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Meierei C. Bolle

Obj.-Dok.-Nr.: 09050416
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Moabit
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 98
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Produktionsgebäude & Meierei
Fertigstellung: 1886-1887
Umbau: 1893
Entwurf: Bolle, Carl (Architekt)
Entwurf: Salow & Möller & Stegemann
Bauherr: Bolle, Carl (Meiereibesitzer)

Bei der Umgestaltung des Industriegeländes wurden die noch verbliebenen Fabrik- und Gewerbebauten in die Neubebauung integriert. Auf dem Grundstück Alt-Moabit 98-103, der ehemaligen Meierei C. Bolle, (1) ist das geglückt. Die 1886 von Carl Bolle gegründete Meierei hat sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zur führenden Milchverarbeitungsfabrik in Berlin entwickelt. Das Unternehmen belieferte die Großstadt mit frischer Milch und hygienisch einwandfreien Milchprodukten. Die Auslieferungswagen der Meierei C. Bolle gehörten damals zum alltäglichen Straßenbild. In der Nachkriegszeit wandte sich das Unternehmen dem Lebensmitteleinzelhandel zu. 1969 musste die Meierei den Betrieb einstellen. Heute ist der Firmenname Bolle gänzlich aus dem Berliner Wirtschaftsleben verschwunden.

Von der weiträumigen Fabrik, die im Kern aus zwei lang gestreckten, parallel angeordneten Backsteingebäuden bestand, konnte nur das westliche Meiereigebäude vor dem Abbruch bewahrt werden. Das drei- und viergeschossige Bauwerk, 1886-87 zwischen Spree und Alt-Moabit errichtet, beeindruckt durch den stringenten Wechsel zwischen Lisenen und gleichmäßig aufgereihten Blendfeldern. In jedem Blendfeld öffnet sich ein Rundbogen. Das Gebäude, das als Etagenfabrik zu verstehen ist, erhielt einen modernen konstruktiven Aufbau. Durch das offene System der gusseisernen Stützen konnten die Geschosse flexibel unterteilt werden. Im Erdgeschoss befand sich das Auslieferungslager der in den Obergeschossen verarbeiteten Milchprodukte. Der zur Straße Alt-Moabit ausgerichtete Kopfbau, der sich durch hohe, zweigeschossige Rundbogenfenster abhebt, wurde 1893 nach einem Entwurf der Architekten Salow, Möller & Stegemann angefügt. Die Lisenen- und Rundbogenarchitektur ist dem Fabrikgebäude angepasst, zeigt jedoch den Wunsch, mit einer repräsentativen Straßenfront auf das Unternehmen aufmerksam zu machen. Es sollte besonders auf die vorbildlichen Wohlfahrtseinrichtungen der Meierei C. Bolle hingewiesen werden. Im Erdgeschoss war ein Kindergarten untergebracht, im zweiten Obergeschoss konnten die Arbeiter und Angestellten eine große Kapelle und einen Festsaal nutzen. Heute ist die ursprüngliche Fassadengestaltung des Kopfbaus nur noch an den schmalen Längsseiten erfahrbar. Die Straßenfront wurde 1954 überformt und mit vertikalen gebäudehohen Fensterachsen versehen. Auch die innere Gestaltung ist durch zahlreiche Umbauten zerstört. Die Kapelle hat man 1919 in ein Kino und nach 1945 in ein Theater umgewandelt. (2)

Die Meierei wurde 1992-95 von Wolf-Rüdiger Borchardt umgestaltet. In der Etagenfabrik brachte man ein multifunktionales Büro- und Einkaufszentrum mit Läden, Restaurants und einer Markthalle unter. An der Spree schließt ein moderner Kopfbau, der sich im Erdgeschoss mit Arkaden zum Wasser öffnet, die Baugruppe ab. Dort ist ein Hotel untergebracht. Auf dem abgeräumten Fabrikgelände errichteten Bernd Kühn, Ulrich Bergander und Jochen Bley ein gigantisches U-förmiges Bürogebäude, das heute vom Bundesministerium des Innern genutzt wird. Dem Bürogebäude ist ein dreigeschossiger Backsteinbau mit einfach aufgereihten Fenstern und einem sparsamen Bauschmuck aus roten und gelben Ziegeln vorgelagert. Der malerisch am Spreeufer liegende historisierende Neubau erinnert an das 1894 erbaute Leutewohnhaus der Meierei C. Bolle, in dem ursprünglich Kutscher der Milchauslieferungsfahrzeuge untergebracht waren.


(1) BusB 1896, Bd. 1, S. 653-655; Eckstein, Julius: C. Bolle Berlin.

Historisch-biographische Blätter. Berlin 1903; Bolduan, Günther: 60 Jahre Meierei C. Bolle. Berlin 1941; Wirth 1955, S. 257-258; 75 Jahre Meierei C. Bolle. Hrsg. von der Meierei C. Bolle. Berlin 1956; Hecht, Max: Erinnerungen eines Mitarbeiters der Firma Bolle in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Jahr 1920. Berlin 1970; Hoffmann, Andreas: Meierei C. Bolle, Alt-Moabit 98-103. In: Geschichtslandschaft 1987, S. 174-186; Hildebrand/Lemburg/Wewel 1988, S. 106-107; Verloren, gefährdet, geschützt.

Baudenkmale in Berlin. Hrsg. v. Norbert Huse. Berlin 1988, S. 176-177; Engel, Helmut und Koop, Volker: Der Spreebogen. Carl Bolle und sein Vermächtnis. Berlin 1995.

(2) Das Theater ist nicht mehr vorhanden.

Literatur:
  • BusB I 1896 / Seite .
  • Oehlert, Wilhelm, Moabiter Chronik, Berlin 1910 / Seite .
  • Moabiter Heimatbuch, Berlin 1925 / Seite .
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite 257 f.; und weiterf. Lit.-Angaben
  • Berlin/ Residenzstadt, 1981 / Seite .
  • Hoffmann, Andreas/ Meierei C. Bolle in
    Geschichtslandschaft, Tiergarten 2, 1987 / Seite 174-186
  • Engel, Helmut/ Industriedenkmalpflege in Berlin in
    DeutscheKunst und Denkmalpflege 84 (?) 2 / Seite 155f.
  • Kühne, Günther / Hamm, Manfred, Bauten einerIndustrielandschaft, Berlin 1978 / Seite Nr. 105
  • Schmieder, Carl Bolle in Tradition. Zeitschrift fürFirmengeschichte und Unternehmerbiographie 2 (1960) / Seite 49-64
  • 75 Jahre Meierei C. Bolle Berlin (o. J. 1969)Topographie Mitte/Tiergarten, 2005 / Seite 217f.