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Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden mit Einfriedungsmauer, Grabstätten und Mausoleen

Obj.-Dok.-Nr.: 09010186
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Mitte
Strasse: Chausseestraße
Hausnummer: 126
Denkmalart: Gartendenkmal
Sachbegriff: Friedhof & Einfriedungsmauer & Grabstätte & Mausoleum & Kapelle
Datierung: ab 1762 & 1800-1899 & 1927-1928
Entwurf: Dihm (Baurat)

Der Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden in der Chausseestraße 126 hat sich seit dem frühen 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Begräbnisplatz für bedeutende Gelehrte, Künstler und Politiker herausgebildet und diese Tradition bis heute gewahrt. Die etwa zweihundert erfassten Grabstätten stellen einen beispielhaften Querschnitt durch die Berliner Grabmalkunst im 19. Jahrhundert dar, deren Entwicklung wesentlich durch Gottfried Schadow, Karl Friedrich Schinkel und Christian Daniel Rauch bestimmt wurde. Diese Meister, aber auch einige ihrer Schüler wie Tieck, Wichmann, Blaeser, Stüler oder Strack sowie zahlreiche ihrer Zeitgenossen aus dem Universitäts- und Wirtschaftsbereich fanden hier ihre letzte Ruhe.

Der Dorotheenstädtische Friedhof umfasste früher zusammen mit dem Friedrichswerderschen Friedhof ein wesentlich größeres Areal. Später wurde das gemeinsame Gelände jedoch drastisch beschnitten. Zahlreiche Monumente mussten umgesetzt, Gräber verlegt und Grabstätten neu gestaltet werden. Zu ihnen zählen u. a. die Grabstele für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und das Grabkreuz für seine Frau Marie Hegel (1791-1833), der Gedenkobelisk für Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) (1) und die Grabstele mit Porträtmedaillon von Fritz Schaper für den Juristen Karl August Clemens Klenze (1795-1838).

Der Friedhof ist über eine Eingangsachse von der Chausseestraße her erreichbar und liegt hinter dem Friedhof I der Französisch-reformierten Gemeinde. Das 1909 von Ernst Waegener geschaffene Luther-Standbild bildet seit 1975 den Point de vue in der Eingangsachse. (2) Die platzartige Erweiterung vor der Statue fungiert als Vorplatz für die nördlich sich anschließende Kapelle und die Wirtschaftsgebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Tragendes gartenarchitektonisches Strukturelement ist die seit dem frühen 19. Jahrhundert bestehende und von Erbbegräbnisstätten gesäumte nordsüdlich verlaufende Hauptallee mit ihren etwa 50 Jahre alten Birken. Die beiden Hauptwege im nördlichen Teil bestehen in der jetzigen Form seit der Anlage der ersten Grabfelder; das heute geometrisch wirkende Wegenetz und der Randweg haben sich in den letzten hundert Jahren herausgebildet. Bestimmend für die Anlage ist die Vielfalt an unterschiedlichen Grabfeldern und -formen mit ihrem artenreichen Bestand an Bäumen, Sträuchern, Hecken und Immergrünen.

Herausragendes Schmuckstück auf der nördlich der Allee gelegenen Grabstätte für den Mitbegründer der Freundschen Maschinenfabrik Martin August Freund (gestorben 1827) ist ein gusseiserner Lekythos mit Reliefdarstellung der Norne Skuld nach attischem Vorbild. Es ist vom Bruder des Verstorbenen, dem Bildhauer Hermann Ernst Freund gearbeitet. 1827 ließ die Familie Liemann ein schlichtes, ägyptisierendes Mausoleum an der nördlichen Friedhofsmauer in Backstein errichten.

Schinkel hatte im Jahre 1833 eine Grabstele entworfen, die auf Berliner Friedhöfen gerne verwendet wurde. Eine Variante davon ist das Denkmal für das Grab des Chemikers Friedrich Sigismund Hermbstaedt (1760-1833). Die Grabstele an der östlichen Friedhofsmauer wird von einem Bronzeakroterion mit der Darstellung eines Genius, modelliert von August Kiss, bekrönt. Die gleichen Palmettenakroterien, jedoch kombiniert mit anderen Geniusdarstellungen finden sich an den vor der östlichen Friedhofswand erscheinenden Stelen der Familie des Königlichen Goldschmieds George Hossauer (1794-1874). Das älteste erhaltene Monument ist der Gilly-Schule verpflichtet. Ein in Sandstein gearbeitetes Postament mit Inschriftentafel und Rundbogennische mit eingearbeiteter Öllampe sowie bekrönender Deckelurne mit Faltengirlande erinnert an den Lederfabrikanten Johann Jakob Fröhlich (1737-1807).

Am nördlichen Ende der Birkenallee errichtete die Steinmetz- und Baumeisterfamilie Cantian sich um 1819 eine erweiterte monumentale dreiseitig architektonisch gefasste Grabanlage mit einem antikisierenden Sarkophag. Das Grab von Peter Christoph Wilhelm Beuth (1781-1853) gegenüber kennzeichnet am Kopfende der Gruftplatte eine Granitstele mit Akroterion nach Schinkels Vorbild, die ein Porträtmedaillon von der Hand Christian Daniel Rauchs trägt. Beuth war Begründer und Leiter des Gewerbeinstituts, Direktor der Bauakademie und ein Freund Schinkels. Das Grab umschließt ein gusseisernes Gitter mit Palmetten- und Lotosblütenornamentik. (3) Das gleiche Gitter findet sich an dem ebenfalls am Hauptweg gelegenen Grab von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841). Die Granitstele schmückt auch hier ein Akroterion und ein Bildnismedaillon von August Kiss aus Bronzeguss. (4) Neben dem Schinkelgrab liegt eine zweite Grabstelle der Fabrikantenfamilie Freund. An der Rückseite dieses sehr individuellen Gittergrabes befindet sich eine Bank, die von Sandsteinpfeilern gerahmt ist. Sie tragen Reliefs mit Genien von der Hand des Bildhauers Hermann Ernst Freund aus Kopenhagen. Die sandsteinernen Gitterpfeiler zeigen Reliefs mit Todessymbolen. (5) Am Grab des Bildhauers Christian Daniel Rauch (1777-1857) etwa auf halber Höhe der Allee befindet sich ein nach eigenem Entwurf ausgeführtes stelenartiges Granitpostament mit Bildnismedaillon von Albert Wolff (1858) und bekrönender allegorischer Bronzefigur der Hoffnung. In Form eines klassizistischen Grabbaldachins stellt sich das marmorne Denkmal für den Industrieellen Johann Friedrich August Borsig (1804-1854) an der Birkenallee dar, das nach Entwurf von Johann Heinrich Strack 1857 ausgeführt wurde. Über quadratischem Grundriss tragen vier dorische Säulen einen Baldachin mit gemaltem Sternenhimmel. Unter dem Gewölbe befindet sich ein Postament mit der bronzenen Bildnisbüste, deren Modell 1855 von Christian Daniel Rauch gearbeitet wurde. Ein fein gearbeitetes gusseisernes Gitter mit Palmettenornamentik bildet die Begrenzung. Eine weitere klassizistische Anlage diesen Typs wurde im Krieg zerstört und befand sich auf dem benachbarten Grab des Architekten Friedrich August Stüler (1800-1865). Dieses Grab wurde 1995-96 nach Entwurf von R. Roehl und J. Skuin neu gestaltet. Am südlichen Ende der Birkenallee befindet sich die Grabstätte des Bildhauers Johann Gottfried Schadow (1764-1850) und seiner Frau Marie Caroline Schadow (gestorben 1832). Hier sind zwei stimmungsvolle Varianten des bereits im 18. Jahrhundert beliebten Piedestals mit Schmuckbekrönung überliefert: Das Grab der Frau markiert eine Sandsteinsäule mit marmorner Deckelurne nach Entwurf von Schadow. Sein eigenes Grab schmückt ein stelenartiger schlanker Pfeiler mit Statuette nach Modell seines Schülers Heinrich Kaehler von 1822. (6)

Einige repräsentative Beispiele für das klassizistische Grabkreuz aus Gusseisen haben sich auf den Grabstätten der Familie Jacobi, sowie Motz und Maaßen erhalten. Ein besonderes Beispiel für eine historisierende Grabgestaltung stellt das Wandgrab für den Architekten Albert Dietrich Schadow (gestorben 1868) an der westlichen Mauer des Friedhofs dar, ein stehendes Triptychon aus Sandstein in Anlehnung an die italienische Renaissance mit zwei weiblichen allegorischen Figuren und Bildnismedaillon aus Zinkguss von Hermann Schievelbein. Etwas nördlich befindet sich das aufwendig in verschiedenfarbig glasierten und ornamentierten Klinkern und Kacheln aufgeführte, ebenfalls dreiseitige frei stehende Wandgrab für die Familie des Baurats und Erfinders des Ziegelringsofens Heinrich Eduard Hoffmann (1818-1900). In der Nähe wurde die Gedenkstätte für Widerstandskämpfer 1933-45 angelegt.

Östlich der Birkenallee hat der gleichnamige Sohn des Architekten Johann Heinrich Strack (1805-1880) das Grabmal seines Vaters in Anlehnung an den Entwurf für das Borsig-Grab, jedoch mit geschlossener Rückwand, gestaltet. Die marmorne Bildnisbüste auf dem Postament wurde 1881 von Alexander Calandrelli geschaffen.

In der Nachbarschaft ist das von Hermann Ende 1882 gestaltete, an der italienischen Neorenaissance orientierte Mausoleum für die Familie des Architekten Georg Heinrich Friedrich Hitzig (1811-1881) zu finden. Es handelt sich um eine beidseitig apsidial geschlossene Portikusarchitektur aus Sandstein mit aufwendig gearbeiteter gusseiserner Ziertür und Wandbildern, deren Innenausstattung auch erhalten ist.

Zu den vielen kulturhistorisch bedeutenden Grabstätten aus jüngerer Zeit auf diesem Friedhof zählen die des Dichters Bertolt Brecht (1898-1956) und der Schauspielerin Helene Weigel-Brecht (1900-1971), des Schriftstellers Heinrich Mann (1871-1950) mit Porträtkopf von Gustav Seitz, der Schriftstellerin Anna Seghers (1900-1983), des Schriftstellers und Theaterregisseurs Heiner Müller (1929-1995) und des Bildhauers und Grafikers Fritz Cremer (1906-1993).

(Schulz, Gabriele, 2003)


1) Das Monument aus Muschelkalkstein ließ der Magistrat von Berlin anstelle des ursprünglichen aus Gußeisen neu errichten. Das Porträtmedaillon von Ludwig Wichmann befindet sich in der Gemeindeverwaltung.

2) Es handelt sich um eine Kopie des von J. G. Schadow 1821 geschaffenen Lutherbildes für das Refomationsdenkmal dem Rathausplatz in Wittenberg.

3) Das heutige Gitter ist eine Rekonstruktion nach dem Original am Schinkelgrab. Es wurde 1987 hergestellt.

4) Am Grab befindet sich ein Abguß des Medaillons, das Original wird aus konservatorischen Gründen in der Gemeindeverwaltung aufbewahrt.

5) Die Grabstätte wurde 1996-97 restauriert, dabei die ehemalige Wirkung annähernd wiederhergestellt. Gitter- und Pfeilerteile wurden vereinfacht rekonstruiert.

6) Am Schadowschen Grab entlang führte ursprünglich der Weg zum Eingang am Oranienburger Tor. Mit Aufgabe des Geländes 1889 wurden die Monumente nach der heutigen Allee hin orientiert. Das Gitter wurde nach Fotos rekonstruiert und 1989 aufgebaut. Die originale Bronzestatuette befindet sich in der Gemeindeverwaltung, an ihrer Stelle steht ein Nachguß aus Aluminium.

Literatur:
  • Topographie Mitte/Mitte, 2003 / Seite 655-656
  • Krosigk, Klaus-Henning von: Chausseestraße 126, Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden. In: Landesdenkmalamt Berlin (Hg.): Gartendenkmale in Berlin. Friedhöfe. Petersberg 2008 / Seite 115-123
  • Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hg.): Berlin und seine Bauten. Teil X, Band A Anlagen und Bauten für die Versorgung (3) Bestattungswesen. Berlin, München 1981Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR Hauptstadt Berlin I , Bln.,1984, / Seite 128 & 234 & 333f.
  • Berlin und seine Bauten, II. und III., Bln. 1896. / Seite 64-65 & 89-90
  • Wohlberedt, W., Verzeichnis der Grabstätten bekannter und berühmter Persönlichkeiten in Groß-Berlin und Potsdam mit Umgebung, II. Teil, Bln. o.J. / Seite 125f.
  • Mahler, Angelika/ Wendlandt, Wolf-Borwin/ Wernicke, Ingolf, Die Denkmale in Berlin-Reinickendorf, Bln., 1998 / Seite 158f.
  • Ausgeführte Grabdenkmäler und Grabsteine, Verlag E. Wasmuth, Bln. o.J. / Seite .
  • Kuhn, Jörg, Albert Bohm in: Allgemeines Künstlerlexikon, Leipzig?
  • Evangelischer Friedhofsverband Berlin Stadtmitte (Hrsg.): "Kirchen in Szene setzen" - Preis der Stiftung KiBa 2018, Medieninformation, 20.03.2018