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Fremdarbeiterlager Niederschöneweide I

Obj.-Dok.-Nr.: 09045213
Bezirk: Treptow-Köpenick
Ortsteil: Niederschöneweide
Strasse: Britzer Straße
Hausnummer: 5
Strasse: Köllnische Straße
Hausnummer: 1 & 2 & 3 & 4 & 5 & 6 & 7 & 8 & 9 & 10 & 11 & 12 & 13 & 14 & 15 & 16 & 17
Strasse: Rudower Straße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Fremdarbeiterlager
Datierung: 1943-1945
Entwurf: Freese, Hans (Architekt)
Ausführung: Bauabteilung Hetzelt der Generalbauinspektion (GBI)
Bauherr: Generalbauinspektion (GBI)

An der Britzer Straße endet das großstädtisch geprägte Wohngebiet. Das gegenüberliegende Terrain wurde um 1910 als Stadterweiterungsgebiet ausgewiesen. Krieg, Inflation und veränderte wirtschaftliche Bedingungen verhinderten die schon geplante Bebauung. Auf dem baumbestandenen Gelände legte der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Albert Speer, mitten im Zweiten Weltkrieg ein Barackenlager für ausländische Arbeitskräfte an. (1) Das zu großen Teilen erhaltene Fremdarbeiterlager, Köllnische Straße 1-17, Britzer Straße 5, ist ein wichtiges Dokument der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft. (2) Den zunehmenden Arbeitskräftemangel in den Jahren des Zweiten Weltkriegs versuchte man durch den Einsatz von Fremdarbeitern aus West- und Osteuropa auszugleichen, die in provisorisch errichteten Barackenlagern untergebracht wurden. Für das Berliner Stadtgebiet lassen sich mehr als 600 kleinere und größere Lager nachweisen, die jedoch fast alle nach 1945 beseitigt wurden. Heute erinnert insbesondere das Barackenlager in Niederschöneweide an den massiven Einsatz von Fremdarbeitern im Dritten Reich. Das Lager an der Köllnischen Straße wurde zwischen 1943 und 1945 angelegt. Als ausführender Architekt ist Hans Freese bezeugt, ein Mitarbeiter des Generalbauinspektors Albert Speer, später Rektor der Technischen Universität Berlin. Die Bauarbeiten übernahm eine Abteilung des Generalbauinspektors unter Leitung von Friedrich Hetzelt. Auf dem leicht unter Straßenniveau liegenden Gelände wurden zwölf eingeschossige Unterkunftsbaracken errichtet, die 2.160 Fremdarbeiter aufnehmen sollten. Ein zentrales Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude auf H-förmigem Grundriss trennt das Lager in zwei Bereiche. Die Baracken wurden annähernd symmetrisch angeordnet. Beiderseits des Wirtschaftsgebäudes begleiten zwei Unterkunftsgebäude die Köllnische Straße. An die rückwärtige Lagergasse schließen sich jeweils vier Baracken in Kammstellung an. Alle Gebäude wurden in massiver Bauweise aus Schlackebetonsteinen errichtet. Ein durchgehender Mittelflur erschließt die Schlafkammern der ausländischen Arbeiter. Einige Baracken sind unterkellert. Teilbereiche mit verstärkten Decken dienten bei Bombenangriffen als Luftschutzbunker. Das zentrale Wirtschaftsgebäude nahm Küche und Wäscherei auf. Das Lager, umgeben von Wohnhäusern und Kleingärten, besaß keine Absperrungen oder Sicherungsvorrichtungen. Baracken und Schlichtbauten bilden einen weithin vergessenen und unerforschten Teil der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Gerade in der nationalsozialistischen Ära bestand ein hoher Bedarf für schnell und billig zu errichtende Unterkünfte. Das Fremdarbeiterlager in Niederschöneweide, das bei Kriegsende noch nicht vollständig fertig gestellt war, beherbergte ab 1944 unter anderem italienische Bauarbeiter und weibliche Häftlinge eines Außenlagers des Konzentrationslagers Ravensbrück. (3) Nach 1945 zogen kleine Gewerbebetriebe, aber auch öffentliche Einrichtungen in die leer stehenden Gebäude. Die Baracken wurden mit der Zeit umgebaut, teilweise sogar stark verändert. Dennoch sind Strukturen und Bauformen des Fremdarbeiterlagers bis heute erlebbar.


1) Der Bau von Barackenlagern zur Unterbringung von Zwangsarbeitern wurde im 1942 geschaffenen und von Albert Speer geleiteten Reichsministerium für Bewaffnung und Munition koordiniert und veranlasst. Der Generalbauinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt (GBI) entschied als Genehmigungsbehörde über alle Bauanträge für Wohnlager. Darüber hinaus errichtete der GBI in Berlin über 70 Barackenlager in eigener Regie, um sie für "eigene" Zwangsarbeiter zu nutzen oder an andere Firmen zu vermieten. Vgl. Layer-Jung, Gabriele; Pagenstecher, Cord: Vom vergessenen Lager zum Dokumentationszentrum? Das ehemalige NS-Zwangsarbeiterlager in Berlin-Schöneweide; in: Gedenkstättenrundbrief 111, ( 2003).

2) Niederschöneweide-Schnellerstraße. Vorbereitende Untersuchungen gemäß ? 141 BauGB. Ehemaliges Fremdarbeiterlager an der Köllnischen Straße. Historische Recherche. Bearb. v. Planergemeinschaft Hannes Dubach und Urs Kohlbrenner. Typoskript Berlin 1993.

3) Vgl. Layer-Jung, Gabriele; Pagenstecher, Cord: A.a.O., Gedenkstättenrundbrief 111, ( 2003).

Literatur:
  • Demps, Zwangsarbeiter, 1986 / Seite passim
  • Bräutigam, Helmut, Nationalsozialistische Zwangslager in Berlin IV. Fremdarbeiterlager 1939-1945 =Berlin-Forschungen IV, 1989 / Seite 235ff.
  • Topographie Treptow-Köpenick/Nieder- und Oberschöneweide, 2003 / Seite 63 f.