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Garten Schreiber/Reichenheim

Obj.-Dok.-Nr.: 09045916
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Am Sandwerder
Hausnummer: 29 & 31
Denkmalart: Gartendenkmal
Sachbegriff: Villengarten
Datierung: 1924
Entwurf: Brodersen, Albert (Gartenarchitekt)
Bauherr: Petschek, Paul
Ausführung: Körner und Brodersen (Gartenarchitektensozietät)

Der aus zwei zunächst eigenständigen Grundstücken hervorgegangene Garten Schreiber/Reichenheim, Am Sandwerder 29/31, vereinigt gartenkünstlerische Traditionen aus der Entstehungszeit der Kolonie Wannsee, aus der die noch existierende Villa Am Sandwerder 31 stammt, mit den gewandelten Gestaltvorstellungen der 1920er Jahre. (1) Diese flossen mit der Umgestaltung der inzwischen zusammengelegten Grundstücke bei der Neubebauung der südlichen Parzelle Am Sandwerder 29 ein. (2) Die erzielte Einheit der Erscheinung durch die von Alfred Breslauer geschaffene Architektur mit dem durch Albert Brodersen gestalteten Garten bildete einst ein einmaliges Ensemble, das die so oft im Havelraum beanspruchte Italiensehnsucht letztmalig zu verwirklichen suchte. Heute sind diese Ideale leider nur eingeschränkt erlebbar, da die 1924 realisierte und im Krieg beschädigte Atriumvilla von Breslauer in den 1960er Jahren abgetragen wurde. Die Außenanlagen wurden seit 1940 und speziell in der Nachkriegszeit mehrfach verändert, unter anderem durch die Errichtung eines später wieder entfernten Luftschutzbunkers, die Anlage von Parkplätzen im Vorgarten und den Umbau des Bootshauses.

In den Jahren 1998-2000 erfolgte die umfassende Wiederherstellung des über 14.000 Quadratmeter großen parkartigen Gartens, der heute dem Gästehaus der Deutschen Bundesbank (Nr. 31) als Außenraum dient. Grundlage hierfür bildete der reich überkommene Originalbestand sowie umfangreiches Plan- und Abbildungsmaterial aus den 1920er Jahren. (3) Die Fläche vor dem erhaltenen Villenbau Am Sandwerder 31, die 1889 vom Architekten R. Schreiber als eigenes Wohnhaus im Neorenaissancestil erbaut worden war (4), wurde dabei neu geordnet und erhielt eine kreisrunde Vorfahrt, die von einer mächtigen Rotbuche und einem Zuckerahorn beschattet wird. Der südliche Vorgartenbereich stellt sich nach Abbruch der großen Villa als offene Wiesenfläche dar. Der von der Südecke einmündende Zugang mit einem Teil der ovalen, von zwei Eiben flankierten Vorfahrt verweist auf den einstigen Gebäudestandort. Das leicht über den Hangabsturz vorgeschobene Teehaus zeugt von der architektonischen Qualität der früheren Bebauung. Die anschließenden Stützmauern, Treppenläufe, Gitter und Terrassierungen mit dem wieder angelegten Staudengarten auf dem unteren Geländeabsatz lassen die architektonische Strenge der auf die Breslauersche Villa bezogenen Gartenräume nachempfinden. Die unterschiedlichen Höhen der Terrassierungen bieten abwechslungsreiche Ausblicke auf den Großen Wannsee. In einer großzügigen Rasenwelle fällt das Gelände weiter zum Ufer ab und endet vor einer Allee aus geschnittenen Dachlinden.

In der Anlage der nördlichen Parzelle sind hingegen die weich modellierten Formen aus der Erstanlage und der Zeit des Landschaftsgartens noch bewahrt: Vor der mit roten Sandsteinplatten befestigten Terrasse, deren Belag aus den 1950er Jahren stammt, durchzieht ein Serpentinenweg den steilen Efeuhang. Zwischen der oberen Kehre stellt eine fein geschwungene Kalksteintreppe die Verbindung von der Terrasse nach unten her. Am Hangfuß mündet die Serpentine in einen Rundplatz, von dem die gerade Wegeverbindung zum See abgeht. Die Uferpromenade, schon seit Anbeginn auf beiden Parzellen vorhanden, erstreckt sich heute auf einer durchgehenden Länge von über 70 Metern. Die Bäume der Uferallee mussten 2004 durch neue Dachlinden ersetzt werden. Der gesamte Garten weist jedoch noch eine Fülle von herrlichen alten Bäumen auf. So ist im vorderen Gartenteil nahe der Straße der alte Kiefernhain erhalten, die einstige Vorfahrt zeichnet eine Reihe aus Platane, Linde, Trauben- und Amerikanischer Eiche nach. Im rückwärtigen Gartenbereich wird die Abstufung des Geländes durch vielfältigen Baumbestand wie Säulenpappeln, eine Linde, Blut- und Rotbuchen akzentuiert.


1) Gartendenkmale in Berlin: Privatgärten 2009, S. 209-212 mit weiterführenden Literaturangaben.

2) Auf der südlichen Parzelle stand einst die 1880 von Christian Heidecke errichtete Sommervilla des Fabrikbesitzers Ferdinand Reichenheim. Die Rustica-AG, die 1923 beide Parzellen erworben hatte, ließ die Villa abrechen und an ihrer Stelle den Neubau mit Teepavillon und Bootshaus durch Alfred Breslauer errichten.

3) So u.a. die Veröffentlichung des damaligen Leiters der traditionsreichen Berliner Gartenbaufirma Körner und Brodersen, Carl Rimann. In dem 1927 erschienenen Buch "Die Praxis der Gartentechnik" werden verschiedene Arbeitsphasen der gartenkünstlerischen Realisierung mit Hilfe verschiedener Pläne erläutert, die das Grundstück Am Sandwerder 29/31 betreffen. Vgl. Rimann, Carl, Die Praxis der Gartentechnik, 1927. Der für die Gestaltung verantwortliche Albert Brodersen, den man 1910 zum Nachfolger des zweiten Berliner Stadtgartendirektors Herrmann Mächtig berufen hatte, war bis dahin Mitinhaber der Gartenbaufirma Körner und Brodersen und hatte augenscheinlich später noch intensive Kontakte zu diesem Betrieb. Bereits in jener Zeit hatte er einige höchst interessante Gartenschöpfungen entwickelt, wie z.B. den 1906 entstandenen Garten an der Villa Hamspohn, Am Großen Wannsee 40. Drei Jahre später war er auch für Max Liebermann tätig, der das Nachbargrundstück Am Großen Wannsee 42 erworben hatte. Berliner Gartendirektoren konnten neben ihrer behördlichen Tätigkeit auch freiberufliche Entwurfsarbeit leisten und ihre Gestaltungsideen in Privatgärten umsetzen. Der von Brodersen für die Grundstücke am Sandwerder entwickelte Umgestaltungsplan wurde jedoch nicht vollständig realisiert, da hierfür der Abbruch der alten Villa erforderlich gewesen wäre, der wegen der damaligen Wohnungsnot nicht genehmigt worden war.

4) Der relativ unbekannte Baumeister R. Schreiber unterhielt gemeinsam mit seinem Kompagnon Blumberg das Architekturbüro Blumberg & Schreiber, Atelier für Bauausführungen in der Anhalter Straße 6 in Berlin. Das Büro führte auch die Villa Schwabacher, Am Sandwerder 11, aus.

Literatur:
  • Privatgärten in Berlin, Petersberg 2005 / Seite 209
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 135f