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Dorfkirche Mariendorf

Obj.-Dok.-Nr.: 09055057
Bezirk: Tempelhof-Schöneberg
Ortsteil: Mariendorf
Strasse: Alt-Mariendorf
Hausnummer: 37
Strasse: Mariendorfer Damm
Hausnummer: 132 & 134 & 136 & 138
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche ev. & Kirchhof
Datierung: 1201-1230
Umbau: 1530-1570
Umbau: 1737
Umbau: 1954-1956

Die im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts erbaute Dorfkirche Mariendorf auf dem Grundstück Alt-Mariendorf 37 und Mariendorfer Damm 132/138 (1) erinnert an die achthundertjährige Geschichte des Ortes, die mit der deutschen Besiedlung der Teltow-Hochfläche und der Gründung Mariendorfs durch den Templerorden begann. Die rechteckige Saalkirche mit einem nicht vollständig erhaltenen Westturm, einem eingezogenen, nahezu quadratischen Chor und einer halbkreisförmigen Apsis repräsentiert als "vollständige Anlage" den Standardtypus märkischer Dorfkirchen. Die ungegliederten Wandflächen mit den kleinen, runden Fensteröffnungen sind aus behauenen Feldsteinquadern gefügt. Die Bauuntersuchungen haben ergeben, dass Saal und Westturm etwas später an den älteren Chorbereich angefügt worden sind. Der spätgotische Sakristeianbau an der Nordseite des Chores erhielt im 16. Jahrhunderts seine heutige Gestalt. Der Fachwerkaufsatz mit Holzverschalung auf dem dickwandigen, querrechteckigen Westturm stammt von 1737. Das ziegelgedeckte Zeltdach leitet zu einem achteckigen Türmchen mit geschweifter Haube über. Der Bär an der Wetterfahne erinnert daran, dass das Patronat seit 1435 bei der Stadt Berlin lag. Eine 1480 gegossene Glocke läutet noch heute zum Gottesdienst. (2) Als russische Truppen die Kirche 1812 mit Kanonen beschossen, brach aus dem Turmmauerwerk eine größere Partie heraus, die durch eine verputzte Ausmauerung ersetzt wurde.

Der rechteckige Saal, der ursprünglich nur durch eine Pforte an der Nordseite zu betreten war, erhielt 1436 eine Holzbalkendecke mit ornamental bemalten Deckenbalken. (3) Im 16. Jahrhundert wurde der Raum durch stämmige Säulen in zwei Schiffe unterteilt und überwölbt, wobei die alte Holzbalkendecke über der Einwölbung erhalten blieb. Die beiden parallelen Tonnengewölbe werden durch hohe Stichkappen gegliedert, die den Eindruck aneinander liegender Gewölbejoche vermitteln. Im Chor ist ein einfaches Kreuzgratgewölbe ausgebildet. Die 1567/68 durchgeführte Erneuerung des Dachwerks lässt vermuten, dass die Einwölbung aus der gleichen Zeit stammt. (4) Die 1589 eingebauten Glasfenster an der Südseite des Chores mit Wappendarstellungen und Namen der Bürgermeister, Kämmerer und Ratsherren von Berlin und Kölln wurden 1945 zerstört. Während der Zweite Weltkrieg nur wenige Schäden anrichtete, brachte die 1953-56 unter Leitung von Friedrich Mellin durchgeführte Purifizierung und Erneuerung erhebliche Veränderungen, die das Bild der Dorfkirche bis heute bestimmen. In der Absicht, einen einfachen, schlichten Kirchenraum zu schaffen, wurde die gesamte historische Ausstattung vernichtet. Das betraf das mittelalterliche, aus Eisen geschmiedete Tabernakel, den Renaissance-Taufstein, die barocke Kanzel von 1714, die neugotische Orgel und die bemalte Seitenempore. Der im Zweiten Weltkrieg ausgelagerte und bis heute verschollene Renaissance-Altar von 1626 wurde durch eine Kopie des Kruzifixes aus der Abteikirche in Werden bei Essen, entstanden um 1060, ersetzt. Hermann Kirchberger schuf die Bleiverglasung der kleinen Apsisfenster mit der Darstellung der vier Evangelisten und der Marterwerkzeuge Christi. Der alte Eingang an der Nordseite der Kirche wurde zugemauert, die zum Kirchenschiff gerichtete Turmwand abgebrochen und das spitzbogige Westportal in ein rundbogiges Stufenportal umgewandelt. In die Dorfkirche kamen sechs kleine Holztafelbilder (Abraham und die drei Engel, Elias mit dem Feuerwagen, Fußwaschung, Enthauptung Johannes des Täufers), gemalt vor 1600 und 1646, die ursprünglich die Emporenbrüstung der Heilig-Geist-Kapelle in Berlin-Mitte schmückten. Weitere Brüstungstafeln aus der 1905 profanierten Heilig-Geist-Kapelle werden in der Dorfkirche Tempelhof und in der Dorfkirche Zehlendorf aufbewahrt. Das schildartig gewölbte Tafelbild im Chorraum, entstanden um 1600, stellt die Kreuzigung dar. (5) Im Turm der Dorfkirche, der zuletzt 2002 restauriert und teilweise erneuert wurde, hängt seit 1970 ein Glockenspiel mit sechzehn Glocken, das stündlich Choräle und geistliche Volkslieder spielt.


(1) Bergau 1885, S. 518-520; Göldner 1925, S. 35-36, 53-54, 72; Pomplun 1960, S. 166, 171, 176; Pomplun 1962, S. 51-52; v. Müller 1968, S. 64-65; Kühne/Stephani 1978, S. 244-245; v. Müller 1981, S. 286-287; Pomplun 1984, S. 67-69; Hoffmann-Tauschwitz 1986, S. 24-32; Hoffmann-Tauschwitz 1987, S. 30; Cante 1987, S. 127-131; Tempelhof und seine Dorfauen 1987, S. 38-39; Petras 1988, S. 48-49; Schwarz, Berthold: Die Dorfkirche Alt-Mariendorf und ihre Geschichte, Berlin 1990; BusB VI, S. 333; Dehio Berlin 2000, S. 417-418; Wollmann-Fiedler/Feustel 2001, S. 90-94; Goetz/Hoffmann-Tauschwitz 2003, S. 289-291.

(2) Die Glocke ist mit einer Inschrift in gotischen Minuskeln versehen: "o o rex glorie + xpe [= christe] o veni + cum o pace o anno d[omi]ni mccclxxx o" (O König der Herrlichkeit, Christus, komm in Frieden. Im Jahr des Herrn 1480), siehe Wille, Klaus-Dieter: Die Glocken von Berlin (West). Geschichte und Inventar, Berlin 1987, S. 190-191.

(3) Die Datierung der Holzbalkendecke konnte 1995 durch eine dendrochronologische Untersuchung ermittelt werden.

(4) Die Datierung des Dachwerks von Langhaus, Chor und Sakristei konnte 1995 durch eine dendrochronologische Untersuchung ermittelt werden.

(5) Das Tafelbild stammt nicht aus der Dorfkirche Mariendorf, sondern wurde aus einer anderen Kirche hierher überführt. Der ursprüngliche Standort ist nicht zu ermitteln.

Literatur:
  • Kühne, Stephani/ Kirchen, 1978 / Seite 244 f.
  • Topographie Tempelhof, 2007 / Seite 154ff.