denkmal  

 

Liste, Karte, Datenbank - Denkmaldatenbank

Mietshaus Köthener Straße 35 & 36 & 37 & 37A Bernburger Straße 16 & 16A & 17 & 18

Obj.-Dok.-Nr.: 09040304
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Köthener Straße
Hausnummer: 35 & 36 & 37 & 37A
Strasse: Bernburger Straße
Hausnummer: 16 & 16A & 17 & 18
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Mietshaus
Datierung: 1981-1985
Entwurf: Ungers, Oswald Matthias & Faskel, Bernd (Architekt)
Bauherr: BOTAG im Erbbaurecht des Landes Berlin

Der Entwurf für das Mietshaus an der Köthener Straße 35-37A und Bernburger Straße geht auf eine städtebauliche Studie aus dem Jahr 1981 zurück, die von Oswald Mathias Ungers in Zusammenarbeit mit Bernd Faskel entwickelt wurde. Das im Auftrag der Internationalen Bauausstellung (IBA 1987) für die Friedrichvorstadt erarbeitete Gutachten baute auf den Ergebnissen der Summer-Schools von 1977/78 auf, die Ungers mit Studentinnen und Studenten der Cornell-University in Berlin durchgeführt hatte. An die Stelle der von Josef Paul Kleihues bevorzugten Idee der "Stadtreparatur" setzte Ungers in seinen Sommerakademien das Konzept des "Stadtarchipels", in dem der Fokus auf verdichtete "Stadtinseln" in einem parkartig gestalteten Umfeld gerichtet wurde. Die von Ungers und seinen Mitarbeitern - darunter Rem Koolhaas, Peter Riemann, Hans Kollhoff und Arthur Ovaska - vorgestellten Entwürfe verankerten Leitbegriffe wie "Stadt in der Stadt", "Block im Block", "Haus im Haus" oder den Bautyp der "Urban Villa" in den Diskussionen zur zukünftigen Ausrichtung der Internationalen Bauausstellung. Das viel versprechende Konzept führte zu Ungers' Berufung als IBA-Planungsdirektor für die Südliche Friedrichstadt; ein Angebot, von dem der Architekt jedoch bereits im September 1979 zurücktrat. Mit dem Gutachten für die Friedrichvorstadt wurde Ungers' Planungsansatz für einen Teilbereich der IBA beibehalten und der Architekt erhielt mit dem Wohngebäude an der Köthener- und Bernburger Straße die Gelegenheit, innerhalb des städtebaulichen Rahmenplans einen Referenzbau auszuführen. 1988 wurde das Haus fertig gestellt. (1) Das freistehende Gebäude setzten Ungers und sein Mitarbeiter Bernd Faskel als "Block im Block" auf einen quadratischen Sockel mit Seitenlängen von jeweils vierzig Metern. Durch ein fünf Meter breites Wegenetz wurde die Grundfläche in neun quadratische Baufelder unterteilt; das in der Mitte gelegene Feld wurde frei gehalten und mit einem Baum bepflanzt. Das auf den acht Randfeldern errichtete Gebäude bietet zwei Lesarten an: Es kann als sechsgeschossiger "Super-Quader" (2) mit acht dreigeschossigen Toröffnungen verstanden werden oder als Gruppe von acht Einzelhäusern, die in den drei Obergeschossen miteinander verbunden sind. In den Vorentwürfen hatte Ungers unterschiedliche Varianten erprobt: Mal wurde das Motiv der Einzelhäuser durch eine verbindende Kolonnade auf dem Dach gestärkt, in anderen Versuchen der Gesamtkörper hervorgehoben. Das aus den Wegen und Baufeldern gebildete Hauptraster auf dem Sockel erhielt mit den Bodenbelägen eine feinere Binnenteilung, die auf die Ziegelfassaden übertragen wurde. Wie beim Aufbau des Baukörpers tarierten die Architekten hier das Verhältnis von Wand und Öffnung auf eine Weise aus, dass zwei Interpretationen ermöglicht wurden. Einerseits wirkten die raumhohen quadratischen Fensteröffnungen mit ihrer quadratischen Binnenteilung, als seien sie aus dem großen Volumen des Baukörpers herausgeschnitten. Andererseits konnte die Lineatur der gleich breiten Pfeiler, Brüstungen und Stürze als Hinweis auf eine Skelettbauweise verstanden werden, in der sich das Tragwerk in der Fassade abbildet.

Das Figur und Fassade bestimmende Raster bestimmte auch die Raumaufteilung der 44 Wohnungen, die in ihren Größen überwiegend für kinderreiche Familien oder Wohngemeinschaften ausgelegt waren. Die Maisonette-Wohnungen im Erdgeschoss bekamen eigene Eingänge vom Hof, die darübergelegenen Wohnungen wurden durch Treppenhäuser und Lifte in den Innenecken des Gebäudes erschlossen. Der Zugang zu den Wohnungen in den Mittelhäusern erfolgte über Brücken im zweiten Obergeschoss. Das fünfte Obergeschoss wurde hofseitig als Staffelgeschoss ausgeführt und ordnete den Wohnungen große Dachterrassen zu, die in den Innenecken von den sechsgeschossigen Treppenhäusern eingefasst wurden.

Ungers' Gebäude sollte als "Torhaus" den Zugang zur Friedrichvorstadt flankieren und die von ihm favorisierte Offenheit der Blöcke und Bauten zum Ausdruck bringen. Entlang der Bernburger Straße war der Block dem städtebaulichen Gutachten folgend in drei Baufelder unterteilt: Die westliche Ecke besetzte Ungers' Torhaus, die östliche ein Neubau von Horst Baumeister und Bernd Richter. Auf dem mittig gelegenen Baufeld entstand nach einem Vorentwurf von Ungers ein Spielplatz, der das Grundraster seines Hauses durch Wege, Spielflächen und Hecken auf den Freiraum übertrug. Von der Stresemannstraße führte ein Weg durch den Block bis zum Spielplatz an der Bernburger Straße, der im Süden der Straße als Quartiersdurchwegung seine Fortsetzung fand: Durch den Block südlich der Bernburger Straße mit einer parkartig ausgeführten Pflanzenkläranlage führte die Passage über den Fanny-Hensel-Weg bis zum Gelände des Anhalter Bahnhofs. (3)


(1) IBA Projektübersicht 1991, S. 100-101; Faskel, Bernd: Eckbebauung Köthener Straße 35-37/Bernburger Straße 15-17. In: IBA Neubaugebiete 1987, S. 83-85; Ungers, Oswald Mathias/Faskel, Bernd: Friedrichvorstadt. Planungsstudie und Bebauungsvorschlag i. A. der Internationalen Bauausstellung Berlin, Berlin 1981; IBA 1987 - Wohnungsgrundrisse: Ort. Typologie. Analyse. In: Baumeister (1987) 5; IBA - Die jüngsten Wohnbauten. 33 Projekte in Berlin. In: Baumeister (1989) 12; The City in the City. Berlin - A Green Archipelago. A manifesto (1977) by Oswald Mathias Ungers and Rem Koolhaas with Peter Riemann, Hans Kollhoff and Arthur Ovaska, hrsg. v. Florian Hertweck und Sébastian Marot, Zürich 2013 (Reprint).

(2) IBA - Die jüngsten Wohnbauten. 33 Projekte in Berlin. In: Baumeister (1989) 12, S. 43.

(3) Vgl. Gartendenkmal Bernburger Straße 22.

Literatur:
  • Bauausstellung Berlin GmbH (Hg.): Internationale Bauausstellung Berlin 1987, Projektübersicht, Berlin 1987 / Seite 98-99
  • Baumeister, 5, 1987 / Seite 46-47
  • Baumeister, 12, 1989 / Seite 43
  • Kieren, Martin: Oswald Mathias Ungers, Zürich 1994 / Seite 142-143,172-175
  • Kleihues, Josef Paul (Hg.): Internationale Bauausstellung Berlin 1984/87. Die Neubaugebiete. Dokumente, Projekte. Südliche Friedrichstadt, Band 3, Stuttgart 1987 / Seite 83-86
  • Ungers, Oswald Mathias: Architektur 1951-1990, Stuttgart 1991 / Seite 190-193
  • Ungers, Oswald Mathias: 10 Kapitel über Architektur; Ein visueller Traktat, Köln 1999 / Seite 54-69
  • Ungers, Oswald Mathias: Quadratische Häuser, Stuttgart 1986 & Ungers, Oswald Mathias; Faskel, Bernd: Friedrichvorstadt. Planungsstudie und Bebauungsvorschlag im Auftrag der Internationalen Bauausstellung Berlin, Berlin 1981 / Seite .
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 170 f.