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Trabrennbahn Mariendorf

Obj.-Dok.-Nr.: 09055082
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Mariendorf
Strasse: Mariendorfer Damm
Hausnummer: 222 & 298
Strasse: Hirzerweg
Hausnummer: 47 & 49 & 51 & 53 & 55 & 57 & 59 & 61 & 63 & 65 & 67 & 69 & 71 & 73 & 75 & 77 & 79 & 81 & 91 & 93 & 95 & 97 & 99 & 101 & 103 & 105 & 107 & 109
Strasse: Kruckenbergstraße & Titlisweg
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Trabrennbahn & Stall & Tribüne
Entwurf: 1911-1912
Baubeginn: 1912
Entwurf: Endell, August (Architekt)

Westlich des Mariendorfer Damms wurde 1912-13 die Trabrennbahn Mariendorf, (1) Mariendorfer Damm 222/298 und Hirzerweg 47/109, angelegt. Nachdem die Trabrenngesellschaft, die das Gelände ausgesucht hatte, in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war, sprang der Verleger Bruno Cassirer, Besitzer eines Rennstalls, finanziell ein. Um die Bahn zu retten, gründete er mit verlässlichen Partnern den Trabrenn-Verein Mariendorf. Der Trabrennsport war vor allem in bürgerlichen Kreisen beliebt, während Adlige und Offiziere den vornehmeren Galoppsport in Karlshorst und Hoppegarten bevorzugten.

Die gesamte Anlage in Mariendorf mit Tribünen, Totalisatorhäuschen für den Wettbetrieb, Restaurants, Stallungen und einem 1,2 km langen ovalen Geläuf wurde von August Endell geplant. Der vielseitige Künstler und Dichter, der über das Kunsthandwerk zur Architektur gekommen war, entwickelte für die Trabrennbahn einen eigenwilligen Baustil. Die Materialästhetik des Jugendstils verbindet sich mit einer sachlichen Architekturauffassung. Im Vordergrund standen Zweckmäßigkeit und Funktionalität. Der Dekor wurde deutlich reduziert. Von den Bauten, die August Endell an der Westseite der Rennbahn angeordnet hat, ist nur noch die Tribüne erhalten. Über dem Unterbau aus gelbem Backstein, der die schräg ansteigenden Sitzreihen trägt, ist eine offene Dachkonstruktion aus genieteten Stahlgitterträgern mit weit vorkragenden Kragarmen ausgebildet. Die Rückwand zeigt ein sparsames geometrisches Muster aus farbigen Glasursteinen, während die Seitenwände mit rhombenförmigen Fenstern verglast sind. Die Rückseite betonte August Endell durch eine monumentale Säulenstellung, deren architektonische Gestalt und Proportionierung von klassischen Vorbildern abweicht. Die sich verjüngenden Säulen besitzen kein Kapitell, sondern nur eine ungewöhnlich große Deckplatte. Über dem Gebälk folgen halbkreisförmige Fenster. Die nördlich anschließende Tribüne, nach dem früheren Restaurantbesitzer Robinson-Tribüne genannt, entstand 1935-36. Die verglasten Wände und das überstehende Dach werden von einer Stahlkonstruktion getragen. Südlich der Rennbahn ordnete August Endell die Stallungen an. Die ländlich wirkenden Fachwerkbauten bestehen aus einem lang gestreckten, niedrigen Stalltrakt, der von giebelständigen Kopfbauten mit quer gestellten Satteldächern gerahmt wird. Die übrigen Gebäude der Trabrennbahn, darunter das Betriebsgebäude und das Totalisatorhäuschen, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1977 hat man den Zielrichterturm abgerissen. Das 1960-61 von Werner Weber erbaute Teehaus ist ein Beispiel für die transparente und heitere Architektur der Nachkriegszeit. Das zweigeschossige kubische Gebäude wird durch Betonstützen gegliedert, während die Wände vollständig in Glasflächen aufgelöst sind. Eine Ergänzung von 1972-74 ist das als Festzentrum erbaute neue Tribünenhaus, ein sechsgeschossiges Gebäude mit Sichtbetonwänden.

Die Geländeabschnitte südlich und nördlich der Rennbahn wurden 1998 und 2001 vom Trabrenn-Verein verkauft. An der Kruckenbergstraße entstand eine Altenwohnanlage, am Titlisweg wurde ein Einkaufszentrum eingerichtet.


(1) Scheffler, Karl: Neue Arbeiten von August Endell, in: Kunst und Künstler 11 (1913), S. 350-359; Behrendt, Walter Curt: Aus Berliner Bauakten, in: Architektonische Rundschau 30 (1914), S. 6-7, Tafeln 17-18; [Rennbahn Mariendorf] in: Neudeutsche Bauzeitung 12 (1916), S. 115-117; 60 Jahre Trabrennbahn Mariendorf. Eröffnung des Neuen Tribünenhauses als sportlich-gesellschaftliches Zentrum, [Berlin 1973]; Reichel, Klaus: Vom Jugendstil zur Sachlichkeit. August Endell (1871-1925), Dissertation, Bochum 1974, S. 158-161; 75 Jahre Trabrennbahn Mariendorf 1913-1988, [Berlin 1988]; Nutt, Harry: "...noch 100 Meter bis zum Start...". Aktuelles und Historisches zum 75jährigen Bestehen der Trabrennbahn Mariendorf, Berlin [1988]; Worbs, Dietrich: Ein Architekt der modernen Raumbildung. August Endell zum 125. Geburtstag, in: Bauwelt 87 (1996), S. 822-823; BusB VII C, S. 150-152, 206-207; Dehio Berlin 2000, S. 419.

Literatur:
  • August Endell, Ausstellungskatalog, 1977Topographie Tempelhof, 2007 / Seite 187f.