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Reichsschuldenverwaltung

Obj.-Dok.-Nr.: 09031217
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Oranienstraße
Hausnummer: 106
Strasse: Alte Jakobstraße
Hausnummer: 117
Strasse: Feilnerstraße
Hausnummer: 5 & 6
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Verwaltungsbau
Datierung: 1919-1924
Entwurf: Bestelmeyer, Johann Georg German (Architekt)
Entwurf: Bandel, von

Auf dem gegenüberliegenden Grundstück Oranienstraße 106, Alte Jakobstraße 117 und Feilnerstraße 5-6 erhebt sich die Reichsschuldenverwaltung. (1) Das Haus ist der erste große Staatsbau der Weimarer Republik und ein bedeutendes Beispiel expressionistischer Architektur in Berlin. Die Reichsschuldenverwaltung entstand 1919-24 nach Plänen des Münchner Architekturprofessors German Bestelmeyer unter Verwendung eines Vorprojekts, für das Regierungsbaurat Ernst von Bandel verantwortlich zeichnete. Das Gebäude sollte ausweislich der ersten Planungen Bestelmeyers zunächst als freistehendes, zehngeschossiges Hochhaus über ovalem Grundriss errichtet werden. Das Hochhausprojekt scheiterte jedoch am Einspruch des Polizeipräsidenten und an Bedenken der Baupolizei. (2)

Als Baugrund wurde der vorwiegend mit Mietshäusern besetzte Baublock zwischen Oranien- und Feilnerstraße erworben. Aufgrund der bestehenden Mieterschutzgesetzgebung konnten die Grundstücke jedoch nicht vollständig im vorgegebenen Zeitrahmen beräumt werden, sodass der Bau mehrfach überplant und in der Masse erheblich reduziert werden musste. Seine lange Bauzeit war indes hauptsächlich dem permanenten Mangel an Baumaterial und der angespannten Finanzlage geschuldet. Ungeachtet des Zwangs zur Vereinfachung entstand ein trutziger Monumentalbau mit 20.000 Quadratmetern Grundfläche. Er nahm neben der Reichsschuldenverwaltung, die sich vorher auf vierzehn verschiedene Standorte verteilte, weitere Behörden auf. Von der zeitgenössischen Architekturkritik wurde der Bau vielfach gewürdigt. Fritz Stahl lobte die "klare, sicher artikulierte Form der notwendigen Bauglieder" und sah die Reichsschuldenverwaltung durch zwei im näheren Umfeld stehende Bauten Karl Friedrich Schinkels, die Militärarrestanstalt und das Feilnerhaus, inspiriert.

Das insgesamt siebengeschossige Gebäude besteht aus einem weitgespannten Bürotrakt an Oranienstraße, Alter Jakobstraße und Feilnerstraße, dem rückwärtig eine vier Höfe umschließende Bebauung angeschlossen ist. In elegantem Schwung wird die lange Straßenfassade von der Oranienstraße in die Alte Jakobstraße geführt. (3) Anders als bei öffentlichen Bauten des Kaiserreichs verzichtet die Straßenfassade auf Hierarchisierungen und eine dominierende Symmetrieachse. Kennzeichnend für die modern wirkende Grundhaltung sind die strenge Tektonik und die formale Reduktion. Das Haus ist damit ein eindrucksvoller Beleg für ein grundlegend gewandeltes Architekturverständnis und kann gleichsam als Spiegelbild der neuen republikanischen Verhältnisse gedeutet werden. Über dem mit Muschelkalkstein verblendeten Sockel erheben sich fünf in rotem Sichtmauerwerk ausgeführte Vollgeschosse in Form einer Pfeilerfront. Die den Wandaufbau abschließende, weit vorkragende Dachplatte bildet eine Trennlinie zu dem farblich und materialtechnisch abgesetzten zweigeschossigen Dachaufbau. Die breit gelagerten Dachgeschosse fangen die Vertikalität der Pfeilerfront wirkungsvoll ab. Risalitartige Vorsprünge rhythmisieren die lang fluchtenden Fassaden. Die regelmäßig gestalteten Fronten sind so angelegt, dass sie, wie es in den 1920er Jahren zunächst gedacht war, ohne Störung des Gesamtbildes verlängert werden könnten. Das Erdgeschoss wird durch die spitzgiebeligen Überdachungen der Fenster betont; die folgenden vier Obergeschosse sind identisch mit gleichmäßig eingeschnittenen Fenstern gestaltet. Ein flächiger Bauschmuck ziert alle Straßenfassaden. Vollplastisch geformt sind hingegen die lebensgroßen, von Hugo Lederer gefertigten Terrakottenfiguren im Bereich der Risalite. (4) Erheblich zurückhaltender zeigen sich die Hoffronten, die lediglich verputzt und hell gestrichen wurden. In Massivbauweise errichtet, wird das Gebäude durch ein zweihüftig angelegtes Flursystem erschlossen. Im Innern steifen parallel zu den Fassaden gestellte Wandscheiben die Konstruktion aus.

Im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt, wurde das Gebäude in den 1990er Jahren in vorbildlicher Weise und unter Rückbesinnung auf das ursprüngliche Erscheinungsbild saniert. Dabei konnte auch die überwiegend schlichte Innenraumgestaltung zu großen Teilen wiedergewonnen werden. Die einstige Kassenhalle in der Gebäudemitte, der einzige reichhaltiger geschmückte Raum, wurde unter Verwendung der vorhandenen Ausstattung zur Kantine umgestaltet. Im Haus der früheren Reichsschuldenverwaltung ist heute die Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz untergebracht.


(1) Stahl, Fritz: Der neue Bau der Reichsschuldenverwaltung in Berlin, Berlin 1924; Stadtbaukunst in alter und neuer Zeit 1 (1920), S. 193-198; Hochhäuser ohne Skelett. In: Bauamt und Gemeindebau 3 (1921), S. 64, 66, 106; Reichsschuldenverwaltungsgebäude in Berlin. In: Bauhütte 29 (1925), S. 46-47; Die Baukunst 1 (1925), S. 166; Schultzenstein, G.: Der Neubau der Reichsschuldenverwaltung in Berlin. In: Deutsche Bauzeitung 22 (1925), S. 361-366; Wasmuths Monatshefte für Baukunst 9 (1925), S. 43-48, 520-521; BusB III, S. 16, 43; Widmann, Katja: Das Gebäude der Reichsschuldenverwaltung in Berlin 1919-1924, Magisterarbeit FU Berlin, Berlin 1996; Welzbacher 2006, S. 47-80.

(2) Vgl. Welzbacher 2006, S. 51-59.

(3) Eine vergleichbare Ecklösung findet sich etwa bereits bei dem Verwaltungsgebäude der Nordstern-Versicherung in Schöneberg (1913-14), das auch von der grundsätzlichen Anlage und Baukörpergliederung Gemeinsamkeiten aufweist.

(4) Zum Bauschmuck vgl. Welzbacher 2006, S. 63-70. Ein großer Teil der antikisch wirkenden Figuren wurde im Krieg zerstört. Die verlorengegangenen Plastiken wurden durch Nachformungen ersetzt.

Literatur:
  • BusB III 1966 / Seite 16, 20-22, 43
  • Bauwelt 22 (1931) / Seite 186
  • Lampmann, G., =Zentralblatt der Bauverwaltung 47 (1927) / Seite 283, 286
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 190 ff.