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Kraftwerk Oberspree

Obj.-Dok.-Nr.: 09020338,T
Bezirk: Treptow-Köpenick
Ortsteil: Oberschöneweide
Strasse: Wilhelminenhofstraße
Hausnummer: 76 & 77 & 78
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: E-Werk
Datierung: 1892-1905
Entwurf: Tropp, Paul (Architekt)

Das Kraftwerk Oberspree, Wilhelminenhofstraße 78, ist das älteste Drehstrom-Kraftwerk Deutschlands. (1) Aufbauend auf Arbeiten des Physikers Galileo Ferraris entwickelte der AEG-Ingenieur Michael von Dolivo-Dobrowolsky den Drehstrom-Asynchronmotor und damit das Dreiphasen-Wechselstrom-System, genannt Drehstrom. Mit der Drehstromtechnik war es möglich, elektrische Energie weitgehend verlustfrei über große Entfernungen zu transportieren. Das führte zu einem Wandel in der Stromerzeugung. Die Kraftwerke konnten aus den Städten verlagert werden, wo sie bisher unmittelbar beim Verbraucher Gleichstrom produziert hatten, und stattdessen an verkehrsgünstigen Standorten erbaut werden, wo die Belieferung mit Kohle und die Versorgung mit Wasser leicht möglich war. An der Oberspree fand die AEG ein geeignetes Gelände, das die Grundrentengesellschaft Wilhelminenhof 1895 sogar kostenlos dem Unternehmen überließ, um eine weitere Industrieansiedlung in Oberschöneweide zu befördern. Das neue Kraftwerk, das 1897 den Betrieb aufnahm und über Jahrzehnte den östlichen Teil Berlins versorgte, geht auf Pläne des AEG-Architekten Paul Tropp zurück. In der ersten Ausbaustufe umfasste das Kraftwerk nur den westlichen Teil des Kesselhauses sowie die Maschinenhalle, ausgestattet mit vier Kolbendampfmaschinen und sechs Generatoren. Mit dem wachsenden Strombedarf wurde die Anlage mehrfach erweitert. Leistungsfähige Dampfturbinen neuester Technologie lösten 1905 die Dampfmaschinen ab. Die hier entwickelte Transformatoren- und Schalttechnik war richtungsweisend für die deutschen Hochspannungskraftwerke. (2) Anfangs gehörte das Kraftwerk zur AEG, bis es 1899 von den Berliner Elektrizitäts-Werken (BEW) übernommen wurde. Mit dem letzten Ausbau im Jahr 1916 erreichte das Kraftwerk Oberspree eine Leistung von 61,4 MW. Nach fast vier Jahrzehnten Betrieb wurde das Kraftwerk 1933 stillgelegt. Die historischen Maschinen blieben nicht erhalten. Turbinenhalle, Kesselhaus und Maschinenhalle wurden als Hallenblöcke X, XI a und XII in die Fabrikanlage des Kabelwerks Oberspree integriert. Heute stehen diese Bauten leer.


1) Das weltweit erste Wechselstromkraftwerk wurde 1889-91 in Deptford von der London Eclectric Supply Corporation errichtet. Allerdings konnte damals die Technik noch nicht sicher beherrscht werden. - Literatur zum Kraftwerk Oberspree: [Elektricitätswerk Oberspree] in: Elektrotechnische Zeitschrift. Zentralblatt für Elektrotechnik 18 (1897), S. 621; Deutsche Industrie - Deutsche Kultur. Hrsg. v. Julius Eckstein und J. J. Landau. Berlin 1900, S. 237; Datterer, Ludwig: Die Berliner Elektricitäts-Werke im Jahre 1902. in: Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure 46 (1902), S. 181-189, 294-302; Ingenieurwerke in und bei Berlin. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Vereines deutscher Ingenieure. Gewidmet vom Berliner Bezirksverein deutscher Ingenieure. Hrsg. von Alexander Herzberg und Diedrich Meyer. Berlin 1906, S. 330, 332-333, 336-339; BEW 1884 - 1909. Festschrift der Berliner Elektricitätswerke. Aus Anlas ihres 25-jährigen Bestehens ihren Freunden und Gönnern ehrerbietigst gewidmet. [Berlin 1909], S. 27; Lindner, Theodor: Vom ersten Berliner Kraftwerk 1885 zum Großkraftwerk Golpa. in: AEG-Mitteilungen 18 (1922), S. 224; Matschoß/Schulz/Groß 1934, S. 31-32, 40, 42, 44, 126-128, 132-135, 150-157, 160-163, 173; [Kraftwerk Oberspree wird Umspannwerk] in: Elektrotechnische Zeitschrift. Zentralblatt für Elektrotechnik 55 (1934), S. 261; Ermel 1957, S. 40; Bau- und Kunstdenkmale Berlin II, S. 316-317; Industriegebiet Oberschöneweide Berlin. Bd. 5. Kraftzentrale Oberspree, Abspannwerk Oberspree. Lübeck 1996 [Exemplar im Landesdenkmalamt Berlin]; Bärthel 1999, S. 82; Dehio Berlin 2000, S. 237.

2) Im Kraftwerk Oberspree wurde 1901 erstmals Öl als Isoliermittel für Hochspannungapparate eingesetzt. Diese Ölschalter waren im Keller der Maschinenhalle untergebracht. 1905 erweiterte man die Schaltanlagen. Dabei wurde erstmals die Zellenbauweise nach dem System Ferranti eingeführt. Alle Transformatoren und Messwandler waren nunmehr in eigenen Kammern aufgestellt. Dieses System setzte sich in der Transformatorentechnik durch.

Literatur:
  • Ingenieurwerke in und bei Berlin, hrsg. v. A. Herzberg und D. Meyer, Berlin 1906 / Seite ..
  • Rühle, Bernd/ Die Entwicklung Berlin-Köpenicks zum Industriestandort, Diss. HU Berlin 1977 / Seite 159 ff
  • Topographie Treptow-Köpenick/Nieder- und Oberschöneweide, 2003 / Seite 77-79
Teilobjekt Maschinenhalle
Teil-Nr.: 09020338,T,001
Sachbegriff: Hallenbau
Datierung: 1895-1897
Umbau: 1912-1913
Entwurf: Tropp, Paul (Architekt)

Die Maschinenhalle wendet sich mit der Giebelfront zur Wilhelminenhofstraße. Das 1895-97 errichtete Gebäude zeigt eine Bauweise, die später bei nahezu alle Industriehallen an der Wilhelminenhofstraße aufgegriffen wurde. Eine Eisenskelettkonstruktion ist mit gelben Klinkern verkleidet. Eisenfachwerkbinder tragen das flache Satteldach. Die überaus moderne Konstruktion, die von außen nicht zu erkennen ist, wurde mit einer historisierenden Fassade versehen, die allerdings nur noch am rückwärtigen Giebel zu sehen ist. Die anderen Fronten erhielten 1912-13 eine zeitgemäße, von der beginnenden Moderne geprägte Gestaltung. Ein mächtiges Bogenfenster beherrscht den monumentalen Giebel an der Wilhelminenhofstraße.

Teilobjekt Kesselhaus mit drei Schornsteinen
Teil-Nr.: 09020338,T,002
Sachbegriff: Kesselhaus
Datierung: 1895-1897
Umbau: 1897 & 1904-1905

Das quer hinter der Maschinenhalle liegende Kesselhaus entstand in vier Bauabschnitten zwischen 1895 und 1905. (3) Die Fassaden sind weitgehend überformt, mit Ausnahme der östlichen Giebelfront, die die ursprüngliche Lisenengliederung zeigt. Die Dachkonstruktion aus Eisenfachwerk ist erhalten. Heute erinnern noch drei von ursprünglich sechs Schornsteinen an die einstige Nutzung, während die technische Ausstattung verloren ist.


3) Der westliche Bauteil, versehen mit einem Schornstein, entstand 1895-97 zusammen mit der Maschinenhalle. Heute ist dieser Bereich stark überformt. 1899 wurde ein zweiter Schornstein errichtet. Bei den beiden Erweiterungen 1904 und 1905 wurde das Kesselhaus nach Osten verlängert. Zusammen mit den Kesseleinheiten entstanden zwei mal zwei neue Schornsteine. Von den sechs Schornsteinen blieben nur drei erhalten. Die östliche Giebelfront stammt aus dem Jahr 1905. Im Kesselhaus waren 44 große Dampfkessel angeordnet. Die Kohle wurde auf dem Wasserweg zum Kraftwerk Oberspree geliefert. Eine Kohletransportbahn mit Kettenrosten beschickte die Dampfkessel. Hier wurde der Wasserdampf für den Antrieb der Dampfmaschinen, später der Turbinen, erzeugt.

Teilobjekt Turbinenhalle
Teil-Nr.: 09020338,T,003
Sachbegriff: Hallenbau
Datierung: 1905

Die Stromproduktion des Kraftwerks konnte 1905 beträchtlich erweitert werden. Dampfturbinen traten an die Stelle der veralteten Dampfmaschinen. Für die neuen Turbinen und Generatoren wurde 1905 die Turbinenhalle errichtet, die den Raum zwischen dem Kesselhaus und der Wilhelminenhofstraße einnimmt. Die Bogenfenster werden von mächtigen Wandvorlagen eingefasst. Bemerkenswert ist die ornamentale Ausgestaltung der Fassade, die bezeugt, dass AEG und BEW im frühen 20. Jahrhundert den Versuch unternahmen, für die neue elektrotechnische Industrie eine eigene symbolhafte Bildsprache zu entwickeln. An den Pfeilervorlagen sind kapitellartige Reliefs aus Kunststein angebracht. Drei Ornamentfelder in der stilisierten Formenwelt des Jugendstils wechseln sich ab: Unter einer strahlenden Sonne sieht man den Stromverteiler einer Überlandleitung. Beim zweiten Relief leuchtet über einem Zahnrad ein großer Stern, umgeben von Blitzen. Die Blitze und Strahlen, die auf die Kraft der Elektrizität verweisen, erscheinen auch auf dem dritten Relief. Dort kommt ein Eichenkranz hinzu, der für die Stärke und Kraft Deutschlands steht. Der Eckpfeiler ist durch ein Ornamentfeld betont, das einen Generator mit zwei Bogenlampen zeigt. Die neuartige Bildsprache soll die moderne Technik, die Industriearchitektur des Kraftwerks nobilitieren.

Hinter der Fassade an der Wilhelminenhofstraße erstreckt sich ein schmaler Flügel mit Betriebs- und Verwaltungsräumen, der drei Geschosse umfasst, dann folgt eine weite dreischiffige Halle, in der einst die riesigen Dampfturbinen standen. Die Dachkonstruktion mit verglasten Oberlichtern ruht auf filigranen Gitterstützen. Mit der Schaltwarte sind Teile der ursprünglichen Ausstattung erhalten. Sie befindet sich aufgeständert in einer zweiten Ebene. Über die Schaltwarte, eingespannt zwischen den Stützendes mittleren Hallenschiffs, wurden die Maschinensätze zentral gesteuert.