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Wohnanlage Sickingenstraße 7 & 8

Obj.-Dok.-Nr.: 09050288
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Moabit
Strasse: Sickingenstraße
Hausnummer: 7 & 8
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Wohnanlage
Datierung: 1894-1895
Entwurf: Messel, Alfred (Architekt)
Bauherr: Berliner Spar- und Bauverein

Wirkliche und nicht nur kosmetische Verbesserungen der Arbeiterwohnungen beabsichtigte der 1892 gegründete Berliner Spar- und Bauverein, der in der Sickingenstraße 7-8, am nördlichen Rand des Beusselkiezes, 1893-95 seine erste genossenschaftliche Wohnanlage errichtete. (1) Die von Alfred Messel entworfene Hausgruppe mit zwei Vorderhäusern, zwei Seitenflügeln und einem abgerückten Quergebäude war richtungsweisend für die Wohnreform, die im ausgehenden 19. Jahrhundert von Genossenschaften vorangetrieben wurde. Alfred Messel, der nach dem Bauvorhaben in der Sickingenstraße weitere beispielgebende Wohnanlagen gestaltete, unternahm den Versuch, ein städtisches Mietshaus mit hellen, gesunden und dennoch billigen Wohnungen zu schaffen. (2) Da unter den Mitgliedern des Berliner Spar- und Bauvereins sehr viele Arbeiter waren, wurden in der Wohnanlage fast ausschließlich Kleinwohnungen mit ein bis zwei Zimmern untergebracht, die jedoch mit Küche, Speisekammer und Toilette überdurchschnittlich ausgestattet waren. Aus Kostengründen mussten jedoch Mängel in der Grundrissteilung hingenommen werden. Das betraf die gefangenen Räume, die schlecht belichteten Berliner Zimmer und vor allem die fehlende Querlüftung vieler Wohnungen. Alfred Messel zeigte mit der Wohnanlage eine Alternative zum üblichen Mietshaustyp auf. Auf eine dichte Bebauung und Grundstücksausnutzung wurde verzichtet. Die Gebäude umschließen einen großzügigen, begrünten Wohnhof, der den Wohnungen viel Licht und Sonne verschafft und als Erholungsraum dient. Um den Eindruck eines beengten, dunklen Hofes zu vermeiden, wurden die Seitenflügel nicht bis an das Quergebäude herangeführt. Alle Wohnungen, ob im Vorderhaus oder in den Hintergebäuden, erhielten den gleichen Standard. Ein Zeichen des genossenschaftlichen Zusammenlebens waren die Gemeinschaftseinrichtungen. Die Bewohner konnten Bibliothek, Badezimmer mit Duschen und Waschküchen nutzen, während den Kindern auf dem Hof ein Spielplatz zur Verfügung stand. Hinzu kamen Läden im Erdgeschoss, die den täglichen Bedarf abdeckten. Diese Ausstattung war für den genossenschaftlichen Wohnungsbau beispielgebend.

Alfred Messel verstand es, dem Genossenschaftsgedanken einen angemessenen architektonischen Ausdruck zu verleihen. Ansprechend präsentieren sich die beiden Vorderhäuser, die spiegelbildlich gegliederte Straßenfronten besitzen. Um ein Gegenstück zur bürgerlichen Wohnkultur zu schaffen, übertrug Alfred Messel den Landhausstil auf die Mietshausarchitektur. Dabei verzichtete er auf die bisher übliche hierarchische Fassadenordnung, die von einer lebhaften, geschossübergreifenden Gliederung abgelöst wurde. Säulenportale, gestaffelte Giebel, Laubengänge, ziegelgedeckte Dächer und Fachwerkmotive erzeugen ein malerisches, lebendiges Bild. Ein neuartiges Element sind die galerieartigen Balkone, die teilweise über die gesamte Straßenseite reichen. Mit ihrem filigranen Eisengittern vermitteln sie einen leichten, schwerelosen Eindruck. Die Wohnungen scheinen sich über die Balkone zum Straßenraum zu öffnen. Das von Alfred Messel entwickelte architektonische Prinzip einer raumgreifenden, lebhaften Gestaltung mit Giebeln, Loggien und Balkonen war wegweisend für die Reformarchitektur des beginnenden 20. Jahrhunderts. Erstaunen ruft der festlich inszenierte Eingang hervor. Durchschreitet man das Säulenportal, dann gelangt man in eine zweigeschossige, durchaus herrschaftlich wirkende Eingangshalle. Ein geschwungener, barocker Treppenlauf mit eisernem Geländer führt auf eine Galerie. Erst dort beginnt die Geschosstreppe, die die Arbeiterwohnungen erschließt.


1) Unger, Josef: Der Arbeiter-Bauverein in Kopenhagen und die Spar- und Bauvereine in Deutschland. In: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins 47 (1895), S. 545-548, 556-563; BusB 1896, Bd. 3, S. 250-251; Arbeitermiethäuser in Berlin. In: Berliner Architekturwelt 2 (1900), S. 315-325; 60 Jahre Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892. Berlin 1952, S. 11-12; BusB IV B, S. 9, 14; Posener 1979, S. 344-345; Zwischen Tradition und Innovation. 100 Jahre Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892. Hrsg. v. Klaus Novy und Barbara von Neumann-Cosel. Berlin 1992, S. 23-26, 128-129; Dehio Berlin 2000, S. 445.

2) Alfred Messel (1853-1909) war von 1893 bis 1898 Vorstandsmitglied und von 1899 bis 1902 Aufsichtsratsmitglied des Berliner Spar- und Bauvereins. Während dieser Zeit entstanden unter seiner Planung die Wohnanlagen Eschenallee, Ecke Ulmenallee, in Charlottenburg-Westend (1896-97), Proskauer Straße in Friedrichshain (1897-98) und Stargarder Straße in Prenzlauer Berg (1900).

Literatur:
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite 175
  • BusB IV B 1974 / Seite 121 (dort Literaturliste)
  • Buddensieg, Tilmann, Messel und Taut. Zum Gesicht der Arbeiterwohnung in archithese 12 (1974) / Seite 23ff.
  • Katamon Exposé / Seite 288f.
  • Topographie Mitte/Tiergarten, 2005