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Gewerbehof Schlesische Straße 26

Obj.-Dok.-Nr.: 09031235
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Schlesische Straße
Hausnummer: 26
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Gewerbehof
Datierung: 1910-1913
Entwurf: Peters, Wilhelm (Architekt)
Entwurf: Grenander, Alfred Frederik Elias (Architekt)
Bauherr: Guthmann, R.

Auf den gegenüberliegenden Ufergrundstücken Schlesische Straße 26-32 stehen mehrere Gewerbehöfe, die hier einen hoch verdichteten Gewerbestandort bilden. Die Parzellen, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch unbebaut und vorwiegend als Gartenland genutzt waren, wurden vor dem Ersten Weltkrieg in dichter Folge mit umfangreichen, zur freien Vermietung errichteten Gewerbehofanlagen belegt. Die Gewerbekonzentration steht in engem zeitlichem Zusammenhang mit dem Bau des gegenüberliegenden Osthafens. Spreeanbindung und Hafennähe kennzeichneten damals einen besonderen Lagevorteil. Die Möglichkeit, die Fabrikhöfe sowohl von der Straße als auch wasserseitig andienen zu können, lockte viele Mieter in die Schlesische Straße. Die Höfe sind charakteristisch für die "Kreuzberger Mischung", das Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe auf engstem Raum. Mehrheitlich bestehen sie aus einem Wohnhaus an der Straßenseite und hofseitig gelegenen Etagenfabriken. Ihre Wasserfronten zeigen zur Spree hin ein unverwechselbares Panorama. (S. 266)

(...)

Am südlichen Ende der Schlesischen Straße, begrenzt von der Spree und der Oberschleuse des Landwehrkanals, steht das Industriehaus Schlesische Brücke. Die weitläufige Etagenfabrik in der Schlesischen Straße 26 entstand in zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Bauabschnitten 1910-13 nach Plänen von Wilhelm Peters und Alfred Grenander. (1) Bauherr war Robert Guthmann, der selbst als Architekt in Berlin zahllose Bauten errichtet hat. Als Baugrund stand ein großflächiges Ufergrundstück zur Verfügung, auf dem sich ehemals der Schmuckgarten der Villa des Fabrikanten Heckmann erstreckte. Die an der Straße gelegene repräsentative Villa, 1863 von Richard Lucae erbaut, ließ man stehen. Sie diente bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als würdevolles Entrée. (2)

Während die Gewerbehöfe in der Luisenstadt oftmals hinter repräsentativ gestalteten Wohnhäusern lagen, wurde das Industriehaus Schlesische Brücke selbstbewusst und ohne die gewerbliche Nutzung zu verstecken in den Stadtraum eingegliedert. Dabei wussten Peters und Grenander die städtebaulich privilegierte Lage des Grundstücks, das sowohl an den Landwehrkanal als auch an die Spree grenzt, gut zu nutzen. Mit zwei stattlichen Schaufassaden setzten sie das Gebäude wirkungsvoll nach außen in Szene. Der drei- bis fünfgeschossige Gewerbehof umschließt zwei große Innenhöfe und drei einseitig geöffnete Höfe. Er zeigt eine versachlichte, durch markante neoklassizistische Formen jedoch stark individualisierte Architektur. Während die Außenfassaden überwiegend mit roten Klinkern verblendet sind, bestehen die Fassadenverkleidungen in den Höfen, wie in Berlin der Helligkeit zuliebe üblich, vornehmlich aus weißen Glasurklinkern. Die wenigen schmückenden Detailformen wie Gesimse, Dachaufsätze und einige Brüstungsfelder sind in Muschelkalkstein gefertigt. Alle Bauteile werden von hohen roten Ziegeldächern abgeschlossen. Konstruktiv handelt es sich um eine ummantelte Eisenskelettkonstruktion mit Stahlsteindecken. Aufgrund des weiten Stützenrasters (sieben Meter Achsmaß) sind die Grundrisse äußerst variabel einteilbar.

Am Landwehrkanal erhebt sich die repräsentative Südfassade. Die über 120 Meter lange Front teilt sich in drei, in Höhe und Wandaufbau differierende Abschnitte, die sich aber aufgrund des homogenen roten Sichtmauerwerks zu einer gestalterischen Einheit zusammenfügen. Von besonderer Wirkung ist der fünfgeschossige Abschnitt, den man als großzügig durchfensterte Rasterfassade ausbildete. Lisenen monumentalisieren die streng gegliederte Wand. Prägendes Hauptmotiv sind gleichwohl zwei leicht vor die Bauflucht gezogene, mit einem halbkreisförmigen Frontispiz abschließende Risalite. Auch an der spreeseitigen Wasserkante erhielt der Gewerbehof ein würdevolles Erscheinungsbild. Hier gruppierten die Architekten den Bau zu einer schlossartigen Dreiflügelanlage, wobei man den "Ehrenhof" zum Fluss ausrichtete. (3) Eine Schauseite, die für die gegenüberliegende Spreeseite und den Osthafen berechnet war. Ein mit auffälligen Lünettenfenstern versehenes Attikageschoss und der mächtige, breit gelagerte Dreiecksgiebel über dem Mitteltrakt zeichnen für das charaktervolle Gepräge dieses Bauteils verantwortlich. Bemerkenswert ist die künstlerische Durchdringung auch im baulichen Detail. Farben und Materialien wurden zielgerichtet eingesetzt. Während man die Fenster im Bereich des roten Sichtmauerwerks weiß gestrichen hat, erhielten die Fenster der mit weißen Glasurklinkern versehenen Fassaden einen braunen Farbauftrag. Gelbe, grüne und braune Fliesen intensiver Tönung sorgen für eine Belebung der Eingangsbereiche und Durchfahrten. Daneben finden sich, etwa im Bereich von Aufgang A, großformatige Fliesen, wie sie Grenander auch in seinen zahlreichen U-Bahnhöfen verwendet hat.

Zu den Mietern des Gewerbehofs gehörte die Carl Lindström AG, die hier 1919 einzog. Das Unternehmen stellte Musik- und Spielapparate sowie Schallplatten der Marken "Odeon", "Electrola" und "Columbia" her. Die Luftfahrt-Apparate Bau GmbH fertigte hier während des Zweiten Weltkriegs Rüstungsmaterial.


(1) Berliner Architekturwelt 16 (1914), S. 291-292, 338-340; Hildebrandt/Lemburg/Wewel 1988, S. 66-67; Dehio Berlin 2006, S. 313; Raach 2008, S. 62.

(2) In rudimentärer Form hat sich allerdings das Palmenhaus der Villa erhalten.

(3) Die Freifläche wurde ursprünglich als Be- und Entladefläche genutzt.

Literatur:
  • Berliner Architekturwelt 16 (1914) / Seite 291, 338-40
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 266, 267 f.