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Kaserne des Garde-Kürassier-Regiments & Kaserne des Kaiserin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 4

Obj.-Dok.-Nr.: 09031083
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Friesenstraße
Hausnummer: 16
Strasse: Golßener Straße
Hausnummer: 6
Strasse: Jüterboger Straße
Hausnummer: 3
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Kaserne
Datierung: 1895-1897
Umbau: 1953-1955
Entwurf: Schönhals
Ausführung: Vetter & Müssigbrodt & Lilienstern, von & Schäfer, Carl

Die Berliner Garnison nutzte das weitläufige Tempelhofer Feld (heute Flughafen Tempelhof und Siedlung Neu-Tempelhof) bereits im 18. Jahrhundert als Exerzier- und Paradefläche. In der nördlich vorgelagerten Tempelhofer Vorstadt entstanden wegen der räumlichen Nähe zum Truppenübungsplatz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Kasernenanlagen. Dazu gehören auch die Bauten des Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 4 und des Garde-Kürassier-Regiments an der Friesenstraße 16, Golßener Straße 6 und Jüterboger Straße 3. (1) Die beiden Kasernen besetzen das Gelände des bereits 1832 angelegten Pionier-Übungsplatzes, der eine Zeit lang mit einer Zitadelle für Manöverzwecke bebaut war. Während es sich bei dem Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiment um eine Infanterietruppe handelte, verfügten die Garde-Kürassiere als Kavallerie-Einheit über Pferde, was den Bau von Pferdeställen erforderlich machte. Auch wenn die beiden Regimenter unterschiedlichen Waffengattungen angehörten, sind die Kasernen gestalterisch kaum zu unterscheiden. Die Gebäude bestehen durchweg aus rotem Backstein und sind allesamt in den Stilformen der deutschen Renaissance gestaltet. Obwohl im Zweiten Weltkrieg einige Bauten zerstört wurden und in der Nachkriegszeit bauliche Ergänzungen hinzukamen, präsentiert sich das Kasernenviertel noch heute in großer baulicher Geschlossenheit. Die roten Klinkerbauten stellen durch ihr homogenes Erscheinungsbild ein dominantes und zugleich den Stadtraum trennendes Element in der Tempelhofer Vorstadt dar. Zusammen mit den benachbarten Friedhöfen erinnern sie daran, dass hier bis 1920 die südliche Stadtgrenze Berlins verlief.

Die beiden Kasernen wurden 1895-97 errichtet. Die Entwürfe erstellten Ferdinand Schönhals, Garnison-Bauinspektor Vetter und Regierungsbaumeister Paul Heinrich Müssigbrodt, während für die baulich hervorgehobenen Offiziersspeiseanstalten Professor Carl Schäfer herangezogen wurde, der damals an der TH Charlottenburg lehrte. Das rechteckige, von Straßen umgebene Quartier zwischen Friesenstraße, Jüterboger Straße, Golßener Straße und Columbiadamm wurde in zwei gleich große Hälften geteilt. Während auf der Nordseite die Infanteriekaserne errichtet wurde, besetzen die baulichen Anlagen des Kavallerieregiments den südlichen Grundstücksteil. Dabei wählte man eine offene Bauweise mit freistehenden Einzelbauten, die funktionsbedingt in der Gestaltung variiert wurden. Während die fünf- bis sechsgeschossigen Mannschaftsgebäude unmittelbar an der Straße stehen, ordnete man auf dem Hinterland Wirtschafts- und Exerziergebäude, Ställe und Latrinen an. Die eingeschossigen Ställe und Reithallen sind als größere bauliche Einheit gleichmäßig aufgereiht, wodurch sich vier quadratische Höfe ergeben. Ein belebendes Element der Backsteinarchitektur sind die zahllosen Giebelmotive. Über den Risaliten erheben sich reich detaillierte Schweifgiebel, wie sie für die Baukunst der deutschen Renaissance charakteristisch sind. Mit der roten Klinkerverkleidung und der Schieferdeckung der Dächer rufen die Bauten einen einheitlichen Eindruck hervor. Einzelne Architekturgliederungen, darunter die Gesimse, bestehen aus gelbem und rotem Sandstein. Geradezu malerisch wirkt das Mannschaftsgebäude an der Friesenstraße. Seine Fassade zeigt eine reiche Gliederung. Um den Bau im Stadtraum gut zu Geltung zu bringen, stellte man seine runden, mit Kegeldächern versehenen Treppentürme genau in die Achse der Schwiebusser Straße.

Auf der Westseite, an der Friesenstraße, wurden 1896-97 zwei Offiziersspeiseanstalten errichtet. (2) Die beiden villenartigen Backsteinbauten waren in Anlehnung an den Baustil der deutschen Renaissance mit aufwendigen Portalen sowie geschweiften Giebeln geschmückt. Die Gestaltung beruht auf Vorentwürfen, die Professor Carl Schäfer bereits 1893 erstellt hatte. Die Offiziersspeiseanstalt des Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiments wurde 1899 und 1906 erweitert, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1953-57 als Kantine wieder aufgebaut, während das ähnlich gestaltete Offizierskasino des Garde-Kürassier-Regiments heute nicht mehr vorhanden ist. Im Krieg erheblich zerstört, wurde es 1964 abgerissen.

Nach der Auflösung der Regimenter, die 1920 infolge des Versailler Vertrags erfolgte, wurden die Kasernen der Polizei übergeben. Damals nahm man erste bauliche Veränderungen vor. Das außerhalb des Geländes angeordnete Gerichts- und Arrestgebäude diente seit März 1933 als "wildes Konzentrationslager". Nachdem die Gestapo die Einrichtung übernommen hatte, wurden die Gefangenen 1935 ins Konzentrationslager Oranienburg verlegt. Weil das Gebäude dem Ausbau des Flughafens Tempelhof im Weg war, wurde es 1938 abgerissen. Heute sind in den Kasernenbauten überwiegend Polizeidienststellen untergebracht. Nach Entwürfen von Bruno Grimmek und Horst Bullert entstanden auf dem Gelände zwischen 1953-59 zahlreiche Neubauten, so eine Sport- und Übungshalle, eine Trafostation und Abnahmehallen. Hervorzuheben ist die kleine Tankstelle, die in der leichten und sachlichen Bauweise der 1950er Jahre errichtet wurde.


(1) BusB 1896, Bd. 2, S. 388-389; Deutsche Bauzeitung 31 (1897), S. 475, 502; Dürre 2001, S. 89, 97.

(2) Schuchard, Jutta: Carl Schäfer 1844-1908. Leben und Werk des Architekten der Neugotik, München 1979, S. 281-282.

Literatur:
  • BusB II/III 1896 / Seite 388f.
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 414 f.