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Grünanlagen und Freiflächen des Hansa-Viertels mit Strukturen der 1950er und Anfang der 1960er Jahre

Obj.-Dok.-Nr.: 09046313
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Tiergarten
Strasse: Altonaer Straße
Hausnummer: 1 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & 10 & 12 & 14 & 15 & 18 & 20 & 22
Strasse: Bartningallee
Hausnummer: 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 9 & 10 & 10A & 10B & 10C & 10D & 11 & 12 & 13 & 16
Strasse: Händelallee
Hausnummer: 1 & 3 & 5 & 7 & 9 & 20 & 22 & 26 & 28 & 28A & 29 & 33 & 31 & 32 & 33 & 34 & 35 & 37 & 39 & 41 & 43 & 45 & 57 & 49 & 51 & 53 & 55 & 57 & 59 & 59A & 61 & 61A & 63 & 65 & 67
Strasse: Hanseatenweg
Hausnummer: 1 & 3 & 6 & 10
Strasse: Klopstockstraße
Hausnummer: 2 & 7 & 9 & 11 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17 & 18 & 19 & 21 & 23 & 25 & 27 & 29 & 30 & 31 & 32
Strasse: Straße des 17. Juni
Hausnummer: 100
Strasse: Hansaplatz
Denkmalart: Gartendenkmal
Sachbegriff: Grünanlage & Freifläche
Datierung: nach 1956
Entwurf: Mattern, Hermann & Pechère, René & Cramer, Ernst & Valentien, Otto & Hammerbacher, Herta & Jacobson, Edvard & Lüttge, Gustav & Porcinai, Pietro & Hübotter, Wilhelm & Sörensen, L. Th. (Gartenarchitekt)
Bauherr: Hansa Bau AG

Das Hansaviertel gehört auch mit der 1957 im Rahmen der Interbau realisierten Freiflächengestaltung zu den national und international bedeutenden Beispielen der Nachkriegsmoderne. (1) Schon der 1953 ausgeschriebene Wettbewerb für den Wiederaufbau des Hansaviertels hatte eine großzügige Lösung der durch Grünflächen gegliederten und aufgelockerten Stadt in Abkehr von der kleinräumigen Parzellenstruktur zum Ziel. Im neuen Hansaviertel änderte sich das Verhältnis von bebauter zu unbebauter Fläche von 1: 1,5 auf 1: 5,5. Dieser Flächengewinn infolge der Hochbauten konnte zur Gestaltung gemeinschaftlicher parkartiger Grünflächen beiderseits der Altonaer Straße und in der Umgebung der Punkthochhäuser an der Bartningallee genutzt werden. Bei der städtebaulichen Planung der Interbau wurde die Idee der prämierten Preisträger von 1953, Jobst und Kreuer, beibehalten, die Siedlung im Süden und Südosten durch die Stellung der Baukörper zur Parklandschaft des Tiergartens zu öffnen. Die Grenze zwischen Park und Siedlung wurde aufgelöst, der Tiergarten sollte sich in frei gestalteten, durch Spazierwege erschlossenen Grünbereichen im Hansaviertel fortsetzen. Die nur locker bepflanzten Freiräume sowie die offene und durchlässige Gestaltung der Erdgeschosse mehrerer Großzeilen sollten Blickbeziehungen zum Tiergarten eröffnen. Im Vordergrund der Freiraumplanung stand die Gestaltung einer differenzierten "Wohnlandschaft" die den neuen Anforderungen des sozialen Grüns in Form von gemeinschaftlichen Spiel- und Ruhezonen sowie Begegnungsstätten gerecht werden musste. (2) Diese Zielsetzung wurde von den mit der Grünplanung beauftragten, in- und ausländischen Gartenarchitekten konsequent umgesetzt. Die Großzügigkeit der Freiraumgestaltung der Interbau ist heute infolge eines Pflegedefizits und zusätzlicher späterer Anpflanzungen nicht mehr vollständig erfahrbar. Der großen Bedeutung der Grünflächen im Gesamtkonzept des Hansaviertels wurde mit der Aufnahme von Professor Walter Rossow in den Leitenden Ausschuss der Interbau entsprochen. Bereits in der konzeptionellen Phase zog man die Gartenarchitekten, koordiniert durch Helmut Bournot von der Hansa AG, gleichberechtigt hinzu. Die zehn namhaften Gartenarchitekten erstellten in Teams von je einem deutschen und einem ausländischen Vertreter Entwürfe für das in fünf Bereiche geteilte Ausstellungs- bzw. Siedlungsareal. Die differenzierten Grünräume entsprachen weitgehend der Gruppierung der Bautypen. Bei der Gestaltung wurde besonderer Wert auf ruhige, von bepflanzten Böschungen abgeschirmte Wohnbereiche und eine abwechslungsreiche Bodenmodellierung der Rasenflächen gelegt. Bis heute überliefert ist die bauliche Materialvielfalt wie der Wegebeläge aus Beton- und Waschbetonplatten, Klinkern und Pflasterungen aus Naturstein. Zu den typischen Gestaltungselementen gehören auch einfassende Mauern aus Sichtbeton, Pflanzgefäße sowie Solitärgehölze mit malerischer Wuchsform wie der Silberahorn.

Der von Hermann Mattern und René Pecherè aus Brüssel bearbeitete Abschnitt I an der Klopstockstraße wurde zum Schutz vor dem Verkehr zur S-Bahn durch eine breite Gehölzpflanzung und straßenseitig durch bepflanzte Erdwälle und Sichtbetonmauern abgeschirmt. Das förderte die Intimität der ursprünglich nur durch einige Anpflanzungen mit Großsträuchern voneinander getrennten, differenzierten Grünräume vor den fünf niedrigen Zeilenbauten. Hier entstanden private und halb öffentliche Bereiche für Familien als erweiterter Wohnbezirk im Freien. Zur Ausstattung gehörten Kinderspielplätze mit gepflasterten Sandmulden, geschützte Sitzplätze für Erwachsene und die nur teilweise erhaltenen charakteristischen Staudenbeete in Form ineinander greifender Dreiecke. (3) In der Umgebung der Großzeilen und des Hochhauses am südwestlichen Eingang der Siedlung akzentuierte dagegen die großzügige Freiraumgestaltung den städtebaulichen Entwurf. Die landschaftliche Gestaltung mit weiten Rasenflächen und wenigen Großbäumen, die Wegekreuzungen und Hauseingänge markierten, stellte eine Verbindung zum Tiergarten her.

Im Bereich II, den Otto Valentien und Ernst Cramer aus Zürich bearbeiteten, sind eingeschossige Atriumhäuser um Gartenhöfe gruppiert oder kleine Privatgärten mit Mauern und Eternitwänden abgegrenzt. Großflächig verglaste Hauswände sowie vorgelagerte Terrassen mit Betonplattenbelägen vermitteln den Eindruck von erweiterten Wohnräumen im Freien. Zur Ausstattung der funktional gestalteten Gartenhöfe gehörten auch Vogel- und Wasserbecken, Sandkästen und Blumenschalen sowie Solitärgehölze in freier Anordnung.

Herta Hammerbacher und der schwedische Gartenarchitekt Edvard Jacobson gestalteten die Freiräume im zentralen Abschnitt III. Mit dem Ziel, die Umgebung der Straßenkreuzung am Hansaplatz als Einheit wirken zulassen, gestaltete Hammerbacher einen "Fußgänger-Umgang", dessen Beläge aus Betonplatten verschiedener Größe und Farbigkeit sowie Bernburger Mosaikpflaster bestehen. Die mit den angrenzenden Rasenflächen verzahnten Beläge mit rhythmisch wechselnden Streifenmustern sind radial verlegt. Zum großzügig, mit nur wenigen Laubbäumen auf einer Wiesenfläche gestalteten Raum östlich des Hansaplatzes zweigt ein Weg ab. Den Freiraum gegenüber dem Einkaufszentrum akzentuiert heute eine 1958 in abstrakten Formen gestaltete Metallplastik von Hans Ullmann aus Chrom, Nickel und Stahl. Der erste Preisträger im Skulpturenwettbewerb der Interbau 1957 konstruierte sein bekanntes Werk aus Stützen, Stäben und Kugeln. Zur künstlerischen Ausstattung des Hansaviertels gehört auch die Bronzefigur einer Liegenden des brasilianischen Künstlers Alfredo Ceschiatti von 1958. Sie befindet sich auf einem Sockel nordwestlich der Niemeyer-Großzeile und ist in der Formgebung im Vergleich zu Henry Moores "Liegender" vor der Akademie der Künste eher konventionell gestaltet. Östlich des Hauses sind ruhige Aufenthaltsbereiche und ein Kinderspielplatz vorhanden. Hier verbinden sich die Wege in dem offenen, mit einigen Birkengruppen gestalteten Wiesenraum mit dem Wegenetz des Tiergartens. Den Verlauf der alten Brückenstraße markiert ein mit Granitplatten und Bernburger Mosaik befestigter Weg. Auf Edvard Jacobson geht die Gestaltung der Freiräume vor den Häusern der Skandinavier Jaenecke/Samuelson und Aalto zurück. Er war auch an der Gestaltung des Lesegartens im Atrium der Hansabücherei beteiligt. Hier bieten sich geschützte Aufenthaltsbereiche unter den Atriumgängen und im offenen, überwiegend mit Schieferplatten gepflasterten Hof, der mit Stauden, Sträuchern und zwei Bäumen bepflanzt ist und von Bernhard Heiligers Bronzeskulptur "Vegetative" akzentuiert wird. Über ein abgewinkeltes Wasserbecken ergibt sich ein Ausblick in Richtung Tiergarten.Der Bereich IV, geprägt durch die fünf Punkthochhäuser entlang der S-Bahn-Trasse, wurde von Gustav Lüttge und Pietro Porcinai aus Florenz gestaltet. Großzügige, mit wenigen Bäumen und Sträuchern bepflanzte Rasenflächen erstreckten sich in ausgemuldeter Form über Grundstücksgrenzen hinweg zwischen den Häusern. Ein wichtiges Gestaltungselement ist der nördlich der Grundstücke verlaufende Rankzaun mit seinen Sitzlauben entlang eines Verbindungsweges. Pergolen führten von den Banknischen zu den gegenüber angeordneten Sandkästen. Nach Süden stellten Rosen, Stauden, Kleingehölze und mehrere immergrüne Feuerdorn einen Übergang zur Rasenfläche her. Zwischen den Häusern von Hassenpflug und Lopez/Beaudouin fällt ein zickzackförmiger Klinkerweg, unterbrochen durch erhöhte und ummauerte Rundplätze, auf. Ein solcher formaler intimer Gartensitzplatz entstand auch östlich der Bartningallee am Haus Schwippert mit Blick in einen locker umpflanzten Rasengrund. Hier führt eine Grünverbindung zwischen Schlosspark Bellevue und Akademie der Künste in den Englischen Garten.

Auch im südlich der Bartningallee von Wilhelm Hübotter und C. Th. Sörensen aus Kopenhagen gestalteten Abschnitt V war die Verbindung der frei und großzügig gestalteten Grünanlagen in der Umgebung der drei realisierten niedrigen Zeilenbauten und des viergeschossigen Wohnhauses mit dem Tiergarten gestalterische Intention.


1) Gollwitzer, Gerda, In Berlin 1957. In: Garten und Landschaft 67 (1957), Heft 10, S.253-254; Rossow, Walter, Zur Internationalen Bauausstellung. In: ebenda, S.254-256; Bournot, Helmut, Koordinierung und Gesamtplanung der Grünflächen im Hansaviertel Berlin. In: ebenda, S.256-259; Gartenarchitekten planen im Hansaviertel. In: ebenda, S.260-266; Das Grün der Internationalen Bauausstellung Berlin 1957. In: Das Gartenamt 6 (1957) Heft 8, S. 153-156; Grünflächen im Hansaviertel. In: Bauwelt 48 (1957) Heft 37, S. 998 f.; Die Grünflächen im Hansaviertel. In: Bauwelt 48 (1957), Heft 24, S. 586. Zur Grünplanung der Internationalen Bauausstellung Berlin 1957. In: Garten und Landschaft 67 (1957), Heft 4, S. 96 f.; Kokkelink, Gesa; Tomisch, Jürgen, u.a.; Das Hansaviertel 1957-1993. Konzepte, Bedeutung, Probleme. Hrsg. vom Bezirksamt Tiergarten von Berlin in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Berlin 1995; Dolff-Bonekämper 1999, S. 22-38; Lingenauber, Klaus, Gartenhistorisches Erbe aus zwei politischen Systemen. In: Stadt und Grün 52 (2003) Heft 3, S. 46-49.

2) Mattern, Hermann, Gärten und Gartenlandschaften. Stuttgart 1960, S. 100; Mattern, Hermann, Die Wohnlandschaft. Stuttgart 1950.

3) Zu späteren Veränderungen der Freiflächen und Restaurierungen siehe Lingenauber, Klaus, Gartenhistorisches Erbe aus zwei politischen Systemen. In: Stadt und Grün 52 (2003) Heft 3, S. 46-49; Neumann, Uwe, Voruntersuchung zum Landschaftsplan Hansaviertel. Gutachten im Auftrag des Naturschutz- und Grünflächenamtes Berlin Tiergarten. Unveröff. Manuskript 1990.

Literatur:
  • Katamon Exposé / Seite 181f.
  • Topographie Mitte/Tiergarten, 2005