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IBA 87-Komplex

Obj.-Dok.-Nr.: 09060155
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Schlesische Straße
Hausnummer: 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7
Strasse: Falckensteinstraße
Hausnummer: 4 & 5 & 6
Denkmalart: Ensemble
Sachbegriff: Mietshaus & Schule & Kindertagesstätte & Sozialbau

Die Grundstruktur des Blocks Oppelner Straße/Schlesische Straße/Falckensteinstraße/Wrangelstraße ist bis heute durch die schmalen und tiefen Grundstücke geprägt, die vor der Verstädterung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von Gärtnereien genutzt wurden. Nach einer Aufteilung der Randgrundstücke an der Oppelner und Falckensteinstraße in kleinere Parzellen wurden die vier in der Blockmitte gelegenen Gartengrundstücke mittig geteilt und der südliche Teil von der Wrangelstraße, der nördliche von der Schlesischen Straße erschlossen. Das einzige Grundstück, das bis 1965 ungeteilt zwischen den beide Straßen lag, gehörte der 54. Gemeindeschule, die 1874-75 von Hermann Blankenstein errichtet worden war. Durch Kriegszerstörungen blieb von der Schule nur das ehemalige Lehrerwohnhaus an der Schlesischen Straße 4 erhalten. Das Nachbargrundstück im Westen wurde geräumt und nicht neu bebaut, anstelle der beiden Wohnhäuser an der Ecke Oppelner Straße erbaute Erich Münch 1951 eine eingeschossige Ladenzeile.

Auf drei weiteren Grundstücken war die Bebauung in Teilen erhalten: Die 1886 vom Zimmermeister Falckenheyn erbauten Häuser in der Schlesischen Straße 5 und 6 hatten bis auf den ersten Hof alle Bauten in der Tiefe der Grundstücke verloren; das Haus Schlesische Straße 5 war mit dem Vorderhaus, einem halben Quergebäude und den Remisen erhalten, das Haus auf dem Grundstück Nr. 6 mit den zwei Seitenflügeln und einem Quergebäude. In der Falckensteinstraße 5 hatte das 1890-91 von Maurermeister Plümke errichtete Vorderhaus den Krieg überdauert; zwei Seitenflügel waren allerdings verloren.

Die Internationale Bauausstellung (IBA 1987) übernahm in der Kreuzberger Luisenstadt den Ausbau und die Neueinrichtung von Kindertagesstätten, Schulen und Senioreneinrichtungen, die Aufwertung von Straßen und Freiflächen sowie in Schwerpunktprojekten die Erneuerung von Wohn- und Gewerbebauten nach den Grundsätzen der behutsamen Stadterneuerung.

Der nach einem städtebaulichen Gutachten von Álvaro Siza Vieira entwickelte Bereich des Wohnblocks aus Mietshäusern und Sozialeinrichtungen Schlesische Straße 1-7, Falckensteinstraße 4-6 zeigt idealtypisch die Themen der IBA-Stadterneuerung für Kreuzberg: die Sanierung gründerzeitlicher Bestandsbauten unter Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner, die Schließung von Baulücken, den Neubau von Wohnungen und sozialen Einrichtungen, die Sicherung historischer Spuren und die Erhaltung einfacher Baustrukturen - hier die eingeschossigen Ladenbauten an der Schlesischen Straße - und die Qualifizierung des Blockinnenbereichs als gemeinschaftlich genutzte Freifläche. (1) Die drei von Álvaro Siza Vieira geplanten Neubauten gehen auf ein städtebauliches Gutachten für den nördlichen Teil des gesamten Wohnblocks zurück, zu dem die IBA und der Bezirk im Juni 1980 vier Planer eingeladen hatten. (2) Der Portugiese Siza, der ein in Fachkreisen geschätztes Ouvre und weitreichende Erfahrungen im partizipativen Wohnungsbau vorzuweisen hatte, war ein Wunschkandidat der IBA und in Berlin schon mit Entwürfen zum Spreewaldbad (1978/79) und einen Wohnblock am Fraenkelufer (1979) in Erscheinung getreten. Im Dezember 1980 wurde Siza als Sieger des Verfahrens vorgestellt. (3) Mit den ausgeführten Bauten konnte er sein erstes Projekt außerhalb von Portugal realisieren. Zusammen mit seinem Kontaktarchitekten Peter Brinkert gelang es Siza in mehreren Überarbeitungsphasen, die Bauten den Vorstellungen der Bauherren und Nutzer anzupassen, ohne dabei die für sein Werk typische künstlerische Handschrift aufzugeben.

In seinem auf Erhaltung der baulichen und sozialen Strukturen und die Sicherung historischer Spuren zielenden Programm war die Einbeziehung der eingeschossigen Ladenbauten, die an den Blockecken im Osten und Westen anstelle der kriegszerstörten Eckhäuser getreten waren, von besonderer Bedeutung. Zwar hielt Siza eine vom Eigentümer gewünschte Bebauung des Eckgrundstücks zur Falckensteinstraße für möglich; sein erster Entwurf sah aber die Nutzung der bestehenden Ladenbauten als Erdgeschosszone des Neubaus vor. Im Zuge der Überarbeitungen des Entwurfs konnte allerdings nur die Ladenzeile im Westen des Blocks erhalten werden; im Osten wurden nach mehreren Anpassungen des Entwurfs an die Vorstellungen des Bauherren und der Genehmigungsbehörden die Bestandsstrukturen lediglich im Kellergeschoss in den Neubau einbezogen. (4)

Sizas drei Neubauten sind sensibel auf den sozialen, baulichen und historischen Kontext abgestimmt. Drei Jahre nach Fertigstellung seiner Berliner Bauten erhielt Álvaro Siza Vieira 1992 den renommierten Pritzker Architecture Prize.


(1) Stadterneuerung rund ums Schlesische Tor. Entwürfe für die Schlesische Straße 1-8, hrsg. v. Bauausstellung Berlin GmbH, Berlin 1980; Wettbewerb Schlesisches Tor, SO 36, Kreuzberg. Engerer Wettbewerb über den Freiraum und städtebauliche Fragestellung, hrsg. v. Bauausstellung Berlin GmbH, Berlin 1981; Eichstädt, Wulf: Rund um's Schlesische Tor. In: ARCH+ 66 (1982); IBA Projektübersicht 1991, S. 310-315; Álvaro Siza. Das Gesamtwerk, hrsg. v. Kenneth Frampton, Stuttgart - München 2000. Álvaro Siza, Buildings and Projects 1986-1988, hrsg. v. Wilfried Wang und José Paulo dos Santos, New York 1988. City Sketches, Stadtskizzen, Desenhos urbanos, hrsg. v. Brigitte Fleck, Basel 1994. Álvaro Siza, Projekte fu?r Berlin. Ein Skizzenbuch 1978-1984, Ausst.-Kat., Berlin 1985.

(2) Eichstädt, Wulf: Rund um's Schlesische Tor. In: ARCH+, 66 (1982), S. 62-64.

(3) Stadterneuerung rund ums Schlesische Tor. Entwu?rfe fu?r die Schlesische Straße 1-8, hrsg. v. Bauausstellung Berlin GmbH, Berlin 1980.

(4) Brinkert, Peter: En bloc. In: Idee, Prozess, Ergebnis. Die Reparatur und Rekonstruktion der Stadt, hrsg. v. Senator fu?r Bau und Wohnungswesen, Berlin 1984, S. 138-145.

Literatur:
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 259 f.