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Marienbad

Obj.-Dok.-Nr.: 09030169
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Gesundbrunnen
Strasse: Badstraße
Hausnummer: 35 & 36
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Mietshaus & Saalbau & Kino & Stall & Remise
Datierung: 1874-1875
Umbau: 1879 & 1904
Entwurf & Ausführung: Galluschki, Carl (Zimmermannsmeister)
Ausführung: Krebs (Maurermeister)
Bauherr: Oschelinski (Rentier)
Bauherr: Galluschki, Carl

An der abwechslungsreichen Baugruppe Badstraße 35-36 lässt sich die städtebauliche Veränderung des Gesundbrunnens vom Heilbad zum Vergnügungsviertel und zum großstädtischen Geschäftszentrum anschaulich ablesen. (1) Auf dem Gelände des einstigen Heilbads gründete Ernst Gustav Otto Oscholinski 1874 das Marienbad, einen Restaurationsbetrieb mit Festsaal, Biergarten, Café und Schwimmbad. Hinter einem großen Vorgarten wurde 1874-75 ein viergeschossiges Mietshaus erbaut, das als Quergebäude bis heute erhalten ist. Die symmetrisch aufgebaute Putzfassade mit einem erhöhten Attikageschoss über den mittleren Achsen zeigt einen Formenwelt, wie sie für Berliner Mietshäuser der 1870er Jahre typisch ist. Fenstergesimse, Verdachungen und Brüstungsfelder orientieren sich noch an klassizistischen Vorbildern. Der Bauunternehmer Carl Galuschki, der das gesamte Gelände 1885 erwarb, ließ vor dem Festsaal des Marienbads 1888 ein repräsentatives Vestibül in Neorenaissanceformen errichteten. Das zweigeschossige Gebäude ist mit einer aufgeputzten Quaderung im Erdgeschoss und Porträtmedaillons (2) aus Terrakotta verziert. Eine aufragende Giebelwand mit abgestuften Wandflächen und Gesimsen, mit Terrakottareliefs und einem flachen Segmentbogengiebel betont den Haupteingang. Das Vestibül wurde 1907 ausgemalt. Hinter den großen Bogenfenstern liegt der 1912-13 reich ausgestaltete Puttensaal. Die 1905 angebaute Kaffee-Küche ist mit farbig glasierten Klinkern verkleidet, wie sie Carl Galuschki bevorzugt verwendet hat. Dass die Besucher des umliegenden Gartens ihren mitgebrachten Kaffee aufbrühen konnten, zeigt die aus Klinkern gebildete Inschrift "KAFÉ-KÜCHE". Am sogenannten Comptoir, einem dreigeschossigen Wohn- und Verwaltungsgebäude sind rote, gelbe und weiße Klinker zu geometrischen Ornamenten zusammengesetzt, die gemeinsam mit dunkelroten Terrakotten die Fassade schmücken. Der Festsaal des Marienbads wurde 1982 abgebrochen. Über das Vestibül betritt man heute eine 1992-95 von Robert Niess und Rebecca Chestnutt erbaute Stadtteilbibliothek, die größtenteils unterirdisch liegt. (3)

Um das Grundstück besser auszunutzen, errichteten Carl und Emil Galuschki (4) 1904-05 vor dem älteren Mietshaus, unmittelbar an der Badstraße, ein neues Gebäude. An dem Wohn- und Geschäftshaus kann man die zunehmende Veränderung des Gesundbrunnens in ein Geschäfts- und Einkaufszentrum ablesen. Nur noch in den oberen Geschossen sind Wohnungen eingerichtet. Die dominante Straßenfassade hebt sich mit einem geschwungenen Bogengiebel, mit auskragenden Erkern und Balkonen von den älteren Wohnhäusern ab. Die Balkongitter, die maßwerkartigen Fenster der Loggien und die gestaffelten Fensterbahnen des Giebels zeigen die Formenwelt des Jugendstils. Lebensgroße Skulpturen verweisen auf das moderne Geschäftsleben. Aus einer Bogennische tritt Hermes, der Gott des Handels, hervor. Allegorien von Industrie und Handwerk zieren den Giebelaufsatz. Eine männliche und eine weibliche Figur lehnen sich an ein Wagenrad. (5)


(1) Schwarz 1981, Bd. 2, S. 159-161; Reissig, Harald: Luisenbad. in: Geschichtslandschaft 1990, S. 267-271, 280-282; Dehio Berlin 2000, S. 481.

(2) Die Porträts sind nicht beschriftet. Trotz umfangreicher Studien lässt sich nicht genau nachweisen, welche Personen abgebildet sind. Die seriell hergestellten Terrakotten wurden wahrscheinlich per Katalog bei einer Tonwarenfabrik bestellt. Durch stilistische Vergleiche lässt sich nachweisen, dass die Medaillons nicht aus der Tonwarenfabrik March stammen.

(3) Bibliothek am Luisenbad (Jerusalem-Bibliothek). Hrsg. vom Bezirksamt Wedding von Berlin. Berlin 1995.

(4) Carl Ephraim Emil Galuschky, der Bruder von Carl Galuschki, war Architekt und Mauerermeister. Der Architekt schrieb seinen Nachnamen konsequent mit "y".

(5) Es könnte sich auch um allegorische Darstellungen von Morgen und Abend handeln, vgl. Gottwald 1924, S. 205.

Literatur:
  • Stephan, Bruno, 700 Jahre Wedding, Berlin 1951 / Seite 34
  • Matthes, C., Der Wedding wie er war und wie er wurde, Berlin 1935 / Seite 36ff.
  • Topographie Mitte/Wedding, 2004 / Seite 122