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Dorfkirche

Obj.-Dok.-Nr.: 09011732
Bezirk: Reinickendorf
Ortsteil: Reinickendorf
Strasse: Alt-Reinickendorf
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Kirche
Datierung: 1486/1500
Umbau: 1713?
Bauherr: Stadt Berlin (?)

Der einst mit einer Gruppe von Bauten besetzte Dorfanger - vor dem Chor der Kirche lag bis 1911 die Dorfschule, westlich der Kirche bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Familienhaus des Lehnschulzen - wird heute allein durch den gedrungen wirkenden Bau der Dorfkirche inmitten der flächigen Grünanlage bestimmt. Nur noch als Zeichen, gleichsam in Erinnerung an den alten Dorffriedhof, beließ man drei mit Efeu bewachsene Grabstätten, deren einfache, gußeiserne, lateinische Grabkreuze die Namen alteingesessener Bauernfamilien überliefern: der Kerkow (1861 und 1869), von deren Bauernhof (Alt-Reinickendorf 47/48) das Wohnhaus erhalten blieb, und der Klamann (1857), deren Hof (Alt-Reinickendorf 25-29) in den Fabriken Turbon und Schwartzkopff aufging.

Die langgestreckte Grünanlage des Dorfangers ist in ihrem heutigen Grundriß das Produkt einer mehrhundertjährigen Entwicklung. Erst durch die Pflasterung der umgebenden Straße mit ihren dazugehörigen Bordsteinen wurde die Grünanlage eindeutig festgelegt. Bemerkenswerterweise blieb dabei die natürliche Geländebewegung erhalten; nur so ist es zu erklären, daß der nördliche Straßenteil bis zu einem Meter höher liegt als der südliche. Dieser Höhenunterschied wird innerhalb der Grünanlage fast unmerklich durch eine nach Süden geneigte großzügige Rasenfläche aufgefangen. Auf ihr stehen ältere Laubbäume, die das Erscheinungsbild des Dorfangers entscheidend prägen. Ihre aufgeasteten Stämme gestatten eine freie Durchsicht von der einen zur anderen Häuserfront des Dorfangers. Die optische Wirkung und die Zugehörigkeit eines Teils des Baumbestandes zur Bepflanzung der Straße Alt-Reinickendorf - aus der sonst zweireihigen Lindenallee entstand im Bereich des Angers eine vierreihige Allee bindet die an sich inselartige Grünanlage in das Freiraumsystem der alten Dorflage ein. Gleichwohl trägt dichtes Strauchwerk an den Enden der Insel zur Raumbildung innerhalb der Grünanlage bei.

Die Kirche ließ der Rat der Schwesterstädte Berlin und Cölln vermutlich Ende des 15. Jahrhunderts errichten.(1) Die Bauzeit wird durch keine Urkunde belegt, doch deutet die Jahreszahl 1491 auf der Bronzeglocke und auch das weniger sorgfältig ausgeführte Feldsteinmauerwerk auf diese Entstehungszeit. Der einfache Saalbau, der offenbar einen Vorgängerbau in Holzfachwerk ersetzte , besticht durch seinen halbrunden, in Berlin, nicht in der Mark ungewöhnlichen Chorschluß, der bündig an das Mauerwerk der Langwände anschließt und in Anlehnung an die Chorformen der St. Nikolaikirchen in Berlin und Spandau entstanden sein könnte.(2) Gleichsam das Gegenstück dazu bildet der in barocker Zeit vor der Westseite errichtete, kaum den Dachfirst überragende, massive Turm mit konkav geschweiftem Helm. Die heutige Fassung des mehrfach veränderten Innenraums - Paul Thol schuf die Neubemalung der Balkendecke und der Orgelempore - geht auf eine Grunderneuerung der Kirche in den Jahren 1936-38 zurück, als unter der Leitung des ehemaligen Provinzialkonservators der Reichshauptstadt, Walter Peschke, u.a. auch der Zementputz des Außenbaus durch einen steinsichtigen Putz in Förderstedter Kalk ersetzt wurde.(3) An Ausstattungsstücken sind neben den Chorfenstern, die von der Bauernfamilie Bruseberg gestiftet wurden, der um 1520 nach Holzschnitten Dürers entstandene Flügelaltar mit gemalten Passionsszenen und zwei Schnitzfiguren der Maria und der Hl. Margareta, vermutlich um 1500, hervorzuheben. Die Kirche, die man für die Einwohner eines Dorfes mit geringer Hufenzahl errichtet hatte, genügte bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts den kirchlichen Erfordernissen selbst der Landgemeinde. Erst mit den neuen Siedlungen wurde ein größerer Bau notwendig, der 1892 mit der Segenskirche an der Auguste-Viktoria-Allee entstand.


1) Die Bezeichnung "Hauptkirche" für die Dorfkirche leitet sich von dem früheren Namen der den Anger umschließenden Straße Alt-Reinickendorf, der Hauptstraße, ab.

Zur Dorfkirche: Günter Kühne/Elisabeth Stephani, Evangelische Kirchen in Berlin. Berlin 1978, S. 117 f.; Kurt Pomplun. Berlins alte Dorfkirchen. Berlin 1984, S. 79 f.

2) Ebd. Pomplun, S. 79. Er nennt die Kirchen in Stolzenhagen bei Wandlitz, Lässig, Reipzig und Stenzig (Kr. Weststernberg) sowie Techow bei Wittstock, Wollschow (Kr. Prenzlau), Dölzig und KleinMantel (Kr. Königsberg NM.).

3) Walter Peschke, Drei Berliner Dorfkirchen. In: Zentralblatt der Bauverwaltung (62) 1942, H. 5/6, S. 49 ff.

Literatur:
  • Bergau/ Inventar, 1885 / Seite 628
  • Dehio, 1922, Bd. II / Seite 402.
  • Schrader, E./ Chronik v. Reinickendorf in
    Sonntag und Alltag, 1921 Pescke, W./ Drei Berliner Dorfkirchen in
    Zentralblatt der Bauverwaltung 62 (1942) 5/6 / Seite 49-60
  • Türck, Walter C., Die Dorfkirchen von Berlin, Berlin 1950 / Seite 11.
  • Reclam Berlin, 1977 / Seite 566.
  • Kühne, Stephani/ Kirchen, 1978 / Seite 117-118.
  • Pomplun, Kurt, Berlins alte Dorfkirchen, Berlin 1984 / Seite 79-80, T. 21
  • Topographie Reinickendorf/Reinickendorf, 1988 / Seite 108f.