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Geschäftshaus & Gewerbehof Axel-Springer-Straße 44

Obj.-Dok.-Nr.: 09031116
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Axel-Springer-Straße
Hausnummer: 44
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Geschäftshaus & Gewerbehof
Datierung: 1909
Entwurf: Bernoulli, Hans (Architekt)
Entwurf: Rinkel, Louis (Architekt)
Bauherr: Fischbein & Mendel

Unmittelbar neben der liberalen Synagoge in der Lindenstraße entstand 1909 das Geschäftshaus mit Gewerbehof, Axel-Springer-Straße 44. Auch diesem Bauwerk liegt ein Entwurf der Architekten Hans Bernoulli und Louis Rinkel zugrunde. Bernoulli oblag die Detaillierung der straßenseitigen Front, während für die Grundrisseinteilung Rinkel verantwortlich zeichnete. (1) Das Gebäude wurde bis 1933 ausschließlich durch die Konfektionsfirma Fischbein & Mendel genutzt, die vorwiegend Kinderkleidung produzierte. Seitdem befindet sich hier der Sitz der Barmer Ersatzkasse.

Auffällig ist die sehr modern und sachlich anmutende Fassadengestaltung. Die Straßenfront ist eine konsequente Umsetzung der von Alfred Messel entwickelten Pfeilerfassade. "Ihr künstlerischer Rang lässt sie neben den Schöpfungen der zwanziger und der beginnenden dreissiger Jahre - der heroischen Phase der Baukunst des 20. Jahrhunderts - ebenbürtig bestehen". (2) Die Front ist auf äußerste Zweckmäßigkeit berechnet. Bernoulli verzichtete sowohl auf die klassische, im Geschäftshausbau der Zeit verbindliche dreischichtige Gliederung als auch auf Symmetriebildungen und Hierarchisierungen. Die Fassade wurde mit wenigen, gleichwohl effektvoll eingesetzten Mitteln komponiert. Dabei leitet sich die gestalterische Gliederung gezielt aus dem konstruktiven System ab, einer Kombination von massivem Mauerwerk mit stählernen Stützen und Stahlträgerrippendecken. Wand- und Fensterpfeiler sowie die in einer tieferen Ebene angeordneten steinernen Brüstungsbänder fügen sich zu einem ebenmäßigen Fassadenraster zusammen. Die kräftigen Wandpfeiler laufen ohne Unterbrechung bis zum leicht vorkragenden Dach durch. Der gleichförmige Fassadenaufbau über der vollständig verglasten Erdgeschosszone lässt sich gedanklich sowohl nach oben als auch zu beiden Seiten rapportartig verlängern. Gestalterische Markenzeichen des Hauses sind der ausgeprägte Vertikalismus und das kräftige Fassadenrelief. Durch den weitgehenden Verzicht auf Bauschmuck wird die Radikalität des Ausdrucks noch erhöht. Ursprünglich war die Straßenfassade durch den äußerst nobel wirkenden Materialgegensatz von Travertinverkleidung und bronzebeschlagenen Portalen und Fenstern gekennzeichnet, was für ein repräsentatives Erscheinungsbild sorgte. Aufgrund ihrer beachtlichen Ausmaße hatte die Fassade eine enorme Gestaltwirkung auf den umgebenden Stadtraum. (3) Das fünfgeschossige Vorderhaus wird rückwärtig durch tief gestaffelte, um zwei Höfe gruppierte Seitenflügel und Querhäuser ergänzt. Die Hoffronten sind zeittypisch mit weißen Glasurklinkern verkleidet. Wie in der Gewerbehausarchitektur seinerzeit üblich wurde das Gebäude innen nahezu stützenfrei konzipiert. Die von Alex Müller gestalteten reichen Bronzearbeiten sind partiell noch erhalten.


(1) Berliner Architekturwelt 14 (1912), S. 203-207; BusB IX, S. 189; Hüter, Karl-Heinz: Architektur in Berlin 1900-1933, Dresden 1987, S. 71; Weber, Klaus Konrad: Hans Bernoulli in Berlin. In: Hans Bernoulli. Architekt und Städtebauer, hrsg. v. Karl und Maya Nägelin-Gschwind, Basel-Boston-Berlin 1993, S. 22, 27-28, 136 ff.; Dehio Berlin 2006, S. 311.

(2) Weber, Klaus Konrad: Hans Bernoulli in Berlin. In: Hans Bernoulli. Architekt und Städtebauer, hrsg. v. Karl und Maya Nägelin-Gschwind, Basel-Boston-Berlin 1993, S. 28.

(3) Die stadträumliche Präsenz des Unternehmens sollte sich bald nach Fertigstellung des Gebäudes noch erhöhen, denn nur drei Jahre nach Abschluss der Bauarbeiten ließ der gleiche Bauherr auf dem wenige Meter nördlich gelegenen Grundstück Lindenstraße 51-53 ebenfalls durch Hans Bernoulli ein weiteres Geschäftshaus mit nahezu identischer Fassadengestaltung errichten. Ein wichtiger Unterschied bestand jedoch in der Gestaltung der Traufzone. Vermutlich auf Wunsch der Bauherren stattete Bernoulli die Fassade mit abschließendem Traufgesims und Attikageschoss aus. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Vgl. Weber, Klaus Konrad: Hans Bernoulli in Berlin. In: Hans Bernoulli. Architekt und Städtebauer, hrsg. v. Karl und Maya Nägelin-Gschwind, Basel-Boston-Berlin 1993, S. 22, 153.

Literatur:
  • BusB IX 1971 / Seite 189
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 150 f.