ausgelegt sind. Die Wohnungen wurden über Speiseaufzüge von der Zentralküche versorgt.

Ein Teil des Dachgeschosses war als Loggia und Terrasse für das Luft- und Lichtbad ausgebildet.Die Baukörper dieser Häuser sind stark durch kubische Vor- und Rücksprünge (Risalite, Erker, Loggien, Terrassen, Balkons) gegliedert und mit steilen Walmdächern gedeckt, die sich U-förmig um die Lichthöfe ziehen. Die großen Dachflächen sind durch Querhäuser und Gauben belebt. Die Fassaden sind - wie stets bei den Reformmietshäusern von Geßner - frei von historischen Stilzitaten und stattdessen durch differenzierte Fenster- und Loggienöffnungen frei gegliedert.

In dieser Anlage wohnten und arbeiteten Ende der dreißiger/Anfang der vierziger Jahre mehrere Mitglieder der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack, die gegen das NS-Regime kämpften. Im Haus Nr. 18-19 lebte das Ehepaar Greta (1902-81) und Adam Kuckhoff (1887-1943) und im Haus Nr. 17 Erika Gräfin von Brockdorff (1911-43). Eine Berliner Gedenktafel am Haus Nr. 18-19 erinnert an den Widerstandskämpfer Adam Kuckhoff. Ihm zu Ehren wurde 1987 der kleine Brunnenplatz am Südwestkorso zwischen Laubacher und Wilhelmshöher Straße Adam-Kuckhof-Platz benannt.

Literatur:
  • Geßner/ Das Deutsche Mietshaus, 1909 / Seite 64-68, 136
  • N.N./ Einküchenhaus Wilhelmshöher Straße 18-19, Berlin-Friedenau in Berliner Architekturwelt 18 (1915/16) 2 / Seite 61-62
  • Wasmuths Lexikon der Baukunst / Seite Bd. 2, 300
  • Thieme-Becker, Bd. 13 / Seite 497
  • BusB IV A 1970 / Seite 253-255
  • BusB IV B 1974 / Seite 288-290
  • Posener, Berlin auf dem Wege, 1979 / Seite 335-336
  • Uhlig, Günther, Kollektivmodell "Einküchenhaus", Werkbund-Archiv Nr. 6, Giessen 1981 / Seite 617
  • Stätten des Widerstandes in Berlin 1933-1945, Berlin 1987 / Seite 17 (Nr. 24)
  • Baumeister, Architekten, Stadtplaner, 1987Topographie Schöneberg/Friedenau, 2000 / Seite 146-147