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Reichstagsgebäude

Obj.-Dok.-Nr.: 09050341
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Tiergarten
Strasse: Platz der Republik
Hausnummer: 1
Strasse: Paul-Löbe-Allee
Hausnummer: 1
Strasse: Scheidemannstraße
Hausnummer: 2
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Parlament
Entwurf: 1871
Datierung: 1884-1894
Umbau: 1963 & 1971
Entwurf: Wallot, Paul (Architekt)
Entwurf: Baumgarten, Paul (Architekt)
Entwurf: Foster, Norman (Architekt)
Ausführung: Firmenconsortium
Bauherr: Deutsches Reich

Das Reichstagsgebäude, Platz der Republik 1, heute Sitz des Deutschen Bundestags, ist ein bedeutendes Monument deutscher Geschichte. (1) Das mächtige Bauwerk wurde für das aus allgemeiner, direkter und geheimer Wahl hervorgegangene Parlament des 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreichs und auch für den Bundesrat, der Vertretung der im Reich vereinigten Länder, gebaut.

Der Reichstag, der anfangs in Häusern an der Leipziger Straße untergebracht war, beschloss bereits 1871, ein eigenes Parlamentsgebäude zu errichten. Als Standort wurde die Ostseite des Königsplatzes bestimmt. Nach langwierigen Planungen und Verhandlungen wurde der Architekt Paul Wallot, der den zweiten Reichstagswettbewerb 1882 gewonnen hatte, mit der Ausführung beauftragt. Kaiser Wilhelm I. legte 1884 den Grundstein. Nach zehn Jahren Bauzeit konnte der Reichstag 1894 eingeweiht werden. Paul Wallot gestaltete das monumentale, breit gelagerte Gebäude in den Formen der italienischen Hochrenaissance. Nur dieser Baustil schien angemessen für die glanzvolle Repräsentation des deutschen Kaiserreichs. Ausgehend vom Reichstagsgebäude entwickelte Paul Wallot den "Reichsstil", der mit Elementen von Renaissance und Barock ein einigendes Band, übergreifend über die regionalen Bautraditionen der deutschen Bundesstaaten, bilden sollte. (2) Über einem rustizierten Sockelgeschoss sind zwei Hauptgeschosse ausgebildet, die durch kolossale Dreiviertelsäulen zwischen den Fensterachsen vertikal gegliedert werden. Vier markante Ecktürme, die nach dem Zweiten Weltkrieg vereinfacht wieder hergestellt wurden, verleihen dem Reichstag eine wehrhafte Massivität. Der Mitteltrakt, der den Plenarsaal enthält, wurde an der Westseite, die zum Königsplatz weist, mit einem Portikus hervorgehoben, bei dem sechs korinthische Säulen einen Dreiecksgiebel tragen. An der Ostseite bildet Paul Wallot ein triumphbogenartiges Kaiserportal aus. Die Kuppel, die den Plenarsaal bekrönte, bestand aus einer Eisen-Glas-Konstruktion, die damals außerordentlich modern war. Der Reichstag erhielt einen überaus reichen, heraldisch geprägten Bildschmuck. Da eine parlamentarische Symbolik noch nicht entwickelt war, schmückte man das Bauwerk vor allem mit Kaiserkronen, die die deutsche Einheit symbolisieren, und Wappen der deutschen Bundesstaaten, die die Vielfalt des Reichs zum Ausdruck bringen. Das vermittelt heute noch der Westeingang. Zusammen mit den Monogrammen der Hohenzollernkaiser in den Deckenkassetten der Vorhalle geben die von Otto Lessing geschaffenen Reliefs neben dem Portal einen Eindruck von der überaus reichen symbolhaften Dekoration, die ehemals den ganzen Reichstag schmückte. Über Personifikationen der Grenzflüsse Rhein und Weichsel wachsen große Bäume auf. An deren Ästen sind die Wappen der vier Königreiche Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg und der kleineren deutschen Bundesstaaten befestigt. In den Baumkronen sieht man einen Adler mit der Kaiserkrone in den Fängen. Das dreieckige Giebelfeld von Fritz Schaper zeigt das Reichswappen, umgeben von wehrhaften Gestalten. Unter deren Schutz blühen Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe. Die Inschrift "DEM DEUTSCHEN VOLKE" wurde erst 1916 angebracht. Die Buchstaben gestaltete Peter Behrens. An den anderen Teilen des Gebäudes wurde der skulpturale Schmuck in der Nachkriegszeit abgeschlagen. Dabei blieben jedoch die allegorischen Figuren erhalten, die an den vier Ecktürmen über dem verkröpften Gebälk stehen und auf Industrie, Landwirtschaft, Erziehung, Militärwesen und andere Zweige des öffentlichen Lebens verweisen. (3)

Der Plenarsaal des Reichstags brannte im März 1933 durch Brandstiftung aus. Das in den letzten Kriegstagen stark umkämpfte Gebäude erlitt erhebliche Zerstörungen. Die Kuppel wurde 1954 gesprengt. Der Wiederaufbau des Gebäudes, der deutlich machen sollte, dass Berlin weiterhin die Hauptstadt Deutschlands war, begann 1957. Dabei ließ die Bundesbauverwaltung den wilhelminischen Bilderschmuck weitgehend beseitigen. Paul Baumgarten d. J. gestaltete 1961-71 den großen Plenarsaal, der sich durch eine zeitgemäße Eleganz und sachliche Grundhaltung auszeichnete. Nach dem Beschluss, Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin zu verlegen, beauftragte der Bundestag den britischen Architekten Sir Norman Foster mit dem Umbau des Reichstags, der von 1995 bis 1999 dauerte. Die Einbauten der 1960er Jahre wurden beseitigt, die Reste der historischen Innenräume freigelegt und um eine moderne, sachliche Gestaltung ergänzt. Der Reichstag erhielt eine aufwendige Ausstattung mit Werken zeitgenössischer Künstler. (4) Über dem neuen Plenarsaal ordnete der Architekt eine parabolische Kuppel an, die staatsbürgerliche Offenheit und parlamentarische Transparenz symbolisiert. Die von innen beleuchtete Kuppel ist inzwischen zum Symbol der neuen Berliner Republik geworden.

Das Reichstagsgebäude war Schauplatz bedeutender Ereignisse deutscher Geschichte. Das 1871 eingerichtete Parlament war das politische Forum der sich zunehmend verbürgerlichenden Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs und Ort großer Debatten über die deutsche Außenpolitik. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstags die Republik aus. Der 1933 gelegte Reichstagsbrand diente dem nationalsozialistischen Regime als Vorwand, um die politischen Gegner auszuschalten. Für die sowjetischen Soldaten, die Berlin 1945 eroberten, verkörperte der Reichstag das nationalsozialistische Deutschland, obwohl das Gebäude nach 1933 nicht mehr als Parlamentsgebäude benutzt worden war. Auf dem hart umkämpften Reichstag wurde am 2. Mai 1945 die Rote Fahne als Zeichen des errungenen Sieges gehisst. Die Soldaten hinterließen im Reichstag zahlreiche Inschriften, die die Freude über den Sieg, oftmals aber auch den Hass auf den besiegten Feind wiedergeben. Einige dieser 1995-99 freigelegten Inschriften werden heute als Geschichtsdokumente gezeigt. In der Nachkriegszeit galt die mächtige Ruine als architektonisches Symbol der Frontstadt Berlin. Am 9. September 1948, nach Beginn der Berlin-Blockade, hielt Ernst Reuter vor dem Reichstagsgebäude seine berühmte Rede an die Völker der Welt. Die Kundgebungen am 1. Mai auf dem Platz der Republik demonstrierten den Selbstbehauptungswillen und das Freiheitsstreben der westlichen Stadthälfte. Mit einer übergroßen schwarzrotgoldenen Fahne wurde in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung gefeiert.


(1) Streiter, Richard: Das neue Reichstagshaus in Berlin von Paul Wallot. Berlin 1894; Rapsilber, Maximilian: Das Reichstags-Gebäude. Seine Baugeschichte und künstlerische Gestaltung sowie ein Lebensabriss seines Erbauers Paul Wallot. Berlin [1895], Das Reichstagsgebäude in Berlin von Paul Wallot. Leipzig 1897; Wirth 1955, S. 63-68; Raack, Heinz: Das Reichstagsgebäude in Berlin. Berlin 1978; Schmädeke, Jürgen: Der Deutsche Reichstag. Das Gebäude in Geschichte und Gegenwart. Berlin 1981; Cullen, Michael S.: Der Reichstag. Die Geschichte eines Monuments. [Freiburg] 1983; Schmädeke, Jürgen: Das Reichstagsgebäude, Platz der Republik. In: Geschichtslandschaft Berlin 1989, S. 73-105; Cullen, Michael S. und Kieling, Uwe: Der Deutsche Reichstag. Geschichte eines Parlaments. Berlin 1992; Platz der Republik. Vom Exerzierplatz zum Regierungsviertel. Ausstellungskatalog. Berlin 1992; Cullen, Michael S.: Der Reichstag. Parlament, Denkmal, Symbol. Berlin 1995, 2. Auflage Berlin 1999; Lemburg, Peter: Aspekte zum Nachkriegswiederaufbau des Reichstagsgebäudes. In: Denkmalpflege nach dem Mauerfall. Eine Zwischenbilanz. Berlin 1997, S. 142-150; "Dem deutschen Volke". Der Bundestag im Berliner Reichstagsgebäude. Hrsg. v. Heinrich Wefing. Bonn 1999; Bredekamp, Horst: Mediterraner Historismus. Das Reichstagsgebäude Paul Wallots. In: Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert der Kunst in Deutschland. Architektur in Berlin. Hrsg. v. Andres Lepik und Anne Schmedding. Köln 1999, S. 16-17; Bredekamp, Horst: Kuppel wider Willen. Das Reichstagsgebäude Sir Norman Fosters. In: Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert der Kunst in Deutschland. Architektur in Berlin. Hrsg. v. Andres Lepik und Anne Schmedding. Köln 1999, S. 122-123; Dehio Berlin 2000, S. 425-427; Hoffmann, Godehard: Architektur für die Nation? Der Reichstag und die Staatsbauten des Deutschen Kaiserreichs 1871-1918. Köln 2000; Norman Foster. Rebuilding the Reichstag. Hrsg. v. David Jenkins. London 2000 [deutsche Ausgabe Leipzig-Mannheim 2000]; Tietz, Jürgen: Plenarbereich Reichstagsgebäude. In: Hauptstadt Berlin. Denkmalpflege für Parlament, Regierung und Diplomatie. Berlin 2000, S. 33-38; Der Deutsche Bundestag im Reichstagsgebäude. Geschichte und Funktion, Architektur und Kunst. Hrsg. vom Deutschen Bundestag. Berlin 2002.

(2) Buddensieg, Tilmann: Das Reichstagsgebäude von Paul Wallot. Rätsel und Antworten seiner Formensprache. In: "Dem deutschen Volke". Der Bundestag im Berliner Reichstagsgebäude. Hrsg. v. Heinrich Wefing. Bonn 1999, S. 30-43.

(3) Nordwestturm: "Klein- und Hausindustrie" und "Elektrizität" von Syrius Eberle sowie "Handel und Schiffahrt" und "Großindustrie" von Gustav Eberlein; Südwestturm: "Weinbau" und "Bierbrauerei" von Robert Diez sowie "Ackerbau" und "Viehzucht" von Otto Lessing; Südostturm: "Rechtspflege" und "Staatskunst" von Hermann Volz sowie "Wehrkraft zu Lande" und "Wehrkraft zur See" von Rudolf Maison; Nordostturm: "Erziehung" und "Unterricht" von Friedrich Schierholz sowie "Kunst" und "Literatur" von Christian Behrens.

(4) Der Reichstag enthält Arbeiten von Jenny Holzer, Christian Boltanski, Grisha Bruskin, Günther Uecker, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Hans Haacke, Ulrich Rückriem, Bernhard Heisig, Katharina Sieverding, Anselm Kiefer, Georg Karl Pfahler, Emil Schumacher, Rupprecht Geiger, Carlfriedrich Claus, Wolfgang Mattheuer, Gerhard Altenbourg, Walter Stöhrer, Hermann Glöckner, Jürgen Böttcher-Strawalde, Joseph Beuys und Otto Freundlich. Das Farbkonzept stammt von Per Arnoldi.

Literatur:
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite 63-68
  • Cullen, Michael S.: Der Reichstag. Geschichte eines Monuments, Berlin 1983 / Seite bes.193-234 zur Bauausführung 1884-1892
  • Schmädeke, Jürgen/ Das Reichstagsgebäude =Geschichtslandschaft, Tiergarten 1, 1989 / Seite 73-105
  • Tietz, Jürgen: Plenarbereich Reichstagsgebäude, in: Hauptstadt Berlin. Denkmalpflege für Parlament, Regierung und Diplomatie 1990-2000, Berlin 2000 / Seite 33-38
  • Topographie Mitte/Tiergarten, 2005 / Seite 108ff.
  • BusB III 1966