denkmal  

 

Liste, Karte, Datenbank - Denkmaldatenbank

Wohnregal

Obj.-Dok.-Nr.: 09060154
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Admiralstraße
Hausnummer: 16
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Wohnhaus & Mietshaus
Datierung: 1984-1986
Entwurf: Nylund, Kjell & Puttfarken, Christof & Stürzebecher, Peter (Architekt)
Bauherr: Selbstbaugenossenschaft Berlin e.G.

Die Internationale Bauausstellung wollte die Baulücke in der Admiralstraße 16 als Modell für neue Bau- und Organisationsformen nutzen. Das Projekt für ein "Wohnregal" wies im Vergleich zu anderen Neubauvorhaben - wie beispielsweise den "Selbstbauterrassen" an der Wilhelmstraße oder dem Wohnhof an der Lindenstraße des holländischen Architekten Hermann Herzberger -, die sich ebenfalls durch die frühzeitige Einbeziehung der zukünftigen Bewohner auszeichneten, zwei wesentliche Unterschiede auf. Es wurde ohne einen Wettbewerb mit Unterstützung der IBA entwickelt und war genossenschaftlich organisiert. (1) Für die Realisierung gründete sich im Frühjahr 1984 die "Selbstbaugenossenschaft Berlin e.G." (2)

Die drei Architekten - Peter Stürzebecher, Kjell Nylund und Christof Puttfarken - hatten sich bereits im Vorfeld mit Beispielen "einfacher Bauweisen" beschäftigt und "Leichtbaustrukturen" untersucht, die sich "parasitär in vorhandene Tragstrukturen eingenistet" hatten. (3) Sie betrachteten Le Corbusiers "Maison Dom-ino" ebenso als Vorläufer ihres Berliner "Wohnregals" wie Gebäude in erdbebengefährdeten Gebieten, in denen "filigrane Tragstrukturen" mit "weichen Baumaterialien gefüllt werden." Auch auf eigene Erfahrungen mit "Selbst-Ausbau-Projekten" konnte die Gruppe um Stürzebecher zurückgreifen. Die Zeitschrift Arch+ wies darauf hin: "Dies ist nach vielen Jahren wieder ein Versuch genossenschaftliche Strukturen (.), genossenschaftliches Gemeinschaftseigentum und Formen solidarischer Selbsthilfe und Mitplanung im mehrgeschossigen Wohnungsbau zu verbinden." (4)

Das bauliche Konzept bestand aus einem weitgespannten Gerüst aus Stahlbetonfertigteilen. Zwischen die Brandwände der benachbarten Gebäude wurden im Abstand von 5,60 Metern Stahlbetondecken eingespannt, die als "gestapelte Grundstücksparzellen" nach den Vorstellungen der Bewohner ein- und zweigeschossig ausgebaut werden konnten. Das Tragwerk bestand aus den Brandwänden, dem dreispännig angelegten Treppenhaus mit außen angesetztem Lift und zwei Stützenreihen in den Achsen des Treppenhauses. In der ersten Bauphase wurde zwischen Januar und April 1985 der Rohbau ausgeführt, in der zweiten Bauphase erfolgte bis Juli 1986 der Ausbau durch die Nutzer. (5)

Die hohen "Regalgefache" wurden in sieben Geschossen ausgebaut und für zwölf Wohnungen ausgelegt: fünf große und zwei kleine Maisonettewohnungen in den Obergeschossen sowie drei Zwei- und eine Drei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss und in Teilen des ersten und zweiten Obergeschosses. Manfred Sack beschrieb das Wohnregal als "Häuserhaus" und "zwölf Holzhäuser übereinander in einem aus Fertigteilen zusammengesetzten Betonregal." (6) Unter Betreuung der Architekten und anderer Fachleute wurden in Holzskelettbauweise leichte Konstruktionen mit freier Grundrisseinteilung durch die Selbstbauer errichtet. "Kein Grundriss gleicht dem anderen. Die Wohnküchen zum Beispiel liegen je nach Gusto zum Westen oder nach Osten zur Admiralstraße. Solche Freiräume sind im herkömmlichen Sozialen Wohnungsbau undenkbar." (7)

Für die Fassade trennten die Architekten das "Kernhaus" vom "Außenhaus": An der Admiralstraße wurde vor das siebengeschossig ausgebaute "Regal" vom ersten Obergeschoss bis zum Dachrand ein Rankgerüst gesetzt, das als "prinzipielle Fortsetzung von Loggia und Terrasse in Form eines Pullovers" interpretiert wurde. (8) Es nivellierte die Unterschiede, die sich durch den individuellen Ausbau der Wohnungen in der Fassade zeigten - geschlossene Elemente, unterschiedlich ausgeformte Loggien, Wintergärten - und sollte zusammen mit dem angedeuteten Mittelrisalit und Giebel zugleich einen zeitgenössischen Kommentar zu den Fassaden der umgebenden Gründerzeitbauten abgeben.

Auf dem Dach wurde ein für alle Bewohnerinnen und Bewohner zugänglicher Garten mit einem kleinen "Haus auf dem Haus" angelegt. Auch der Außenraum hinter dem Haus wurde gemeinsam genutzt und mit den Nachbarn zu einer gemeinschaftlichen Fläche erweitert. (9)


(1) Knacke, Georg: Selbstbau e.G. Berlin. In: Arch+ 74 (1984), S. 55.

(2) Eine chronologische Darstellung findet sich im Zwischenbericht der Architektengruppe: Stürzebecher, Peter: Wohnregal. In: Bauwelt (1985) 8, S. 266 und in der Broschüre: Nylund, Kjell; Stürzebecher, Peter: Das Wohnregal im Schnittpunkt der Linien. Bewohner planen, bauen und leben gemeinsam in der Admiralstraße 16, Berlin-Kreuzberg, Berlin 1986, S. 50 f.

(3) Nylund, Kjell; Stürzebecher, Peter: Das Wohnregal im Schnittpunkt der Linien. Bewohner planen, bauen und leben gemeinsam in der Admiralstraße 16, Berlin-Kreuzberg, Berlin 1986, S. 8.

(4) Knacke, Georg: Selbstbau e.G. Berlin. In: Arch+ 74 (1984), S. 55.

(5) Nylund, Kjell/Stürzebecher, Peter: Das Wohnregal im Schnittpunkt der Linien. Bewohner planen, bauen und leben gemeinsam in der Admiralstraße 16, Berlin-Kreuzberg, Berlin 1986, S. 17.

(6) Sack, Manfred: Das Haus der zwölf Häuser. In: Die Zeit, 17.04.1987, S. 53.

(7) Duwe, Paul F./Johaentges, Karl: Wohnregal zum Selbstausbau; in: Deutsche Bauzeitung (1987) 4, S. 23.

(8) Nylund, Kjell/Stürzebecher, Peter: Das Wohnregal im Schnittpunkt der Linien. Bewohner planen, bauen und leben gemeinsam in der Admiralstraße 16, Berlin-Kreuzberg, Berlin 1986, S. 37.

(9) Nylund, Kjell/Stürzebecher, Peter: Das Wohnregal im Schnittpunkt der Linien. Bewohner planen, bauen und leben gemeinsam in der Admiralstraße 16, Berlin-Kreuzberg, Berlin 1986, S. 18, 31.

Literatur:
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 305