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Wohnhaus & Kloster & Schule Axel-Springer-Straße 39

Obj.-Dok.-Nr.: 09040026
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Axel-Springer-Straße
Hausnummer: 39
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Wohnhaus & Kloster & Schule
Datierung: vor 1765 & 1861

Das Wohnhaus und Ursulinenkloster Axel-Springer-Straße 39 stammt als eines von sehr wenigen Häusern noch aus einer frühen Bebauungsphase der südlichen Friedrichstadt. (1) Es wurde nach 1750 auf dem Grundstück des "Zeidlerischen Gartens" in der Lindenstraße, deren nördlicher Abschnitt erst 1996 in Axel-Springer-Straße umbenannt wurde, gegenüber der nicht erhaltenen Jerusalemskirche erbaut. In den Bauakten findet sich ein erster Hinweis auf das Haus in einem Bauantrag des Hauptmanns Friedrich von Taubenheim aus dem Jahre 1765, "der das ehemalige Bremsche in der Lindenstraße ... gelegene Haus anjetzo besitzet". (2) Das mit 36 Metern ungewöhnlich breite Grundstück wurde in ganzer Breite mit einem 15-achsigen und dreigeschossigen Baukörper bebaut. Geschoss- und Traufhöhen sowie Fensterformate sind einheitlich, doch durch die Anordnung der Fenster ergibt sich eine Unterteilung in einen neun- und einen sechsachsigen Abschnitt. Der neunachsige Teil ist in sich symmetrisch gegliedert, seine Mittelachse wird durch die Durchfahrt hervorgehoben. Damit entspricht dieser Teil des Hauses dem in der Friedrichstadt üblichen Haustypus, mit ehemals drei Geschossen und neun Achsen allerdings in einer größeren Variante. Die übrigen sechs Achsen sind regelmäßig aufgereiht, in der zweiten, äußeren Fensterachse befindet sich ein Nebeneingang. Die Fassade wies ursprünglich eine flache Rustizierung im Erdgeschoss sowie Sockel- und Fenstersimse und schlichte Fensterverdachungen auf. Eine Reihe von Drempelfenstern bildete den oberen Abschluss unter einem einfachen Walmdach. (3) Der Haupteingang des Hauses ist die Durchfahrt in den Hof, das recht bescheidene Treppenhaus gliederte sich südlich an. Das Bremsche Haus war ein besonders großes Haus mit ungewöhnlich großzügigen Wohnungen. So verwundert es nicht, dass für die Mieterschaft 1764-66 ein rückwärtiger Seitenflügel für Stallungen, Wagenremise und Kutscherwohnung errichtet wurde.

1855 erwarb die St.-Hedwigs-Gemeinde das Anwesen und stellte es für die Einrichtung eines Ursulinenklosters mit der ersten katholischen höheren Töchterschule Berlins zur Verfügung. Als "Monasterium zur unbefleckten Empfängnis Mariä" erlangte das Kloster 1857 die Unabhängigkeit vom Mutterhaus in Breslau. Kloster und Klosterschule nutzten das Haus bis zu ihrer Vertreibung im Dritten Reich, unterbrochen durch die Schließung aufgrund des "Klosteraufhebungs-Gesetzes" zwischen 1877 und 1889. In dieser Phase übernahmen "weltliche Damen" die Einrichtungen, im Vorderhaus wurden wiederum Wohnungen vermietet.

Für die Funktionen Schule, Lehrerinnenseminar, Kloster, Pensionat und Waisenhaus erfolgte ein sukzessiver Ausbau: 1859-60 wurde eine große Kapelle an der südlichen Grundstücksgrenze errichtet. 1860/61 erfolgte der Neubau eines dreigeschossigen, schlichten Querhauses für den Konvent, 1871 ein viergeschossiger Neubau anstelle des linken Seitenflügels. 1896 wurde das Vorderhaus um eine vierte Etage aufgestockt. 1911-12 ließen die Ursulinen nach Plänen des Architekten Albert Wehner ein aufwendig gestaltetes, fünfgeschossiges Schulgebäude mit Klassen- und Lehrerzimmern, Turnsaal, Küche und Speisesaal und zwei gerundeten und überkuppelten Treppenhaustürmen diagonal auf dem rückwärtigen Grundstück errichten.

Unter den Nationalsozialisten wurde es den katholischen Schulen verboten, weitere Schüler aufzunehmen, die Ursulinen mussten 1937 das Schulgebäude an die benachbarte Feuerwache verkaufen.

Das Vorderhaus der Lindenstraße 39 überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet. Zerstörungen gab es an der Kapelle, den Seiten- und Quergebäuden sowie am Schulhaus von 1912. Sowohl die Kapelle als auch das Schulgebäude wurden in der Folge abgetragen. An der Straßenfassade wurde die Dekoration entfernt und ein Kratzputz aufgetragen. Seit 1976 befindet sich die Immobilie im Besitz des Landes Berlin und wird als Künstlerhaus mit Café und Galerie genutzt.


(1) Zur Geschichte des Hauses vgl. Schade, Waltraud: Ursulinenschule und Ursulinenkloster Lindenstraße 39. In: Geschichtslandschaft Berlin 1994, S. 209 ff.; Lindenstraße 39, Klosterschule und Künstlerhaus, Dokumente und Materialien zur Metamorphose eines Gebäudes in Berlin-Kreuzberg, bearb. v. Andrea Bergler und Helga Lieser, Berlin (Kreuzberg Museum) 1992; Wesner, Marina: Kreuzberg und seine Gotteshäuser, Berlin 2007, S. 188-191. Die Südliche Friedrichstadt entstand ab den frühen 1730er Jahren; dort gibt es außerdem noch das Haus Friedrichstraße 206 (im Kern Mitte 18. Jahrhundert) und das Kollegienhaus, Lindenstraße 14, mit wenig Substanz aus der Erbauungszeit 1735. In der älteren nördlichen Friedrichstadt (Bezirk Mitte) sind weitere Häuser erhalten: die Pfarrhäuser Taubenstraße 3 und Glinkastraße 16 (beide 1739).

(2) Baupolizeiliche Akten Lindenstraße 39, Bauaktenkammer Kreuzberg-Friedrichshain, Bd. 1.

(3) Historisches Foto in: 150 Jahre Ursulinen Berlin/Niederalteich, o. O., o. J., S. 43.

Literatur:
  • Schubert, Georg, Das Bistum Berlin, Berlin 1932 / Seite 134
  • Elm, Kaspar und Hans Dietrich Loock, Seelsorge und Diakonie in Berlin, Berlin und New Yorck 1990 / Seite 350
  • Schade, Waltraud, Ursulinenschule und Ursulinenkloster Lindenstraße 39 in
    Helmut Engel, Stefi Jersch-Wenzel, Wilhelm Treue (Hrsg.), Geschichtslandschaft Berlin. Orte und Ereignisse, Band 5: Kreuzberg, Berlin 1994 / Seite 209ff.
  • Wesner, Maria (Hrsg.), Kreuzberg und seine Gotteshäuser, Berlin 2007 / Seite 188
  • Meer, August, Geschichte des Ursulinerinnenklosters zu Berlin, Berlin 1880 & Ursulinenkloster Berlin (Hrsg.), 100 Jahre Ursulinen in Berlin, Berlin 1954 & Kreuzberg Museum für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte (Hrsg.), Lindenstraße 39 Klosterschule un / Seite .
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 149 f.