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Liebfrauenkirche

Obj.-Dok.-Nr.: 09031265
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Wrangelstraße
Hausnummer: 50 & 51
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche kath.
Entwurf: 1903
Datierung: 1904-1906
Umbau: 1913 & 1985-1986
Entwurf: Becker, Ludwig (Architekt)
Ausführung: Boswau und Knauer (Baugeschäft)
Bauherr: Kirchenvorstand der St. -Marien-Pfarr-Gemeinde

Schulen und Kirchen, die traditionellen Leitbauten der wilheminischen Stadt, gliedern sich im Wrangelkiez in das strenge Straßenraster ein. So erhielt die katholische Gemeinde nur eine doppelte Hausparzelle in der Wrangelstraße 50-51. Auf dem eng bemessenen Grundstück errichtete der Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker 1904-06 die Kath. St.-Marien-Liebfrauen-Kirche. (1) Es handelt sich um einen gruppierten Kirchenbau, bei dem die Kirche, das zugehörige Gemeinde- und Pfarrhaus und ein zusätzliches Wohnhaus zu einer gestalterischen Einheit verschmolzen sind. Dombaumeister Ludwig Becker baute in den Jahrzehnten um 1900 in ganz Deutschland eine namhafte Anzahl katholischer Kirchen in den unterschiedlichsten Stilausprägungen. Bei der St.-Marien-Liebfrauen-Kirche griff Becker auf das Formenvokabular der rheinischen Romanik zurück. Möglicherweise war er in seiner Stilwahl durch den wichtigsten katholischen Kirchenarchitekten der Kaiserzeit, Christoph Hehl, beeinflusst worden. Hehl baute in Berlin vorwiegend in neoromanischen Formen.

In der Ausnutzung des Grundstücks erinnert die St.-Marien-Liebfrauen-Kirche an Friedrich August Stülers St.-Jacobi-Kirche in der Oranienstraße. Die Gebäudeteile, die sich bewegt nach oben staffeln, ordnen sich in strenger Symmetrie um einen zur Straße geöffneten Atriumhof. Im Ergebnis entstand eine architektonisch bemerkenswerte klosterähnliche Anlage von großer Einheitlichkeit. In der kompakt bebauten Wrangelstraße setzt die St.-Marien-Liebfrauen-Kirche somit ein außergewöhnliches Merkzeichen. Ihr imposantes Erscheinungsbild beruht aber nicht allein auf der effektvollen Baumassengliederung, sondern ist auch auf die inmitten von Putzbauten kontrastierend wirkende Werksteinverkleidung der Fassaden sowie den prachtvollen Baudekor zurückzuführen. Die steil aufragende Kirche schließt den Atriumhof nach hinten ab. Ihre trutzige westwerkartige Doppelturmfassade ist der gestalterische Höhepunkt der Anlage. Rundbogenarkaden, ein großes Bogenfenster und das Hauptportal gliedern die Werksteinfront. Den hohen gestalterischen Anspruch auch im baulichen Detail bezeugen die sorgsam detaillierten Säulen mit ihren variantenreich ausgearbeiteten Würfelkapitellen und Schäften, aber auch das prächtig ausstaffierte Hauptportal mit den Reliefs von Ecclesia und Synagoge. Der dreischiffige Innenraum von monumentaler Anmutung wird von einem mächtigen Tonnengewölbe und im Bereich der Vierung von einer Flachkuppel überspannt. Die eingezogene Apsis ist mit einem Umgang ausgestattet. Vor den weiß getünchten Wänden kommen die Werksteinsäulen gut zur Geltung, die nach dem Vorbild der romanischen Klosterkirche in Hamersleben im Harz gestaltet sind. Die Kuppel wurde 1945 beschädigt und danach nur mehr vereinfacht wieder aufgebaut. 1993 hat man den Innenraum instand gesetzt.

Der Hof wird vom Pfarr- und vom Wohnhaus eingefasst, die sich jeweils über einem L-förmigen Grundriss erheben und an die Blockrandbebauung der Wrangelstraße anschließen. Ihre Fassaden bilden nicht nur die optisch reizvollen Wandungen des Atriumhofs, sondern präsentieren sich zur Straße als eine unverwechselbare Architektur mit hohem Wiedererkennungs- und Identifikationswert. Dabei fallen insbesondere die turmartigen Aufbauten auf, die mit der Doppelturmfassade der Kirche korrespondieren und dadurch ein markantes, zum Straßenraum orientiertes Tormotiv bilden. Der burgenartige Wandaufbau ist wesentlich durch einen großen Reichtum an Rundbogenmotiven und Fensterformen geprägt. Der intim wirkende Innenhof wird zur Straße durch kleine Vorgärten und ein schmiedeeisernes Tor abgeschottet. Die Mitte markiert ein Sandsteinbrunnen, dessen Säule ursprünglich eine Marienfigur trug. 2004 wurde die Brunnenanlage umfassend saniert.


(1) Sartorius, Johannes: Dombaumeister Professor Ludwig Becker in Mainz. In: Jahrbuch für das Bistum Mainz 4 (1949), S. 68-82; Streicher/Drave 1980, S. 278-279; Tacke, Andreas: Kirchen für die Diaspora. Christoph Hehls Berliner Bauten und Hochschultätigkeit 1894-1911, Berlin 1993, S. 154-155; BusB VI, S. 128, 385; Dehio Berlin 2006, S. 296. Das Konzept Beckers geht auf einen Konkurrenzentwurf zurück. Finanziert wurde der Kirchenbau wesentlich über eine private Stiftung eines Wiesbadener Ehepaars. Die Gemeinde setzte sich zunächst aus zugewanderten Schlesiern, Ost- und Westpreußen, aber auch Polen zusammen.

Literatur:
  • Dehio, Berlin, 1994 / Seite 273
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 273 f.