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Friedenskirche

Obj.-Dok.-Nr.: 09030423
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Gesundbrunnen
Strasse: Ruppiner Straße
Hausnummer: 28
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche ev.
Datierung: 1888-1891
Umbau: 1969
Entwurf: Orth, August Friedrich Wilhelm (Architekt)
Entwurf: Weber, Werner (Architekt)
Ausführung: Bülow, von
Bauherr: Stoecker, Adolf
Ausführung: AG für Bauausführungen

Inmitten eines durch die Stadtsanierung in den frühen 1970er Jahren völlig veränderten Stadtraums steht die evangelische Friedenskirche, die 1888-91 von August Orth auf einem nur 15 m breiten Mietshausgrundstück an der Ruppiner Straße 28 errichtet wurde. (1) Ebenso wie das Lazarus-Krankenhaus und die Wohnanlage Versöhnungs-Privatstraße entstand die Friedenskirche durch das soziale Engagement der christlichen Arbeiterbewegung. Die von Hofprediger Adolf Stoecker geleitete Berliner Stadtmission und ein 1885 gegründeter Kapellenverein trugen die Mittel für den Kirchenbau zusammen, um die geistliche Versorgung der Arbeiterfamilien im dicht bewohnten Gebiet um den Vinetaplatz zu verbessern. August Orth ordnete die evangelische Kirche mit einer ungewöhnlich aufgebauten Straßenfront, die weithin sichtbar ist, in die Reihe der Mietshäuser ein. (2) Der gestaffelten neugotischen Backsteinfassade sind drei Portale vorgelagert, geschmückt mit Wimpergen und verglastem Maßwerk-Bogenfeldern. Aus der zurückgesetzten Front, in der sich drei gotische Maßwerkfenster öffnen, wächst ein außerordentlich hohes turmartiges Glockenhaus hervor, das von polygonalen Türmen flankiert wird und mit einem steilen Treppengiebel die umliegenden Häuser überragt. Der Innenraum, der die beengten Bedingungen des Baugrundstücks vergessen lässt, zeichnet sich durch einen innovativen Umgang mit traditionellen Formen des Kirchenbaus aus. Der Saalraum, der keine Seitenfenster besitzen konnte, wird durch kreisrunde Oberlichter in den drei Gewölbejochen beleuchtet. Um möglichst viele Plätze unterzubringen, sind ausladende Emporen eingezogen, die von einer Eisenkonstruktion getragen werden. Die moderne technische Lösung ist jedoch nicht sichtbar, sondern mit Backstein umkleidet. Innerhalb der vorgegebenen Breite des Grundstücks bildete August Orth sogar eine querhausartige Erweiterung aus, die in einen dreiseitigen, durchfensterten Chor übergeht. Durch die Gewölbefiguration wird der Eindruck eines Dreiapsidenchores erweckt. Die reiche Ausstattung, größtenteils vom Kaiserhaus gestiftet, blieb nicht erhalten. Die einstigen Glasfenster sind durch Fenstergitter aus Beton ersetzt. Nach 1993 wurden Altar und Kanzel beseitigt. Seit 1990 wird die Friedenskirche von der serbisch-orthodoxen Gemeinde zum Heiligen Sava genutzt.


(1) Die Akustik der Friedenskirche in Berlin. in: Wiener Bauindustrie-Zeitung 8 (1890), S. 212; BusB 1896, Bd. 2, S. 170, Abb. 162, 164; Ebe, Gustav: August Orth als Kirchenbauer. in: Baumeister 2 (1904), S. 39-40; Jancke, Paul: Die Geschichte der Friedenskirche zu Berlin von 1891 bis 1916. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Friedensgemeinde. Berlin 1916; Gottwald 1924, S. 197-198; Lütkemann 1926, S. 93-95; Kühne/Stephanie 1978, S. 286-287; Dettmer 1988, S. 87-88; Müller 1993, S. 370-372; BusB VI, S. 85-86, 370.

(2) Gegenüber der alten Straßenfront ist die Fassade um 7 m zurückgesetzt, so dass sich ein kleiner Vorhof bildete. Da die umliegenden Mietshäuser abgerissen wurden und die neue Bebauung die alten Fluchtlinien verlässt, kann man diese stadträumliche Konzeption nicht mehr erleben.

Literatur:
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004 / Seite 104f.
  • BusB II 1896 / Seite 170-171
  • Herden, Elke: Kirchen für die moderne Großstadt. Der Beitrag August Orths zum protestantischen Kirchenbau im Berlin des 19. Jahrhunderts in
    Arbeitshefte des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der technischen Universität Berlin 38, (Jahr?) / Seite 78-95