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Abspannwerk Ohlauer Straße 43 Paul-Lincke-Ufer 20 & 21

Obj.-Dok.-Nr.: 09031138
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Ohlauer Straße
Hausnummer: 43
Strasse: Paul-Lincke-Ufer
Hausnummer: 20 & 21
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Abspannwerk
Datierung: 1926-1928
Entwurf: Müller, Hans Heinrich (Architekt)
Bauherr: BEWAG

Neben der Desinfektionsanstalt, an der Ohlauer Straße 43, Paul-Lincke-Ufer 20-21, steht ein ehemaliges Abspannwerk der Berliner Städtischen Elektrizitätswerke AG (BEWAG), das 1926-28 nach Plänen von Hans Heinrich Müller errichtet wurde. (1)

Abspannwerke waren zentrale Einrichtungen der Stromversorgung. Der elektrische Strom, der von den Kraftwerken mit einer Spannung von 30.000 Volt (30 kV) kam, musste für die Industrie, die elektrischen Bahnen, die Straßenbeleuchtung und die Haushalte auf unterschiedliche Spannungen heruntertransformiert werden. Die großen Abspannwerke bildeten die erste Stufe in diesem Prozess, der Strom wurde dort auf eine Spannung von 6.000 Volt (6 kV) gebracht und anschließend über verschiedene Stützpunkte, Bahnumformwerke, Licht- und Kraftumformwerke und über Netzstationen oder Transformatorensäulen an die unterschiedlichen Verbraucher in einem Versorgungsbereich angepasst.

Das erste städtische Großabspannwerk im Berliner Südosten errichtete die BEWAG auf einem exponierten Eckgrundstück unmittelbar am Landwehrkanal. Der Architekt der Städtischen Elektrizitätswerke Hans Heinrich Müller, der für den Bau der Anlagen der Stromversorgung verantwortlich war, nutzte diese Lage zu einer wohldurchdachten städtebaulichen Inszenierung. So unterscheidet sich der Bau sowohl durch seine Masse als auch durch sein violettrotes Sichtmauerwerk deutlich von den umgebenden Mietshäusern. Der Großbau wirkt in den umliegenden Stadtraum hinein und bildet zugleich den optischen Abschluss der auf der Neuköllner Seite verlaufenden Bürknerstraße.

Das Abspannwerk überrascht mit einer stark individualisierten Architektur. Diese Entwurfshaltung ist für nahezu alle Bauten kennzeichnend, die Hans Heinrich Müller für die BEWAG erstellte. In seiner spannungsvollen, vielfach in Höhe und Tiefe gestaffelten Baumassengliederung hat der Bau eine sakrale Anmutung. Er vereint zwei bedeutende Stiltendenzen der 1920er Jahre. Während die zweckgerechte Raum- und Massengliederung funktionalistischer Architektur verpflichtet ist, wirken die wenigen dekorativen Details, darunter das zahnschnittartige Dachgesims, expressiv. Bestimmendes gestalterisches Motiv sind die glatt eingeschnittenen Fenster, die in Größe und Format von Fassade zu Fassade und von Geschoss zu Geschoss variieren. Mit Wohnhaus, Transformatoren- und Kühlertrakt, Phasenschieber- und Maschinenhalle, Warte, Schalthaus und Eigenversorgungstrakt umfasst die Anlage sechs Funktionseinheiten. Müller gruppierte die verschieden ausgeformten Trakte, die vom Treppen- und Aufzugsturm des Schalthauses überragt werden, um einen lang fluchtenden rechteckigen Hof. Um das Gebäude städtebaulich nicht zu isolieren, passte er es mit seinen Bauhöhen und Fluchten an die Nachbarbebauung an. Zugleich hat es, wie auch die Nachbarhäuser am Paul-Lincke-Ufer, eine Vorgartenzone. Eine besondere Sorgfalt verwandte Müller auf die Wahl der Verblendziegel. Mit ihrer farblich changierenden Oberfläche mildern die buntvioletten Eisenklinker die Strenge der flächig angelegten Fassaden. Das betont schlicht gehaltene Gebäudeinnere zeigt einen industriellen Ausstattungsstandard. Eine Ausnahme bildete das mit einem Glasdach versehene Wartengebäude, dessen Ausmalung einem besonderen Farbkonzept folgte. Mit der Stilllegung des Abspannwerks 1989 wurden nahezu alle Einbauten, Maschinen und Kabel entfernt. Nach Plänen des Architekturbüros PMK erfolgte bis 2004 ein denkmalgerechter Umbau für eine neue Nutzung. Dabei blieb die gesamte äußere Substanz erhalten. (2)


(1) 50 Jahre Berliner Elektrizitätswerke 1884-1934, i. A. der Berliner Städtischen Elektrizitätswerke Akt.-Ges. bearb. v. Conrad Matschoß, Erich Schulz und Arnolf Theodor Groß, Berlin 1934; Müller, Hans: Berliner Industriebauten. In: Die Baugilde 7 (1938), S. 205-212; Nagel, Thomas: Die Luisenstadt im System der Berliner Energieversorgung. In: Kreuzberger Mischung. Die innerstädtische Verflechtung von Architektur, Kultur und Gewerbe, hrsg. v. Karl-Heinz Fiebig, Dieter Hoffmann-Axthelm und Eberhard Knödler-Bunte, Berlin 1984, S. 104-108; Hausmann/Soltendiek 1986, S. 65-66; Kahlfeldt, Paul: Hans Heinrich Müller und die Umspannwerke der BEWAG. In: Bauwelt 80 (1989), S. 1739-1749; Kahlfeldt, Paul: Hans Heinrich Müller 1879-1951. Berliner Industriebauten, Basel - Berlin - Boston 1992, S. 54-61; Hallfahrt, Hans-Günther: Umspannwerk Kottbusser Ufer. In: Reclams Führer zu den Denkmalen der Industrie und Technik in Deutschland, Bd. 2: Neue Länder, Berlin-Stuttgart 1998, S. 49-50; Vogt, Olav: Das Abspannwerk Kottbusser Ufer. In: Elektropolis Berlin. Historische Bauten der Stromverteilung, Berlin 2000, S. 20-24; Die Denkmalpflege 61 (2003) 1, S. 56-57 (Beitrag Olav Vogt); Grube, Hans-Achim: Renaissance der E-Werke, Berlin 2003, S. 86 ff.; Kahlfeldt, Paul: Die Logik der Form. Berliner Backsteinbauten von Hans Heinrich Müller, Berlin 2004, S. 91 ff.; Dehio Berlin 2006, S. 314; Raach 2008, S. 71.

(2) Vgl. Die Denkmalpflege 61 (2003) 1, S. 56-57 (Beitrag Olav Vogt).

Literatur:
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 290 f.