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Pianofortefabrik C. Bechstein & Bechstein-Fabrikhof

Obj.-Dok.-Nr.: 09031101
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Ohlauer Straße
Hausnummer: 5 & 7 & 11
Strasse: Reichenberger Straße
Hausnummer: 124
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Fabrikhof & Gewerbehof & Fabrik
Datierung: 1886
Umbau: 1895 & 1906-1907
Entwurf: Wolf, Hermann (Maurermeister)
Entwurf: Schäfer, Carl (Baumeister)
Entwurf: Toepffer, Theordor (Architekt)
Bauherr: Bechstein, P. C. (Klavierfabrikant)

Der Gewerbehof in der Ohlauer Straße 5/11 und Reichenberger Straße 124 ist die historische Produktionsstätte der namhaften Pianofortefabrik C. Bechstein, die hier bis 1989 Klaviere und Flügel fertigte. (1) Nach dem Auszug des Musikinstrumentenherstellers erwarb das Land Berlin die weitläufigen Anlagen und ließ sie Anfang der 1990er Jahre durch die Gewerbesiedlungs-Gesellschaft (GSG) grundlegend sanieren und zu einem multifunktional genutzten Gewerbehof umbauen. (2)

Der Bechstein-Fabrikhof ist ein gewachsenes Ensemble mehrgeschossiger Fabriktrakte aus rotem Mauerwerk. Der Gebäudebestand wurde in den letzten einhundert Jahren stetig an die Erfordernisse der Produktion angepasst, umgestaltet und erweitert, teilweise jedoch auch abgerissen. Die heute vorhandenen Bauten entstanden in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten und umsäumen zwei unregelmäßig zugeschnittene Höfe in der Blockinnenfläche. Ältester Bestandteil ist der zur Reichenberger Straße orientierte Flügel, der nach Abriss der zugehörigen Vorderhausbebauung von der Straßenseite aus sichtbar ist. Der sechsgeschossige Trakt, erbaut 1886 von Ratsmaurermeister Hermann Wolf, gleicht einer gewöhnlichen Etagenfabrik, ohne dass Merkmale zu erkennen sind, die sich auf die Klavierproduktion beziehen. Mit seiner nüchternen, nur durch wenige Gesimse gegliederten Fassade, den roten Verblendziegeln und den Segmentbogenfenstern ist er ein anschauliches Beispiel für den damaligen Stand der Gewerbearchitektur in der Luisenstadt. Ähnliches gilt für den 1895 erstellten Mitteltrakt, den Baumeister Carl Schäfer (2) entworfen hat. Der fünfgeschossige Bau, der West- und Osthof voneinander trennt, zeichnet sich durch eine strenge Pfeilergliederung aus. Wegen seiner großen Raumtiefe erhielt der Trakt eine mittlere Stützenreihe aus gusseisernen Hohlsäulen, auf denen die Kappendecken lagern.

Mit dem Bau des Haupteingangsgebäudes an der Ohlauer Straße machte sich die Pianofortefabrik C. Bechstein nach der Jahrhundertwende schließlich mit großer Geste im Stadtraum bemerkbar. In den ansonsten nahezu ausnahmslos von Wohnhäusern geprägten Straßenzügen zwischen Wiener Straße und Landwehrkanal fällt der 1907 errichtete Industriebau mit seiner langgezogenen Fassade unmittelbar ins Auge. Das stattliche Gebäude, entworfen von Theodor Toepffer, kündet von dem unternehmerischen Selbstbewusstsein des Klavierherstellers. Die symmetrisch aufgebaute Fassade besitzt eine klare hierarchische Gliederung. In ihrem Aufbau erinnert sie an die von Franz Schwechten entworfene Schaufront des AEG-Hauptgebäudes in der Ackerstraße in der Rosenthaler Vorstadt. (3) Die repräsentative Erscheinung wird durch den über fünf Achsen reichenden Mittelrisalit unterstrichen. Das rote Sichtmauerwerk ist in diesem Bereich durch Natursteinbossen wirkungsvoll belebt. Noch heute trägt die Attikabrüstung der Namenszug der Klavierfabrik. Dem Gebäude liegt eine Mischkonstruktion zugrunde. Die Stahlsteindecken lagern auf massiv ausgeführten Außenwänden und einer Mittelstützenreihe. Der Dachstuhl wurde nicht wie bei den älteren Trakten als Holzpfettentragwerk konzipiert, sondern als moderne Stahlbinderkonstruktion ausgeführt. 1987-89 wurde das Haus im Erdgeschoss für einen Tauchbetrieb umgebaut und dabei auf der Hofseite um einen Schwimmbeckenbereich erweitert.


(1) BusB 1896, Bd. 1, S. 608 ff.; Hirschfeld, Paul: Berlins Großindustrie, Bd. 1, Berlin 1897, S. 276 ff.; Das Bechstein Bilderbuch, Berlin 1927; Eine Chronik des Hauses Bechstein. Festschrift zu 125-jährigen Jubiläum 1978; Hausmann/Soltendiek 1986, S. 98 ff.; Hildebrandt/Lemburg/Wewel 1988, S. 240-241; Dehio Berlin 2006, S. 311. Das im Dehio erwähnte Holztrockenlager steht nicht mehr. Es musste Anfang der 1990er Jahre, als die Anlage noch nicht denkmalgeschützt war, einer Parkpalette weichen.

(2) Die Planung zu Umbau und Sanierung übernahmen die Architekten Günter Saleh Dybe + Partner.

(3) Es handelt sich um den Baumeister Carl Schäfer, der am Belle-Alliance-Platz wohnte, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Architekten und Hochschullehrer Carl Schäfer (1844-1908). Beide Schäfers bauten in Berlin-Kreuzberg.

Literatur:
  • BusB I 1896 / Seite 608-610
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 288 f.