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Nationale Automobil Gesellschaft

Obj.-Dok.-Nr.: 09020161,T
Bezirk: Treptow-Köpenick
Ortsteil: Oberschöneweide
Strasse: Ostendstraße
Hausnummer: 1 & 2 & 3 & 4
Strasse: Wilhelminenhofstraße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Industrieanlage
Entwurf: Behrens, Peter (Architekt)
Bauherr: Nationale Automobil Gesellschaft

Die Automobilfabrik der Nationalen Automobil-Gesellschaft (NAG) an der Ostendstraße 1-14 und Wilhelminenhofstraße ist ein Monument der modernen Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts. (1) Das markante Bauwerk beherrscht mit seinem weithin sichtbaren Turm das Ortsbild Oberschöneweides. In der Wilhelminenhofstraße, die hier als Sackgasse zum Wasser läuft, ist der Turmbau ein wichtiger Blickpunkt. Das Gelände zwischen Spree und Ostendstraße ging 1912 in den Besitz der AEG über, die schon 1903 mit der Herstellung von Fahrzeugen begonnen hatte. Der künstlerische Berater der AEG, Peter Behrens, legte 1913 einen ersten Entwurf für die Automobilfabrik vor. (2) Im Ersten Weltkrieg lieferte die Nationale Automobilgesellschaft Lastkraftwagen für das deutsche Heer. Die kriegswichtige Automobilfabrik wurde unter schwierigen Bedingungen 1915-17 errichtet und schrittweise in Betrieb genommen. Nach Kriegsende fertigte das Unternehmen vor allem Personenkraftwagen und Omnibusse. Allerdings musste die Fahrzeugherstellung 1934 eingestellt werden. Damit begann ein zweiter Abschnitt in der Geschichte des Gebäudes. Die Fabrik an der Ostendstraße wurde zu einem bedeutenden Forschungs- und Produktionszentrum für Telekommunikationstechnik. (3)

Mit der 1917 fertig gestellte Fabrikanlage entwarf Peter Behrens eine modifizierte Form der traditionellen Werkhofstruktur, wie sie sich noch am Kabelwerk Oberspree ablesen lässt. Die Hallen und Stockwerksfabriken, die man bisher immer in offener Bauweise angeordnet hatte, sind hier zu einem monumentalen Fabrikbau vereint. Ein fünfgeschossiges Verwaltungs- und Produktionsgebäude legt sich hufeisenförmig um eine zweischiffige Montagehalle. Die vier Flügel des Hauptgebäudes begleiten als geschlossener Block den Straßenraum an Ostend- und Wilhelminenhofstraße. Peter Behrens schuf damit einen Industriebau, der sich nicht vom Stadtraum abwendet, sondern in eine geschlossene städtische Landschaft eingebunden ist. Mit dem mächtigen Turm erweckt die Automobilfabrik den Eindruck eines Rathauses, eines kommunalen Mittelpunkts. Die strikte Trennung von Produktion und öffentlichem Leben ist mit diesem Bauwerk aufgehoben.

Peter Behrens verband die neuartige Struktur der Automobilfabrik mit einer monumentalen, kraftvollen Architektur, die sich von der historistischen Formenwelt des 19. Jahrhunderts gelöst hat. Die schlichten Putzfassaden unter steilen Satteldächern zeigen eine klaren, ruhigen Aufbau. Die reduzierten Bauformen, die einfachen Wandpfeiler und Stufengesimse tragen spürbare Anklänge an die italienische Frührenaissance. Der Außenbau wird durch breite Pfeilervorlagen gegliedert. Während die beiden langen Flügel an der Ostend- und Wilhelminenhofstraße als reine Produktionsstätten vollkommen zweckbetont gehalten sind und nur das konstruktive System von Wandpfeilern und Fensterachsen zeigen, erhielt der mittlere Flügel, der Verwaltungsbau, eine feingliedrige Gestaltung. Auf Pilastern ruht ein breites Gesimsband, darüber liegt das fünfte Geschoss, das mit seinen gleichmäßig aufgereihten Rechteckfenstern wie ein Mezzanin wirkt. Zusammen mit dem schweren Stufengesims formt sich ein horizontales Band, das als lastendes Element der aufstrebenden Wandpfeilerordnung entgegengesetzt ist. An den Verwaltungsbau schließt sich der 58 m hohe Turm an, dessen eigentliche Nutzung als Wasserturm nicht zu erkennen ist. Über dem wuchtigen Turmblock mit seinem gestaffelten Hauptgesims erhebt sich ein kubischer Turmaufsatz. Durch ein gewaltiges Rundbogenportal betritt man Durchfahrt und Vestibül. Ein Treppenaufgang geleitet in eine beeindruckende Eingangshalle, die über vier Geschosse aufragt. (4) Der rechteckige Saal ist von Arkaden und umlaufenden Galerien umgeben. Peter Behrens griff die klassische Ordnung der italienischen Renaissance auf, die er aber vereinfachte und damit monumentaler gestaltete. Den ungegliederten Wandflächen stehen subtil abgestufte Profile gegenüber. Ein Oberlicht, kräftig gegliedert durch geometrische Kreis- und Kassettenfelder, nimmt die gesamte Decke der Eingangshalle ein. Über dieser Ebene, im Dachraum des Verwaltungsbaus, ist ein zweiter Lichthof ausgebildet. Die filigranen Stahlfachwerkbinder des Satteldaches tragen eine Glasdecke. Die aufwändige Ausstattung, fertig gestellt mitten im Ersten Weltkrieg, sollte von der Leistungskraft der deutschen Industrie künden, die auch in Notzeiten ungebrochen war.

Die Automobilfabrik war auf die serielle Massenherstellung von Fahrzeugen ausgerichtet. Ein durchdachtes Transportsystem verband die Abteilungen im Hauptgebäude und in der Montagehalle. Die Produktionsräume des mehrgeschossigen Hauptbaus werden durch wuchtige Treppentürme erschlossen, die der Hofseite vorgelagert sind. Achtseitige Treppentürme wechseln mit kubischen Lastaufzügen. Die gewaltigen Fahrstühle konnten sogar schwere Lastkraftwagen bis ins Dachgeschoss heben. In der zweischiffigen Montagehalle, belichtet über durchlaufende Dachlaternen, wurden die Automobile aus seriell vorgefertigten Einzelteilen zusammengesetzt. Peter Behrens nutzte die Treppen- und Aufzugstürme der Hofseite zugleich für die Ausbildung einer monumentalen Fabriklandschaft am Spreeufer. Der Architekt wiederholte hier die kraftvollen Bauformen der AEG-Hochspannungsfabrik am Humboldthain, die er 1909-10 errichtet hatte. (5)


1) NAG. Die Neubauten der N. A. G. und ihre technischen Einrichtungen. Berlin-Oberschöneweide 1917 [Exemplar im Landesdenkmalamt Berlin]; AEG-Taschenbuch. Den Besuchern der Technischen Messe Leipzig 1919. Berlin 1919, S. 30-31 [Exemplar im Deutschen Technikmuseum Berlin, AEG-Archiv, Signatur AEG 691]; de Fries, Heinrich: Industriebaukunst. in: Wasmuths Monsthefte für Baukunst 5 (1920/21), S. 143-152 [nur Abbildungen]; Koppen, Walter: Industriebauten in Berlin. in: Der Neubau 6 (1924), S. 191; 25 Jahre NAG. 1901 - 1926. Berlin 1926; Cremers 1928, S. 45-47, 164; Peter Behrens (1868-1940). Gedenkschrift und Katalog aus Anlas der Ausstellung. Kaiserslautern 1966, Nr. 149, Abb. 72, 77; Architekturführer 1974, S. 138; Buddensieg/Rogge 1979, S. D 94-97; Rühle 1987, S. 63-65; Gebhardt, Walter: Aspekte der Industrie- und Verwaltungsbauten von Peter Behrens. in: Peter Behrens. Wer aber will sagen, was Schönheit sei? Hrsg. von H. G. Pfeifer. Düsseldorf 1990, S. 103; Schmidt/Theile 1991, S. 184; Architekturführer Berlin 1997, S. 355.

2) Der erste Entwurf von 1913 sah einen fünfgeschossigen Hauptbau an der Ostendstraße und vier kammartig angeordnete Seitenflügel vor. Zwischen den äußeren Seitenflügeln sollten jeweils schmale Innenhöfe und dann vierschiffige Produktionshallen angeordnet werden. In der Mitte hätte sich ein Hof mit Gleisanschluss ergeben. Letztlich sind bei diesem Entwurf zwei Werkhöfe in einer gemeinsamen Anlage zusammengefasst. Allerdings nimmt die erste Planung auf die städtebauliche Situation, besonders auf die Straßengabelung Ostend- und Wilhelminenhofstraße, keine Rücksicht. Der Aufriss der Hauptfassaden und der Kopfbauten am Ende der Flügel wurde in der später ausgeführten Form schon 1913 festgelegt. Der zweite Entwurf von 1914 zeigt schon den späteren Grundriss. Ein über Eck gestellter Verwaltungsbau sollte zwischen den Produktionsflügeln vermitteln. In der Mittelachse dieses Flügels sollte eine Eingangshalle mit vorgelagerter Säulenvorhalle ausgebildet werden. Ein Turmbau ist auf diesen Entwürfen noch nicht verzeichnet.

3) Telefunken fertigte hier Sendeanlagen und Rundfunkröhren, während die AEG-Röhrenfabrik Oberspree (AEG-RFO) und die AEG-Fernmeldeapparatefabrik Oberspree (AEG-FAO) elektronische Bauelemente und drahtgebundene Fernmeldesysteme auslieferten. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte der VEB Werk für Fernmeldetechnik (VEB WF) die modernen Produktionsanlagen. Aus dem Betrieb ging 1960 der VEB Werk für Fernsehelektronik hervor, der größte Bildröhrenhersteller der DDR. Die Fabrikation von Fernsehgeräten wird seit 1992 vom koreanischen Unternehmen Samsung weitergeführt. Mit der neuen Nutzung wurde die Fabrik erweitert. 1957 verlängerte man den Flügel an der Ostendstraße. Die vorgelagerten Werkstätten am Spreeufer, ehemals Reparaturabteilung, Rahmenbau und Schmiede, wurden nach 1980 abgebrochen.1992 begann eine umfassende Restaurierung des Hauptgebäudes.

4) Peter Behrens hatte schon für das 1913-14 errichtete Verwaltungsgebäude der Continental Coutchouc- und Guttapercha-Compagnie in Hannover eine Eingangshalle mit umlaufenden Galerien und Oberlicht entworfen. Allerdings ist die Halle in Hannover noch stark von historischen Formen geprägt. Behrens bildete beispielsweise kannelierte Säulen aus. Bei der Automobilfabrik in Oberschöneweide findet man dagegen nur reduzierte Formen, glatte Pfeiler- und Wandflächen mit sparsam eingesetzten Profilen.

5) Hirschberg 1929/30, S. 40-41; Buddensieg/Rogge 1979, S. D 34-43.

Literatur:
  • Topographie Treptow-Köpenick/Nieder- und Oberschöneweide, 2003 / Seite 88 f.
  • Schneider, Rolf/ Fabrikanlage Wilhelminenhof-/ Ecke Ostendstraße, Oberschöneweide in
    In/ Reparieren, Renovieren, Restaurieren. Vorbildliche Denkmalpflege in Berlin, Berlin 1998 / Seite 65
Teilobjekt Hochbauten
Teil-Nr.: 09020161,T,001
Sachbegriff: Verwaltungsbau
Entwurf: 1913
Datierung: 1916 - 1917
Ausführung: Bauverwaltung AEG Kabelwerk Oberspree (KWO)
Teilobjekt Doppelhalle
Teil-Nr.: 09020161,T,002
Sachbegriff: Halle
Entwurf: 1913
Datierung: 1915
Entwurf & Ausführung: AEG Kabelwerk Oberspree (KWO) (Baugeschäft)
Ausführung: Actiengesellschaft für Bauausführungen