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Diakonissenkrankenhaus Bethanien mit Kapelle und Wohnhäusern

Obj.-Dok.-Nr.: 09031097,T
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Mariannenplatz
Hausnummer: 1 & 1A & 2 & 3
Strasse: Adalbertstraße
Hausnummer: 23A & 23B
Strasse: Waldemarstraße
Hausnummer: 57
Strasse: Bethaniendamm
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Krankenhaus & Kapelle & Heim & Wohnhaus

An der Westseite des Mariannenplatzes befindet sich, eingebettet in umfangreiche Grünbereiche, ein weitläufiges ehemaliges Krankenhausensemble, dessen Bauten über einem Zeitraum von annähernd achtzig Jahren entstanden. Das Diakonissenkrankenhaus Bethanien, das die Grundstücke Mariannenplatz 1-3, Adalbertstraße 23A-B, Bethaniendamm 31/49 und Waldemarstraße 57/69 einnimmt, wurde 1845-47 errichtet. (1) Die Einrichtung, die als Krankenhaus, Diakonissen-Mutterhaus und Ausbildungsstätte für Krankenpflegerinnen diente, geht auf eine Stiftung König Friedrich Wilhelms IV. zurück. Am Entwurf waren neben Theodor Stein auch Ludwig Persius und Friedrich August Stüler beteiligt, doch hatten auch die Gestaltungsvorstellungen des Königs einen maßgeblichen Einfluss auf die Planung. Als Ergebnis des komplexen Entwurfsprozesses entstand ein kasernenartig wirkender Monumentalbau in Formen des Rundbogenstils. Die Errichtung des Krankenhauses in dieser Form hatte nicht nur soziale Gründe, vielmehr verfolgte Friedrich Wilhelm IV. mit dem Bau des Bethanien auch stadtgestalterische Ziele. Das Diakonissen- und Krankenhaus sollte als architektonischer "Glanzpunkt" die bauliche Entwicklung und Besiedlung der seinerzeit insbesondere im östlichen Teil noch weitgehend unbebauten Luisenstadt vorantreiben. (2) Heute ist das Bethanien eines der baulichen Wahrzeichen des Ortsteils Kreuzberg. Es schließt den Mariannenplatz nach Westen ab und bildet zusammen mit der St.-Thomas-Kirche und dem ehemaligen Leibniz-Gymnasium ein qualitätsvolles bauliches Ensemble des 19. Jahrhunderts. Überdies ist es eines der ältesten erhaltenen Krankenhausgebäude im Berliner Stadtgebiet.

Im Zentrum der Anlage steht eine großformatige, raumgreifende Dreiflügelanlage, der rechts und links kleinere, freistehende Wohngebäude beigeordnet sind. Das dreigeschossige Hauptgebäude, das allseits eine Verblendung aus hellgelben Birkenwerder Ziegeln besitzt, wirkt nach außen blockhaft geschlossen. Seine Fassadengestaltung ist schlicht und zeigt eine einfache Gliederung. Durchlaufende Gesimse unterstreichen die horizontale Ausrichtung des Gebäudes. Ein kräftiges, auf Konsolen lagerndes Kranzgesims und Eckpfeiler rahmen die spiegelsymmetrisch gestaltete, breit gelagerte Hauptfront am Mariannenplatz. Prägendes architektonisches Motiv sind die großformatigen Rundbogenfenster, die alternierend entweder einfach oder doppelt in die Wandfläche eingeschnitten wurden. Im Zentrum der über einhundert Meter langen Fassade befindet sich ein aufwendig gestalteter Mittelrisalit, der den kasernenartigen Eindruck wirkungsvoll mindert. (3) Der Risalit gliedert den Fassadenaufbau, stellt aber zugleich auch ein wesentliches Identitäts- und Erkennungsmerkmal des Gebäudes dar. Seit Anlage der Muskauer Straße in den 1860er Jahren bildet er als Point de vue deren Abschluss. Das Erscheinungsbild des Risalits wird von zwei schlanken, oktogonalen, die Fassade um ein Geschoss überragenden Türmen dominiert. Dabei bilden diese mit dem in der zentralen Achse angeordneten Glockenspiel ein sakrales Motiv, das auf die im Zentrum des Hauptgebäudes angeordnete Kapelle hindeutet.

Grundrissanlage und Ausstattung des Krankenhauses basierten auf sorgfältigen Vorstudien, weshalb die Einrichtung über lange Zeit als mustergültiges Vorbild galt, an dem sich später errichtete Krankenhausbauten zu orientieren hatten.

Das Haus für ursprünglich 350 Kranke wurde nach dem damals modernen Korridorsystem angelegt. Große Fenster belichteten und belüfteten die Krankensäle in den drei Flügeln von der westlichen oder südlichen Seite. Zwischen den Krankenräumen waren Schwesternzimmer, Teeküchen und Bäder eingeschoben. Toiletten lagen meist neben den Eingängen der Säle. Erschlossen wurden die Räume von ungestört durchlaufenden Korridoren.

Ungeachtet kleiner Kriegsschäden und mehrfacher Umbauten verfügt das Hauptgebäude des Bethanien in weiten Teilen noch über die bauzeitliche Raumeinteilung. (4) Die Erschließung des Gebäudeinnern erfolgt über ein prunkvolles Vestibül mit zweigeschossigem Arkadenumgang und gusseisernen Treppenanlagen. An die Säulenvorhalle schließen kreuzgewölbte, einhüftig angelegte Korridore an. Die zum Garten ausgerichtete Kapelle wurde als dreischiffige Basilika mit halbrunder Apsis konzipiert. (5) Ein bemerkenswertes Ausstattungsdetail sind die von Wilhelm Friedrich Dankberg geschaffenen Keramiktondi, die karitative Szenen darstellen. In den ehemaligen Krankensälen sind vielfach noch die alten gusseisernen Säulen vorhanden. Sie sind ein ebenso seltenes wie frühes Beispiel für die Verwendung eiserner Hohlstützen als konstruktives Element. Die Säulen tragen die weitgespannten Flachdecken, dienten aber darüber hinaus auch als Entrauchungs- und Belüftungsrohre, an die Öfen angeschlossen waren. Überliefert ist auch das Apothekenzimmer, in dem Theodor Fontane 1848-49 seinen Dienst als angestellter Apotheker versah. Der Schriftsteller wohnte während seiner Dienstzeit in dem südlich gelegenen Beamtenwohnhaus, das ebenso wie sein nördliches Gegenstück, das Predigerhaus, zeitgleich mit dem Haupthaus entstanden ist. Die zweigeschossigen Wohngebäude erhöhen durch ihren Maßstabskontrast die repräsentative Wirkung des Hauptgebäudes, dessen Fassadengliederung sie weitgehend übernehmen. Die Fassaden der Wohnhäuser sind ebenfalls mit hellgelben Klinkern verkleidet. Kräftige Pfeiler rahmen die Fronten und akzentuieren die Gebäudeecken. Hervorgehobenes gestalterisches Motiv sind die an den Giebelfronten angeordneten zweigeschossigen Erkeranbauten.

Im Bereich der Waldemarstraße steht mit dem 1877 errichteten ehemaligen Feierabendhaus der erste größere Erweiterungsbau des Krankenhauses. Das von dem Maurermeister L. Heitling erstellte Gebäude, das als Altersheim der im Krankenhaus beschäftigten Diakonissen diente, verfügt über hellgelbe Klinkerfassaden. Stilistisch zeigt es Bezüge zur Backsteingotik. Nach Plänen von Julius Boethke wurde es 1911 umfassend erweitert. 1893-94 entstand nördlich des Hauptgebäudes ein Lehrschwesternhaus, das frühere Martha-Maria-Haus, das als Schwesternwohnheim diente und Unterrichtsräume aufnahm. Sein Entwurf geht auf den Königlichen Bauinspektor Mühlke zurück. Auch dieses, in nüchternen neogotischen Formen gehaltene Gebäude wurde 1910 durch Julius Boethke umgebaut und erweitert. Bekannt wurde es zu Beginn der 1970er Jahre, als es von Hausbesetzern besetzt und nach einem 1971 erschossenen "Stadtguerillero" in Georg-von-Rauch-Haus umbenannt wurde. Das Gebäude ist seitdem Symbol der Kreuzberger Hausbesetzerszene.

Den Abschluss der baulichen Entwicklung des Krankenhausensembles bildeten das Seminargebäude und das Haus Tabea, die beide 1929-30 errichtet wurden. Die Häuser begrenzen das Krankenhausgelände an seiner Westseite im Bereich der Adalbertstraße. Für den Entwurf zeichnete die Architektensozietät Mohr & Weidner verantwortlich. Beide Bauten sind großzügig von Grünanlagen umschlossen. Ihre rote Klinkerverblendung und ihr expressionistisches Formenvokabular bilden eine kontrastreiche Ergänzung zu den Altbauten des Krankenhauses. Das sechsgeschossige Seminargebäude, das als Dreiflügelanlage in die Hauptachse des Hauptgebäudes gesetzt wurde, weist in seiner Grundrissbildung deutliche Bezüge zu dem alten Krankenhaus auf. Mit der Kapelle des Hauptgebäudes korrespondiert ein mittig angeordneter eingeschossiger Saalbau. 1970 hat man den Krankenhausbetrieb eingestellt. Lange Zeit von Abriss bedroht, wurden in dem umfangreichen Gebäudebestand des Bethanien zahlreiche Kunst-, Kultur- und Verwaltungseinrichtungen untergebracht.


(1) Stein, Theodor: Das Krankenhaus der Diakonissen-Anstalt Bethanien zu Berlin, Berlin 1850; BusB 1877, S. 222-224; BusB 1896, Bd. 2, S. 428-430; Schulze, Gustav: Bethanien. Die ersten fünfzig Jahre und der gegenwärtige Stand des Diakonissenhauses zu Berlin, Berlin 1897; Langer, Wilhelm: Hundert Jahre Central-Diakonissenhaus Bethanien zu Berlin, Berlin 1947; Kupisch, Karl: Bethanien in Berlin, Berlin [um 1970]; Kutzer, Eckhard: Unser Weg. Stiftung Diakonissenhaus Bethanien Berlin. 125 Jahre. 10. Oktober 1972, Berlin 1972; Börsch-Supan 1977, S. 17, 40, 138, 676; Klinkott 1988, S. 111-114; Hoffmann-Axthelm, Dieter: Bethanien - Eine historische Anmerkung zum Verhältnis von Architektur und Ideologie. In: Architektur. Experimente in Berlin und anderswo, Festschrift für Julius Posener, hrsg. v. Sonja Günther und Dietrich Worbs, Berlin 1989, S. 138-153; Scarpa, Ludovica: Der Bau Bethaniens: Ein Beispiel konservativer Sozialpolitik. In: Architektur. Experimente in Berlin und anderswo, Festschrift für Julius Posener, hrsg. v. Sonja Günther und Dietrich Worbs, Berlin 1989, S. 124-137; Spode, Hasso: Das Krankenhaus der Diakonissen-Anstalt Bethanien zu Berlin. In: Geschichtlandschaft Berlin 1994, S. 301-325; BusB VII A, S. 189; Dehio Berlin 2006, S. 298-299.

(2) Tatsächlich verlief die vom König erhoffte zügige bauliche Entwicklung des Köpenicker Felds zunächst eher schleppend. Wenngleich fast zeitgleich mit der Anlage von Landwehrkanal (bis 1850) und Mariannenplatz (bis 1853) weitere Großprojekte in unmittelbarer Nähe des Bethanien verwirklicht wurden, war zunächst keine verstärkte private Bautätigkeit im Umfeld der Heilanstalt zu verzeichnen. Lange Zeit blieb der auf freiem Feld errichtete Krankenhausbau stadträumlich isoliert. Die bauliche Schließung der Blockränder in der näheren Umgebung von Bethanien und Thomas-Kirche war selbst in den 1880er Jahren noch nicht komplett vollzogen.

(3) Der Risalit geht auf einen Entwurf Friedrich August Stülers zurück.

(4) Der Wiederaufbau erfolgte nach Plänen von Karl Wilhelm Ochs.

(5) Die Kapelle dient heute als Ausstellungshalle.

Literatur:
  • BusB II/III 1896 / Seite 428
  • Börsch-Supan, Berliner Baukunst nach Schinkel, 1977Spode, Hasso/ Das Krankenhaus der Diakonissen-Anstalt Bethanien zu Berlin =Geschichtslandschaft, Kreuzberg, 1994 / Seite 301-325
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 235 f.
Teilobjekt Diakonissenkrankenhaus Bethanien
Teil-Nr.: 09031097,T,001
Sachbegriff: Krankenhaus
Strasse: Mariannenplatz
Hausnummer: 1 & 2 & 3
Datierung: 1845-1847
Entwurf: Stein, Theodor August
Teilobjekt Martha-Maria-Heim
Teil-Nr.: 09031097,T,002
Sachbegriff: Heim
Strasse: Mariannenplatz
Hausnummer: 1A
Datierung: 1893-1894
Umbau: 1910
Entwurf: Mühlke
Entwurf: Boethke, Julius
Bauherr: Krankenhaus Bethanien
Teilobjekt Seminar- und Wohngebäude
Teil-Nr.: 09031097,T,003
Sachbegriff: Wohnhaus
Strasse: Adalbertstraße
Hausnummer: 23A & 23B
Datierung: 1929-1930
Entwurf: Mohr und Weidner
Bauherr: Krankenhaus Bethanien
Teilobjekt Feierabendhaus Waldemarstraße 57
Teil-Nr.: 09031097,T,004
Sachbegriff: Feierabendhaus
Strasse: Waldemarstraße
Hausnummer: 57
Datierung: 1877
Umbau: 1911 & 1953
Entwurf: Heitling, L. (Maurermeister)
Entwurf: Boethke
Entwurf: Hoffmann, A.
Bauherr: Krankenhaus Bethanien