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BVG-Autobus-Betriebshof mit Wohnanlage

Obj.-Dok.-Nr.: 09030305
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Wedding
Strasse: Müllerstraße
Hausnummer: 77 & 78 & 79 & 79A & 79B & 79C & 80 & 81
Strasse: Belfaster Straße
Hausnummer: 2 & 4 & 6 & 8 & 10 & 12 & 14 & 16 & 18 & 20 & 22 & 24 & 26 & 28 & 30
Strasse: Londoner Straße
Hausnummer: 1 & 3 & 5 & 7 & 9 & 11 & 13 & 15 & 17 & 19 & 21 & 23 & 25 & 27 & 29
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Betriebshof & Wohnanlage
Datierung: 1925-1927
Umbau: 1960 & 1993
Entwurf: Krämer, Jean (Architekt)
Entwurf: Mensch, Gerhard (Bauingenieur)
Entwurf: Bauroth, Richard (Bildhauer)
Ausführung: Berlinische Baugesellschaft mbH & Guthmann Nachf. & Eisenbetonbau Konrad Schwartz GmbH
Ausführung: Wittling und Güldner
Bauherr: Gemeinnützige Heimstättengesellschaft der Berliner Straßenbahn GmbH & Berliner Straßenbahn-Betriebs GmbH

Der 1925-27 erbaute Straßenbahn-Betriebshof an der Müllerstraße gehört mit der zugehörigen Wohnanlage zu den Hauptwerken expressionistischer Architektur in Berlin. (1) Die "Straßenbahnstadt", die einen ganzen Baublock an der Müllerstraße 77-81, Belfaster Straße 2/30, Londoner Straße 1/29 und an der später aufgehobenen Themsestraße einnimmt, dokumentiert den Ausbau des großstädtischen Nahverkehrs nach dem Ersten Weltkrieg. Architekt Jean Krämer errichtete für die Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH insgesamt fünf Betriebshöfe. Die Anlage an der Müllerstraße nimmt durch die ungewohnte Kombination von technischen Einrichtungen und Wohngebäuden eine Sonderstellung ein. Im Unterschied zur U-Bahn-Hauptwerkstatt, die ebenfalls von Wohnhäusern begrenzt wird, aber einen vielschichtigen Aufbau besitzt, entwickelte Jean Krämer einen symmetrischen, städtebaulich wirkungsvollen Grundriss. Die Fahrzeughalle, die 320 Straßenbahnwagen aufnehmen konnte, wurde an der Rückseite des Baublocks angeordnet (Abb. 204). Die Wohnhäuser umschließen den Betriebshof und öffnen sich zur Müllerstraße durch eine torartig gestaffelte Baugruppe. Die Wohnanlage für Beschäftigte der Berliner Straßenbahn enthält ungefähr 300 Wohnungen, ausgestattet mit zwei bis drei Zimmern, Küche, Bad und Loggia (Abb. 205).

Die Straßenbahnen wurden in der riesigen, funktional angelegten Wagenhalle gewartet, die aus drei Giebelhallen besteht. Außen ist je eine flachgedeckte schmale Seitenhalle angegliedert. Gerhard Mensch entwarf eine beeindruckende ingenieurtechnische Konstruktion aus vollwandigen Eisenblechbindern, die den hellen Raum überspannen. In den drei Haupthallen wurden durchlaufende Oberlichter mit mehrfach geknicktem Querschnitt ausgebildet. Außen ist die Halle mit blauroten Eisenschmelzklinkern verkleidet, einem Material, das Krämer auch für die Wohnbauten verwendet hat. Die Wohnhäuser wirken einheitlich, obwohl vielfältige Details zu sehen sind. Die Fassaden sind rotbraun verputzt und mit ornamentaler Keramik besetzt. Die Obergeschosse werden durch vertikale Bänder gegliedert, bestehend aus Klinkerlagen und hellen Putzstreifen, die eine dynamische Ausstrahlung vermitteln. Die scharfkantigen, spitz vorkragenden Wandvorlagen der klinkerverkleideten Erdgeschosszone, verziert mit prismatischen Kapitellsteinen, unterstreichen den expressiven Charakter. Rudolf Bauroth schuf den bauplastischen Schmuck der fünfgeschossigen Wohn- und Geschäftsgebäude, die sich der Müllerstraße zuwenden. An den mittleren Achsen sind Keramikfiguren und kristalline Keramikverdachungen angebracht. Die Wohntrakte an Londoner und Belfaster Straße umfassen nur drei Stockwerke, abgesehen vom Mittelbau, der durch ein ein zusätzliches Geschoss herausgehoben wird. Die Hofseiten werden durch dreieckig vorspringende Treppenhäuser gegliedert. Um Wohnen und Arbeiten zu trennen, ließ Jean Krämer hinter den Wohngebäuden einen 35 breiten Grünstreifen anlegen. Die Eckgebäude an der Rückseite des Baublocks, die an die Wagenhalle anschließen, steigern sich zu massigen, flachgedeckten Turmhäusern.

Die turmartigen, 32 m hohen Kopfbauten an der Einfahrt zum Betriebshof, die expressiv gestaltet sind, bilden das architektonische Markenzeichen der "Straßenbahnstadt" (Abb. 206). Sie enthalten Wohnungen, Betriebs- und Verwaltungsräume, außerdem einen Hochbehälter für die Wasserversorgung des Betriebshofs. Unten öffnen sich Parabelbögen, die an die gotische Baukunst erinnern, gemauert aus roten Klinkern mit ausstrahlenden Fugen. Die wuchtigen Schlusssteine leiten zur prismatisch gefalteten Turmwand über. Über dem sechsten Geschoss folgt der Wasserbehälter, der sich durch eine violette Klinkerverkleidung und eine gegenläufige Mauerfaltung vom unteren Bereich absetzt. Die Mauerfalten zwischen dreieckigen Fenstern gehen über in in zweiflügelige Fenster, die unter einem überstehenden ockerfarbenen Gesims enden.

Der Straßenbahnbetrieb wurde 1958 eingestellt. Der Betriebshof versorgt seit 1960 die Omnibusse, die im nordwestlichen Stadtgebiet verkehren. (2)


(1) Osborn, Max: Jean Krämer. in: Neue Baukunst 2 (1926), Heft 18, S. 1-3, 17-18, 31; Straßenbahnhof 2, Berlin. Architekt Jean Krämer, Berlin. in: Die Baugilde 9 (1927), S. 1037-1039; Ein riesiger Straßenbahnhof. in: Bauwelt 18 (1927), S. 1010; Bahnhofsbauten der Berliner Straßenbahn. in: Bauwelt 18 (1927), Heft 43, Beilage, S. 7-8; Schaefer, Paul: Ein neuer Straßenbahnhof mit Beamtenwohnhäusern im Norden Berlins. (Berliner Straßenbahn-Betriebs-G.m.b.H.) in: Deutsche Bauzeitung 61 (1927), S. 617-621, 623-624; Schaefer, Paul: Die Halle des neuen Straßenbahnhofs im Norden von Berlin. (Berliner Straßenbahn-Betriebs-G.m.b.H.) in: Deutsche Bauzeitung 61 (1927), Beilage Konstruktion und Ausführung, S. 133-136; Stein, Georg: Neue Straßenbahnersiedlung mit Betriebsbahnhof in der Müllerstraße, Berlin N. Architekt: Jean Krämer, Berlin. in: Der Neubau 9 (1927), S. 261-264; Osborn, Max: Die Straßenbahnstadt in der Mülleerstraße. in: Osborn, Max und Kremer, Philipp: Bahnhofsbauten der Berliner Straßenbahn. Berlin 1928; Mensch, Gerhard: Der neue Bahnhof Müllerstraße der Berliner Straßenbahn-Betriebs-G.m.b.H. in: Der Bauingenieur 9 (1928), S. 383-385; Straßenbahnhöfe und Omnibusgaragen. in: Der Stahlbau 1 (1928), S. 76-77; Der Betriebshof Müllerstraße der Berliner Straßenbahn. Architekt: Jean Krämer, Berlin. in: Deutsches Bauwesen 4 (1928), S. 3-6; Bahnhofsbauten der Berliner Straßenbahn. in: Stadtbaukunst 9 (1928/29), S. 188-189; BusB IV A, S. 78-79, 269-270; BusB IV B, S. 34-35, 373-374; BusB X B (1), S. 232-235, 265-266; Schwarz 1984, Bd. 3, S. 140-141; Dettmer 1988, S. 113, 155; 25 Jahre Autobusbetriebshof Müllerstraße. Berlin [1985]; Dehio Berlin 2000, S. 479-480.

(2) Beim Umbau 1958-60 wurde der Betriebshof verändert. Man entfernte die Gleisanlagen. Die Giebel der Wagenhalle wurden großflächig verglast und mit neuen Toren versehen.

Literatur:
  • BusB IV B 1974 / Seite 34f., 373f. (mit weiteren Literaturangaben)
  • BusB IV A 1970 / Seite 78f., 270
  • BusB X B 1 1979 / Seite 227ff., 265f.
  • Osborn, Max, Jean Krämer in Neue Baukunst 2 (1928) 18 / Seite .
  • Osborn, Max/Kremer, Philipp, Bahnhofsbauten der Berliner Straßenbahn, Berlin 1928 / Seite 5-19
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004 / Seite 229
  • 25 Jahre Autobusbetriebshof Müllerstraße, 30. Juni 1960-1985 / Seite k.A.
  • Neue Straßenbahnersiedlung mit Betriebshof in der Müllerstraße in
    Der neubau 9(1927) / Seite 26-27, 262, 264