denkmal  

 

Liste, Karte, Datenbank - Denkmaldatenbank

U-Bahnhof Otisstraße mit Brücke

Obj.-Dok.-Nr.: 09012223
Bezirk: Reinickendorf
Ortsteil: Reinickendorf
Strasse: Otisstraße
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Bahnhof (U)
Fertigstellung: 1958
Entwurf: Grimmek, Bruno (Architekt)
Bauherr: Senator für Bau- und Wohnungswesen

Ein wesentlich neues Strukturelement brachte der Bau des Bahndammes für den ersten U-Bahnbau Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg: die Verlängerung der U-Bahnlinie 6 nach Tegel. Von der Scharnweberstraße aus nicht einsichtig, verläuft er in ihrem südlichen Bereich und begrenzt die bis hierher reichenden Parzellen. Die 1958 in gesamter Streckenlänge eröffnete Bahnlinie - bereits 1956 bis zum Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz fertiggestellt - kennzeichnet im Dammabschnitt parallel zur Scharnweberstraße den alten Verlauf der Gemarkungsgrenze Reinickendorfs nach dem ehemals südlich angrenzenden Tegeler Artillerieschießplatz und bildet in diesem Bereich die ursprüngliche Grenze zwischen der Kleinhaussiedlung am Uranusweg und den Wohn- und Gewerbebauten der Scharnweberstraße räumlich nach. Hinter der Station Scharnweberstraße überqueren die zwei Gleise die Seidelstraße und erreichen nahe der Ortsteilgrenze den Bahnhof Seidelstraße, der inmitten von Kleingärten liegt.

Technische und wirtschaftliche Vorbedingungen führten zu der Entscheidung, die Linie kurz hinter dem Kurt-Schumacher-Platz in Dammlage weiterzubauen. Hier begünstigte Kleingartengelände und bereits seit den 20er Jahren in städtischem Besitz befindliches Terrain die Anlage einer Dammbahn. Auch mußte auf den bereits damals geplanten Stadtautobahntunnel unter dem Flugfeld des Flughafens Tegel sowie den hohen Grundwasserstand - im Zuge der projektierten Bahnlinie verlief ein alter Flurgraben - Rücksicht genommen werden. (1)

Der Weiterbau der Linie 6 vom Bahnhof Seestraße am Wedding über Reinickendorf zum Ortskern Tegel beendigte unzählige, nicht realisierte Schnellbahnprojekte. Mit der Eröffnung erhielten die neuen Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit und die älteren Viertel von Reinickendorf-Mitte und -West endlich einen Anschluss an das innerstädtische Liniennetz der Berliner Untergrundbahnen (S. 85 f.). Auf Reinickendorfer Gebiet heben sich besonders die beiden von Baudirektor Bruno Grimmek gestalteten Dammbahnhöfe Scharnweberstraße und Seidelstraße ab. Ihre sachliche und sparsame, an den technischen Erfordernissen des Betriebes orientierte Architektur knüpft an die Tradition der Berliner Verkehrsarchitektur der S- und U-Bahnhöfe der 20er und 30er Jahre an. Dies wird deutlich bei der von Bahnhof zu Bahnhof wechselnden Farbigkeit der mit Keramikmosaik verkleideten Eingangshallen, Aufgänge und Diensthäuser sowie bei der Glas-Stahl-Konstruktion der Schutzhäuser über den Aufgängen und der Stahlrahmenkonstruktion mit Mosaikausfachung der Diensthäuschen auf den Bahnsteigen. In den Damm gelegte Eingangshallen erschließen die Mittelbahnsteige, deren durchgehende Verglasung mit schmalen Stahlprofilen den Hallen eine lichte Transparenz vermitteln und die umgebende Stadtgestalt - beim Bahnhof Scharnweberstraße das Grün der nahen Sportanlage - mit einbindet.

Bahnsteigdächer in Stahlbeton bestimmen das Bild der Dammbahnsteige. Nach innen geneigte Dachplatten verbinden sich mit den wuchtigen abgeschrägten Unterzügen zu einer schmetterlingsförmigen Konstruktion, die auf konisch geformten Rechteckstücken in Mittellage ruht. Die Dächer zeichnen profilgerecht die von der Führung der Gleise bestimmte Umrisslinie der Bahnsteige nach, "um den Dammbahnhöfen ein möglichst geschlossenes Aussehen zu verleihen". (2) Die von der Dachform ausgehende dynamische Wirkung ist besonders deutlich beim Bahnhof Seidelstraße abzulesen. Während eine Dachseite hier gerade abschließt, verläuft die andere entsprechend der Gleisführung geschwungen. Die in Verbindung mit der Stahlbetonbrücke über die Otisstraße gestaltete Eingangshalle verfügt über zwei Zugänge. Sie weisen auf die Erschließungsfunktion der Station, die nicht nur die Industriebetriebe (u. a. Flohr-Otis-Werke) auf Tegeler Gebiet, sondern auch den damaligen Flughafen Tegel mit den benachbarten Wohnsiedlungen der französischen Streitkräfte anbinden sollte. Erst 1963 bis 1967 kam mit dem Bau der Neue Heimat-Siedlung zwischen Otisstraße und dem Kienhorstgraben, die vom Bahnhof durch die Stadtautobahn getrennt wird, eine zusätzliche Erschließungsaufgabe hinzu.


1) Rümmler (vgl. Anm. 173), S. 78 f.; Berlin und seine Bauten, T. X, Bd. B (1) (vgl. Anm. 173), S. 147 ff.

2) Verlängerung der U-Bahnlinie C... (vgl. Anm. 173).

Literatur:
  • Topographie Reinickendorf/Reinickendorf, 1988 / Seite 202f.
  • BusB X B 1 1979 / Seite 149
  • Verlängerung der U-Bahnlinie C von Seestraße - Tegel, hrsg. v. Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin 1958