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Wohn- und Geschäftshaus Kottbusser Damm 2 & 3

Obj.-Dok.-Nr.: 09031185
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Kottbusser Damm
Hausnummer: 2 & 3
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Wohn- und Geschäftshaus
Datierung: 1910-1911
Umbau: 1979-1982
Entwurf: Vogdt, Arthur (Architekt)
Entwurf: Taut, Bruno (Architekt)
Entwurf: Baller, Hinrich & Inken (Architekt)
Bauherr: Vogdt, Arthur

Im Osten reicht der Graefekiez bis an den Kottbusser Damm heran, der bis 1920 die Stadtgrenze zwischen Berlin und Neukölln bildete. Die Bebauung des Straßenzugs war vor dem Ersten Weltkrieg weitgehend abgeschlossen. Auf einer noch unbebauten Parzelle wurde 1910-11 das Wohn- und Geschäftshaus Kottbusser Damm 2-3 errichtet, das als Frühwerk des bekannten Architekten Bruno Taut architekturgeschichtliche Bedeutung besitzt. (1) Während Bruno Taut die künstlerische Ausarbeitung der Fassade übernahm, zeichnete Arthur Vogdt, der zugleich auch Eigentümer war, für die Grundrisse verantwortlich. Taut und Vogdt hatten bereits ein Jahr zuvor auf der Neuköllner Seite am Kottbusser Damm 90 eine Wohnanlage errichtet. Mit der langen, homogen wirkenden Blockfront setzte Taut ein deutliches Merkzeichen im Stadtraum. Durch geschickte Kombination von Gestaltungs- und Gliederungselementen und die Ausbildung markanter Farb- und Materialkontraste entstand ein eigenständiges, charaktervolles Fassadenbild. Typisch für die großstädtische Architektur des frühen 20. Jahrhunderts ist, dass auch das Dach mittels einer komplex ausgeformten Schleppgaube in die Gestaltung einbezogen wurde, obwohl der Dachraum selbst ungenutzt blieb. Auf plastischen Bauschmuck hat Taut ganz verzichtet. Der zweischichtige Fassadenaufbau orientiert sich allein an der Funktion des Gebäudes. Während in den beiden unteren dunkelbraun verklinkerten Geschossen Läden, ein Kino und Büroräume untergebracht waren, enthielten die drei abschließenden, weitgehend hell verputzten Obergeschosse ausschließlich Wohnungen. Der Wohnbereich selbst teilte sich in zwei separate Hauseinheiten, was sich auch gestalterisch in der spiegelsymmetrischen Gliederung der Obergeschosszone niederschlug. Das ganze Gebäude wird durch die Sockelzone und das Dach mit der langen Gaube zusammengefasst. Loggien und Erker sorgen für eine effektvolle vertikale Gliederung. Markante Motive sind die gestreiften Lisenen und die Korbbögen über den Fenstern des letzten Geschosses, die in gleichmäßigem Rhythmus über die gesamte Fassade laufen und das Erscheinungsbild bestimmen. Mit der über vier Geschosse reichenden Bogenstellung in der Fassadenmitte übernahm Taut ein klassisches Element aus dem Geschäftshausbau. (2) Eigenwillig wirken gleichwohl die kleinen vitrinenartigen Rundbogenfenster, die zur Belichtung der Büroräume im ersten Obergeschoss in langer Reihe rechts und links angeordnet wurden.

Das Gebäude brannte im Zweiten Weltkrieg aus und war danach dem Verfall preisgegeben. Bereits vom Abriss bedroht, erfolgte 1979-82 eine umfassende Sanierung durch das Architekturbüro Hinrich und Inken Baller. (3) Dabei wurden zunächst der Hauskörper und die Obergeschosse der Fassade abgetragen. Die Straßenfassade wurde nach alten Plänen rekonstruiert, dahinter entstand ein neues siebengeschossiges Gebäude. Enthielt die Wohnanlage früher größere Wohnungen mit vier bis sechs Zimmern, so haben die heute vorhandenen Wohnungen trotz ihrer variantenreichen Grundrisse nur den Ausstattungsstandard des sozialen Wohnungsbaus.


(1) Moderne Bauformen 12 (1913), S. 122; BusB IV B, S. 164-166; Lamberts, Brigitte Renate Vera: Das Frühwerk von Bruno Taut (1900-1914) unter besonderer Berücksichtigung seiner Berliner Arbeiten, Bonn 1992, S. 31-34, 42-60; Junghanns, Kurt: Bruno Taut 1880-1938, Leipzig 1998, S. 19-20, Abb. 40-41; Bruno Taut 1880-1938. Architekt zwischen Tradition und Avantgarde, hrsg. v. Winfried Nerdinger, Kristina Hartmann und Matthias Schirren, Stuttgart - München 2001, S. 324; Brenne, Winfried: Bruno Taut. Meister des farbigen Bauens in Berlin, Berlin 2005, S. 38-41; Dehio Berlin 2006, S. 315. Bruno Taut entwarf neben der Fassade auch die Inneneinrichtung des rückwärtig angeordneten Kinos, das heute nicht mehr existiert.

(2) Wenngleich die Bogenstellungen den Geschäftshauscharakter des Gebäudes unterstreichen, ist es doch in der Materialwahl deutlich verschieden von den Büro- und Kontorhäusern der Berliner City, die damals häufig komplett mit Travertin oder Sandstein verkleidet wurden.

(3) Zur Kenntnisnahme. Berlin-Kreuzberg, Kottbusser Damm2/3. Eine Flugschrift aus dem Deutschen Werkbund Berlin, Berlin 1977; Bauwelt 68 (1977), S. 1006; Baller, Hinrich: Denkmalpflege mit heutigen Mitteln. Berlin-Kreuzberg, Kottbusser Damm 2-3. In: Bauwelt 72 (1981), S. 1698-1702; Jaeger, Falk: Sanierung des Gebäudes Kottbusser Damm 2/3 in Berlin. In: Deutsche Bauzeitung 115 (1981) 12, S. 20-23.

Literatur:
  • BusB IV B 1974 / Seite 164
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 326 f.