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Städtischer Friedhof Wannsee & Kirchplatz und Kirchhof von St. Andreas

Obj.-Dok.-Nr.: 09045971
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Lindenstraße
Hausnummer: 1 & 2 & 2A
Denkmalart: Gartendenkmal
Sachbegriff: Friedhof & Portal & Einfriedung & Mausoleum & Grabstätte
Datierung: 1887-1888
Umbau: 1895-1896 & 1917-1918
Entwurf & Ausführung: Otzen, Johannes (Architekt)
Entwurf: Stahn, Otto (Architekt)
Entwurf: Stahn, Otto (Architekt)

Der zwischen Lindenstraße und Don-Bosco-Steig gelegene, westlich den Übergang zum Düppeler Forst bildende Städtische Friedhof Wannsee (1), Lindenstraße 1, 2-2A, ist aufs Engste mit der Entwicklungsgeschichte der Villenkolonie Alsen und ihrer Bewohner verbunden. Er diente als Bestattungsort einer großen Anzahl der hier ansässigen Familien, die für Berlin und Preußen in Politik und Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft oftmals von herausragender Bedeutung waren. Die von Wilhelm Conrad zur Anlage als öffentlicher Friedhof gestiftete Parzelle, die sich zwischen den im spitzen Winkel zusammenlaufenden Strassen erstreckte, hatte einen Umfang von 5.000 Quadratmetern. Entsprechend der Grundstücksform sah der Entwurf des Kirchenbaumeisters Johannes Otzen von 1887 eine trapezförmige Anlage mit zwei peripheren und einem axialen Weg vom Eingangsportal im Osten zu einer Kirche an der Westseite vor. Die 1887-88 umgesetzte Konzeption bildet heute den ältesten, östlichen Friedhofsteil. Die alte Friedhofsanlage mit ihrem neugotischen Eingangsportal und der Flügelmauer aus rotem Backstein ist im Wesentlichen unverändert erhalten. Geprägt wird sie von der dreistrahligen, der spitzen Ostecke entspringenden Wegekonzeption, dem Halbrund vor der Aussegnungshalle und den oft aufwendig gestalteten Wandgrabstätten an der Friedhofsmauer. Eine alte Lindenallee akzentuiert die Mittelachse der Anlage.

Westlich der Kirche schließt die Friedhofserweiterung von 1917 nach Planung des Architekten Otto Stahn an. Sie weist geometrische Strukturen auf, die auf die sich vom Eingang an der Lindenstraße nach Norden parallel zur Friedhofsmauer entwickelnde Hauptwegeachse bezogen sind. Das in den 1930er Jahren gepflanzte Heckenraster entlang der Wege und zwischen den Grabflächen trägt zur Raumbildung und Gliederung dieses Bereichs bei. (2) Eine große Anzahl alter Grabstätten zeigt sich noch in ihren originären Abmessungen und Ausstattungen. Die ursprünglich in der Planung von Otzen vorgegebene Einheitsgröße der Gräber - eine überzeugende Idee von der Gleichheit aller im Tode - wurde schon bei den ersten Belegungen nicht berücksichtigt, wodurch die abwechselnde Folge von Einzel- und Familiengrabstätten entstand.

Auf dem alten Friedhof finden sich die Ruhestätte des Koloniegründers Wilhelm Conrad ebenso wie die Gräber der Architekten Johannes Otzen und Otto Stahn. Bedeutende Persönlichkeiten, so unter anderen der Kunstmäzen Eduard Arnhold, der Mediziner Ferdinand Sauerbruch sowie die Familien Langenscheidt, Siemens, Reclam, fanden hier ihre letzte Ruhe. Zu den größten und künstlerisch herausragenden Grabdenkmälern gehört die Grabanlage der Familien von Helmholtz und von Siemens, ein 1894 entworfenes Werk des Bildhauers Adolf von Hildebrand. (3) Realisiert wurde eine von Architekturen, Plastiken und Ziergittern umschlossene Grablege größeren Umfangs. Eine ganz eigenständige Wirkung entwickelt das von Curt Stoeving (4) 1912 geschaffene Wandgrab der Familie des Architekten Johannes Otzen. Die Kalksteinarchitektur in einer dem späten Jugendstil verpflichteten, individuellen Gotikadaption birgt ein Porträt des hier bestatteten Kirchenbaumeisters. (5) In exponierter Ecklage rechts neben der Kirche befindet sich die Grabstätte der Familie Otto Stahn mit einer Marmorfigur des Bildhauers und Architekten Max Frick aus dem Jahre 1919. An der Nordmauer hinter dem Haupteingang liegt die Grab des Chemikers Emil Fischer, das die Stadt Berlin zu Ehren Fischers errichten ließ, dem 1902 der Nobelpreis verliehen wurde. Die fünf Meter lange Grabwand aus Muschelkalk wird geziert durch ein Relief des Künstlers Fritz Klimsch (6), das ein kniendes Paar darstellt, welches eine große Henkelschale stützt. Ein frühes Hauptwerk des Bildhauers Ernst Westphal (7) stellt die Bronzegruppe eines Chronos vor einer dreiachsigen Grabwand dar. Hinter dem Gott der Zeit, der ein Stundenglas in der rechten Hand hält, schwebt ein weiblicher Genius. Die Auferstehungsallegorie in raumgreifenden neobarocken Formen ließ der Unternehmer Robert Guthmann anlässlich des frühen Todes seiner Ehefrau 1892 aufstellen. Von besonderem zeit- und kunsthistorischen Interesse ist das Mausoleum der Familie Oscar Huldschinsky an der südlichen Friedhofsmauer. Das aus hellem Kalksandstein bestehende, um 1903 entstandene Sepulkralbauwerk entwarf der Architekt Otto Stahn in späthistoristischen, an das Rokoko anknüpfenden Formen. Der Großunternehmer und Kohlemagnat Oscar Huldschinsky (8), einer der herausragenden Mäzene im kaiserzeitlichen Berlin, gehörte dem jüdischen Glauben an. Auf seinen Antrag hin wurden auf dem Friedhof Wannsee fortan auch Begräbnisse von jüdischen Bewohnern der Villenkolonie zugelassen.


1) Zur Unterscheidung vom Alten Friedhof Wannsee in der Friedenstraße trägt er traditionsgemäß auch den Namen Neuer Friedhof Wannsee oder auch Friedhof Wannsee II.

2) Der westlich anschließende Erweiterungsteil, der 1979 nach Plänen von Max Dietrich als Waldfriedhof nach landschaftlichen Motiven realisiert wurde, zählt nicht zum Denkmalbestand.

3) Adolf von Hildebrand (1847-1921).

4) Curt Stoeving (1863-1939).

5) Eingebunden in den hohen Ziergiebel findet sich ein Rundfenster mit bemerkenswerter, fragmentarisch erhaltener Farbverglasung.

6) Fritz Klimsch (1870-1960).

7) Ernst Westphal (1851-1926).

8) Oscar Huldschinsky (1846-1931).

Literatur:
  • BusB X A 3 1981 / Seite 124
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 118f
  • Wohlberedt/ Grabstätten, 1932-1952