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St. Bonifatius-Kirche mit Wohnanlage

Obj.-Dok.-Nr.: 09031027
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Kreuzberg
Strasse: Yorckstraße
Hausnummer: 88 & 88A & 88B & 88C & 88D & 88E & 88F & 88G & 88H & 89
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Kirche kath. & Wohnanlage
Datierung: 1903-1907
Entwurf: Hasak, Max
Bauherr: Katholische Kirchengemeinde

Unmittelbar östlich von Riehmers Hofgarten setzt die monumentale Schaufront der Kath. St.-Bonifatius-Kirche in der Yorckstraße 88-89 (1) einen außerordentlichen städtebaulichen Akzent. Die Kirche wurde als letztes Gebäude der Blockfront 1906-07 ausgeführt, nachdem bereits seit 1903 auf der Blockinnenfläche eine weitläufige Wohnanlage entstanden war. Die Pläne zeichnete Max Hasak, der zusammen mit Christoph Hehl zu den wichtigsten katholischen Kirchenbaumeistern im kaiserzeitlichen Berlin gehörte. (2) St. Bonifatius bezeichnet "wie kaum eine andere katholische Kirche Berlins vor 1918 die Abkehr vom Historismus". (3) Hasak entwarf das Gotteshaus als neogotische Straßenkirche, die sich in den geschlossenen Blockrand eingliedert. Kennzeichnend ist der deutlich abstrahierte Formenapparat. Um den Bau an der breiten Yorckstraße gebührend zur Geltung zu bringen, bildete der Architekt eine markante Doppelturmfassade aus. Mit dem filigranen Stabwerk, nicht zuletzt aber mit den Spitzhelmen und den polygonalen, über sämtliche Geschosse laufenden Fialtürmchen ergibt sich eine klare, himmelwärts strebende Akzentuierung. Die spiegelsymmetrisch an beiden Seiten angefügten Wohnhäuser ergänzen das Gesamtbild in harmonischer Weise.

In der sorgfältig ausdifferenzierten Backsteinarchitektur der Fassaden spiegelt sich Hasaks Leidenschaft für den unverputzten Backsteinbau. (4) Um die lebendige Textur von Handstrichziegeln zu erzielen, ließ Hasak die Oberflächen vor dem Brennen bürsten und mit Sand bewerfen. Wie schon bei der 1894 vollendeten St.-Pius-Kirche in Friedrichshain verwendete der Baumeister auch hier für die Schaufront rote Ziegel im Klosterformat. In feiner Nuancierung setzt sich das weiß verfugte Mauerwerk der Kirche von der schwarz verfugten Ziegelverblendung der Wohngebäude ab. (5)

Während sich im evangelischen Kirchenbau des frühen 20. Jahrhunderts zunehmend zentralisierte Grundrisslösungen verbreiteten, hielt die katholische Kirche an der traditionellen, in der römischen Liturgie begründeten Längsrichtung fest. Demzufolge wurde St. Bonifatius als ein über fünf Joche reichender Längsbau angelegt. Hasak verzichtete jedoch auf Pfeiler- oder Säulenstellungen, sondern bildete eine stützenlose Wandpfeilerkirche aus. Dies begründete er nicht nur mit den geringeren Kosten, sondern auch mit der besseren Nutzbarkeit, da die Gottesdienstbesucher im weitgespannten pfeilerlosen Raum von jedem Platz aus an der Messe ohne akustische oder optische Einschränkungen teilhaben können. Hasak bezeichnete den einheitlichen, von einem Sterngewölbe überfangenen Raum als "groß und erhaben, also dem religiösen Zweck entsprechend". Die ursprüngliche Raumfassung ist heute nicht mehr vorhanden. In den 1960er Jahren erhielt die im Zweiten Weltkrieg völlig ausgebrannte Kirche eine neue Ausmalung und neues Mobiliar. Heute wird der Chorbereich von einem großformatigen Altarwandgemälde dominiert, das Fred Thieler 1969 schuf.

Als unentbehrlich für den Kirchenbau erwies sich die mit einem großen Gartenhof ausgestattete Wohnanlage auf dem Hinterland, denn die Mieteinnahmen trugen wesentlich zur Finanzierung des Gotteshauses bei. Die hochwertigen fünfgeschossigen Wohnbauten umsäumen in einigem Abstand die Kirche, mit der sie in Stil und Material übereinstimmen. Entfernt erinnert das Konzept deshalb an mittelalterliche Marktplätze. Darüber hinaus weist die Anlage klare wohnungsreformerische Züge auf. Ähnlich wie beim benachbarten Riehmers Hofgarten sollte man auch hier in ruhiger, durchgrünter Umgebung wohnen können. (6) Durch geschickte Massenverteilung und genau berechnete Grundrisskonzeptionen konnte zudem eine optimale Luft- und Lichtausbeute für die Hofanlage sowie für die einzelnen Wohnungen erreicht werden. Erker und Loggien, Treppengiebel und Turmaufbauten verleihen den Fassaden eine malerische Anmutung. Während in den Vorderhäusern Läden und Sechs-Zimmer-Wohnungen untergebracht sind, haben die hofseitigen Wohnungen vorwiegend drei bis vier Zimmer. Wohneinheiten dieser Größe sind wie üblich mit Mädchenkammern ausgestattet. Besonderes Augenmerk verdienen die Treppenhäuser mit ihren reichhaltig detaillierten eisernen Treppen, die sich um halbrunde Treppenaugen legen. Während die Treppenhäuser in den Wohnhäusern 2002 in ihrer ursprünglichen, vom Jugendstil inspirierten Farbgebung wieder hergestellt wurden, erfolgte 2003-06 eine Instandsetzung der Kirche.


(1) Hasak, Max: Die St. Bonifatiuskirche in der Yorckstraße in Berlin und die Aufteilung ihres Baugeländes. In: Zentralblatt der Bauverwaltung 28 (1908), S. 426-428, 441-443; BusB IV A, S. 245; BusB IV B, S. 154-155; Streicher/Drave 1980, S. 280-281; BusB VI, S. 131-132, 387-388; Dehio Berlin 2006, S. 295.

(2) Hasak war zudem als Dozent an der TH Charlottenburg tätig und hatte sich durch zahlreiche Schriften zur Berliner Architekturgeschichte einen Namen gemacht.

(3) BusB VI, S. 132.

(4) Hasak, Max: Zurück zum Ziegelbau. In: Berliner Architekturwelt 11 (1909), S. 41 ff.

(5) Alle rückwärtigen Fassaden erhielten eine Ziegelverblendung im Normalformat.

(6) Die 83 Wohnungen waren sehr nachgefragt und schon bald nach Fertigstellung komplett vermietet.

Literatur:
  • BusB IV B 1974 / Seite 155
  • Berliner Architekturwelt 11 (1909) / Seite 44ff.
  • Topographie Friedrichshain-Kreuzberg/Kreuzberg, 2016 / Seite 378 ff.