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Erdmannshof

Obj.-Dok.-Nr.: 09031220
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Paul-Lincke-Ufer
Hausnummer: 39 & 40
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Mietshaus & Gewerbehof
Datierung: 1908-1910
Entwurf: Schneckenberg, Ernst (Architekt)
Entwurf: Bernhard, Karl (Ingenieur)
Bauherr: Erdmann (Fam.)

Die nördliche Uferstraße am Landwehrkanal zwischen Kottbusser Brücke und Thielenbrücke ist nach dem populären Berliner Operettenkomponisten Paul Lincke benannt. Der geschlossene Blockrand besteht aus großstädtischen Mietshäusern, in die sich vereinzelt Gewerbehöfe mischen. Alle Häuser sind mit Vorgärten ausgestattet.

Am Paul-Lincke-Ufer zwischen Mariannen- und Manteuffelstraße befindet sich eine einzigartige Gruppe anspruchsvoll gestalteter Gewerbehöfe, die das Stadtbild am Landwehrkanal dominieren. Die imposanten Vorderhausfassaden, die geschickte Grundrissaufteilung und nicht zuletzt die baukünstlerische Ausgestaltung veranschaulichen den Stand der Gewerbehofarchitektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erlebte dieser Bautyp, wie hier eindrucksvoll zu sehen ist, seine letzte Blüte. Nicht zufällig stehen die Höfe an einer Wasserstraße. Die Ufergrundstücke waren gesuchte Industrie- und Gewerbestandorte, denn der Landwehrkanal ermöglichte eine ungehinderte Brauchwasserentnahme und den Transport schwerer Lasten auf dem Wasserweg. (S. 285)

(...)

Der 1908-10 erbaute Erdmannshof am Paul-Lincke-Ufer 39-40 (1) ist nach Otto Erdmann junior, dem Bauherrn, benannt. Im Hinblick auf seine zahlreichen innovativen Details und die Raumaufteilung nimmt er eine Sonderstellung unter den Gewerbehöfen ein. Der umfangreiche Komplex wurde von Regierungsbaumeister Karl Bernhard entworfen, während Ernst Schneckenberg für die künstlerische Ausgestaltung der Fassaden verantwortlich zeichnete. Den Innenausbau übernahm der Bauherr mit seinen Werkstätten für Handwerkskunst.

Mit dem Kellergeschoss und den zwei ausgebauten Dachetagen verfügte der Bau über neun voll nutzbare Geschosse, (2) womit ein Maximum an Grundstücksausnutzung erreicht war. In den Geschossen kamen nicht nur Betriebsflächen, sondern auch Musterlager, Lagerräume und darüber hinaus Stallungen und Autogaragen unter. Eine ausgeklügelte Erschließung über eine interne, bis zum Kanalufer reichende Verkehrsstraße mit Gleisen und Drehscheiben im Keller und riesige Lastenaufzüge garantierten die optimale Anbindung aller Geschosse. Ohne den Hofverkehr zu beeinträchtigen, wurde ein wesentlicher Teil der Waren und Güter über Loren von der Straße in die Hofbereiche transportiert und von dort aus mit den Aufzügen in die einzelnen Geschosse verbracht. Aufgrund seiner enormen Größe ließ einer der Aufzüge auch den Transport kleiner Lastwagen samt Ladung zu. Somit konnten einige Werkstätten und Betriebe in den Obergeschossen direkt und ohne Umladen beliefert werden. Eine interne Sanitätswache mit voll ausgestattetem Operationszimmer, eine Badeanstalt und eine dreihundert Personen fassende Kantine komplettierten das gleichermaßen anspruchsvolle wie vielschichtige Raum- und Nutzungsprofil. Überdies stellte ein eigenes Kraftwerk mit einer Leistung von 350 PS die Stromversorgung für das gesamte Gebäude sicher.

Im Zweiten Weltkrieg vor allem in den Obergeschossen erheblich zerstört, ist die grundsätzliche Anlage und das äußere Erscheinungsbild der fünf Höfe umschließenden Gewerbetrakte bis heute in weiten Teilen authentisch. Kennzeichnend ist der zweizonige, weitgehend aufgelöste Wandaufbau mit der roten Klinkerverblendung in den beiden unteren Geschossen, die durch eine Rundbogengliederung zusammengefasst sind. Von dem roten Sichtmauerwerk heben sich die oberen Geschosse mit einer weißen Glasurklinkerverblendung und hell gestrichenen Brüstungen ab. Große Sprossenfenster ermöglichen die optimale Belichtung der durchgängig zweischiffig angelegten Trakte. Eine Besonderheit stellt die von Karl Bernhard erdachte Konstruktion der Gebäudeecken dar. Diese wurden zunächst als armierte Ortbetonunterzüge ausgeformt und dann mit vorgefertigten Plattenstreifen besetzt. (3)

Eine ganz andere Gestaltung zeigt das Vorderhaus, das mit Ausnahme des Erdgeschosses ausschließlich der Wohnnutzung vorbehalten war. Von den hofseitigen Gewerbebauten sollte es sich nach Maßgabe des Bauherrn bewusst absetzen. Seine stattliche, nahezu über 50 Meter reichende Putz- und Hausteinfassade verfügt über einen symmetrischen Aufbau. Für eine wirkungsvolle Gliederung sorgen der mächtige Mittelrisalit und zwei Seitenerker. Um den Höhenaufbau optisch zu mildern, hat Ernst Schneckenberg das letzte Obergeschoss leicht zurückgestaffelt und durch ein ziegelgedecktes Vordach von den unteren Geschossen abgesetzt. Der herrschaftliche Eindruck wird durch das Rustikamauerwerk, aber auch durch die Balkonanlagen und den zum Kanal orientierten Vorgarten unterstrichen. Die gutbürgerlichen Vier- und Fünf-Zimmer-Wohnungen waren mit Fahrstühlen, Müllschlucker, Dampfwaschanstalt und Vakuumreinigung recht luxuriös ausgestattet.


(1) Bauwelt 1 (1910) 26, S. 14-15; BusB IV B, S. 163; Hildebrandt/Lemburg/Wewel 1988, S. 63; Dehio Berlin 2006, S. 312.

(2) Im Zweiten Weltkrieg wurde die feuersicher ummantelte hölzerne Dachkonstruktion zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Die Fabrikflügel, die in Teilen nur mehr über vier Geschosse verfügen, werden heute durch flache Dächer abgeschlossen.

(3) Hildebrandt/Lemburg/Wewel 1988, S. 63.

Literatur:
  • BusB IV B 1974 / Seite 162
  • Bauwelt 2 (1911) 95 / Seite .
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 286 f.