Geoportal  



 

Umweltatlas Berlin

04.11 Klimamodell Berlin - Bewertungskarten (Ausgabe 2004)

Kartenansicht English Text available Inhalt    zurück kein weiter

Karte 04.11.2 Planungshinweise Stadtklima

Die Planungshinweiskarte Stadtklima stellt eine integrierende Bewertung der in der Klimafunktionskarte dargestellten Sachverhalte im Hinblick auf planungsrelevante Belange dar. Aus ihr lassen sich Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen zur Verbesserung von Klima und - über die Effekte der Verdünnung und des Abtransportes - auch der Luft ableiten. Dem Leitgedanken dieser Bemühungen entsprechen die Ziele zur

  • Sicherung,
  • Entwicklung und
  • Wiederherstellung

klima- und immissionsökologisch wichtiger Oberflächenstrukturen (Mosimann et al. 1999). Die zugeordneten Planungshinweise geben Auskunft über die Empfindlichkeit gegenüber Nutzungsänderungen, aus denen sich klimatisch begründete Anforderungen und Maßnahmen im Rahmen der räumlichen Planung ableiten lassen. Im Folgenden wird auf die planerische Einordnung der klimaökologisch relevanten Elemente in Berlin eingegangen.

Grün- und Freiflächenbestand

Innerstädtische und siedlungsnahe Grünflächen haben eine wesentliche Wirkung auf das Stadtklima und beeinflussen die direkte Umgebung in mikroklimatischer Sicht positiv. Aus größeren, zusammenhängenden Grünarealen ergibt sich somit das klimatische Regenerationspotenzial. Der produzierte Kaltluftmassenstrom als qualifizierender Parameter tritt aber an dieser Stelle in den Hintergrund. Für die planerische Einordnung ist vielmehr die Lage im Raum entscheidend und damit die Frage, welche bioklimatische Belastung eine zugeordnete Bebauung aufweist. Denn letztendlich kann auch eine Grünfläche mit geringer Kaltluftproduktion eine signifikante Wohlfahrtswirkung in stark überbauten Bereichen erbringen.

Eine sehr hohe stadtklimatische Bedeutung erlangen daher Grün- und Freiflächen mit Einfluss auf bioklimatisch belastete Siedlungsräume. Dazu zählen vor allem die großen, innenstadtnahen Grünflächen wie der Große Tiergarten, die unbebauten Bereiche des Flughafens Tempelhof oder der Volkspark Friedrichshain. Eine sehr hohe Bedeutung kann darüber hinaus auch den kleineren Park-, Ruderal- und Brachflächen oder gering versiegelten Sportplätzen zukommen, sofern sie Entlastungswirkungen für benachbarte Bebauung erzeugen können. Daraus resultiert für diese Flächen die höchste Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung mit den folgenden Planungsempfehlungen:

  • Vermeidung von Austauschbarrieren gegenüber bebauten Randbereichen,
  • Reduzierung von Emissionen und
  • Vernetzung mit Freiflächen.

Dies bedeutet, dass bauliche und zur Versiegelung beitragende Nutzungen dieser Flächen zu weiteren, bedenklichen klimatischen Beeinträchtigungen führen können. Neben den angesprochenen und weiteren Einzelflächen dieser Klasse sind auch größere, randständige Areale wie die Freiflächen bei Blankenfelde oder die Wuhlheide dieser Kategorie zuzuordnen. Das größte zusammenhängende Gebiet in diesem Zusammenhang erstreckt sich vom Grunewald über die grünbestimmten Siedlungen von Lichtenrade bis nach Rudow.

Grün- und Freiflächen, die einen Bezug zu Siedlungsräumen mit einem geringen Belastungsniveau oder sogar günstigem Kleinklima aufweisen, besitzen eine hohe bis mittlere stadtklimatische Bedeutung. Sie sind vorwiegend innenstadtfern lokalisiert und haben Bezug zu den weniger bioklimatisch belasteten Siedlungsräumen außerhalb des S-Bahnrings. Dazu zählen die folgenden Bereiche:

  • Grünflächen bzw. durchgrünte Siedlungen zwischen Bucher Forst und Malchow,
  • Krummendammer- und Köpenicker Bürgerheide,
  • Grunewald nordwestlich der Avus sowie das Flughafenareal Tegel und
  • Forst Spandau.

Für diese Flächen ergibt sich eine hohe Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung, bei der insbesondere der Luftaustausch mit der Umgebung berücksichtigt werden sollte.

Als dritte Kategorie werden Grün- und Freiflächen mit einer geringen stadtklimatischen Bedeutung ausgewiesen. Dabei handelt es sich um Flächen, die entweder einen geringen Einfluss auf - belastete - Siedlungsbereiche ausüben oder eine unbedeutende Kaltluftproduktion aufweisen. Letztere besitzen oft eine geringe Flächengröße und sind insbesondere im Innenstadtbereich anzutreffen. Diesen Flächen kann dann durchaus noch eine Rolle als klimaökologische Komfortinsel zukommen, sofern sie eine Mikroklimavielfalt aufweisen (z.B. Gewässer, beschattete und besonnte Bereiche).

Zu den großflächigen Arealen mit einer geringen Bedeutung zählen die Gatower Heide sowie die durchgrünten Siedlungen bei Frohnau und Heiligensee. Dort wären bauliche Eingriffe, die den lokalen Luftaustausch nicht wesentlich beeinträchtigen, nur mit geringen klimatischen Veränderungen verbunden.

Siedlungsräume

Die im Kaltlufteinwirkbereich einer Grünfläche befindlichen Siedlungsräume sind in der Regel ausreichend durchlüftet und weisen eine lediglich geringe bis keine bioklimatische Belastung auf (vgl. Karte 04.11.1 Klimafunktionen). Um diesen günstigen Zustand zu erhalten, ergibt sich eine hohe Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung. Aus planerischer Sicht gilt daher vor allem die Vermeidung von Austauschbarrieren und weiterer Verdichtung.

Bei klimatisch günstigen Siedlungsräumen handelt es sich um locker bebaute und durchgrünte Siedlungen wie z.B. Villenbebauung mit einem geringen Versiegelungsgrad, hohem Vegetationsanteil und relativ hoher nächtlicher Abkühlungsrate. Diese Areale sind zu einem gewissen Maße selbst Kaltluftproduzenten und unterstützen die Kaltluftströmung benachbarter Freiflächen. Durchgrünte Siedlungen sind vor allem außerhalb des S-Bahn-Rings anzutreffen, aber auch in Innenstadtnähe (z.B. die Gartenstadt Tempelhof westlich des Flughafens). Diese Gebiete führen weder zu einer intensiven bioklimatischen Belastung noch zu Beeinträchtigungen des Luftaustausches. Sie weisen im Allgemeinen eine geringe Empfindlichkeit gegenüber Nutzungsintensivierungen auf, sofern die Bauhöhen gering gehalten und die Baukörperstellung beachtet wird. In direkter Nachbarschaft zu Belastungsbereichen ist aufgrund der Klimarelevanz jedoch von einer hohen Empfindlichkeit auszugehen.

Zur vergleichsweise gering belasteten Wohnbebauung zählen auch nicht durchlüftete Siedlungsräume mit geringer bioklimatischer Belastung. Ausschlaggebend für diese Einordnung ist weniger der nicht vorhandene Kaltlufteinwirkbereich, sondern vielmehr die geringe potenzielle Wärmebelastung. Daraus ergibt sich eine hohe Empfindlichkeit hinsichtlich einer Nutzungsintensivierung und die Vermeidung weiterer Verdichtung.

Belastungsbereiche dagegen weisen einen Durchlüftungsmangel und eine überdurchschnittliche Wärmebelastung auf. Unterschieden werden Siedlungsräume mit geringer, in Einzelfällen mäßiger sowie mäßiger, in Einzelfällen hoher bioklimatischer Belastung. Unter Berücksichtigung des Belastungsniveaus ergibt sich eine hohe bzw. sehr hohe Empfindlichkeit gegenüber einer Nutzungsintensivierung. Diese Gebiete sind unter stadtklimatischen Gesichtspunkten sanierungsbedürftig, woraus sich die folgenden Planungshinweise ergeben:

  • Keine weitere Verdichtung,
  • Verbesserung der Durchlüftung und Erhöhung des Vegetationsanteils,
  • Erhalt aller Freiflächen und
  • Entsiegelung und ggf. Begrünung der Blockinnenhöfe.

Neben dem innerstädtischen Raum sind auch stärker überbaute Bezirkszentren wie z.B. Spandau, Weißensee oder Hohenschönhausen betroffen. Eine lokale geringe, in Einzelfällen mäßige Belastung kann darüber hinaus im gesamten Stadtgebiet auftreten und ist nicht auf die Verdichtungsbereiche beschränkt. Vereinzelt kommt es zum Auftreten einer bioklimatischen Belastung trotz vorhandenem Kaltlufteinwirkbereich. In einem solchen Fall ist die potentielle Belastungssituation so hoch, dass selbst eine Kaltluftluftströmung keinen signifikanten Ausgleich herstellen kann.

Die Situation im randstädtischen Bereich von Tempelhof zeigt Abbildung 6. Sehr deutlich treten die bioklimatisch belasteten Gewerbegebiete entlang der S-Bahntrasse hervor, insbesondere im Ortsteil Mariendorf.

Abbildung 6- Thumbnail
[Vergrößerung ca. 260 KB groß.]

Abb. 6: Beispiele lokaler bioklimatischer Belastungsbereiche außerhalb der Innenstadt, hier in den Ortsteilen Marienfelde/Mariendorf

Kaltluftleitbahnen, die in diesem Beispiel Kaltluft aus dem Umland heranführen, sind durch die Pfeilsignatur gekennzeichnet. Als Leitbahnen dienen die durchgrünten Siedlungstypen sowie der Freizeitpark Marienfelde. Aufgrund der Zuordnung zu den genannten Belastungsbereichen kommt den beteiligten Grünflächen eine sehr hohe stadtklimatische Bedeutung zu, was gleichermaßen für deren Leitbahnfunktion gilt.

Die Darstellung der potenziellen verkehrsbedingten Luftbelastung entlang von Hauptverkehrsstraßen ergänzt das Spektrum auftretender Belastungen. Hierbei handelt es sich um eine modellgestützte Berechnung für das Bezugsjahr 2001, inwiefern in einzelnen Straßenabschnitten die Grenzwerte der 22. BImSchV für NO2 im Jahresmittel, die bis zum 01.01.2010 einzuhalten sind, möglicherweise oder mit großer Wahrscheinlichkeit überschritten werden. Insbesondere innerstädtische Hauptverkehrsstraßen sind von erhöhten Belastungen betroffen; in der Summe liegen rund 10 % des untersuchten Verkehrsnetzes oberhalb des späteren Grenzwertes.

Luftaustausch

Kaltluftleitbahnen und -abflüsse werden in der Planungshinweiskarte in zwei Kategorien untergliedert, wobei die Wertigkeit mit der räumlichen Nähe zu Belastungsbereichen ansteigt. Leitbahnen mit einer sehr hohen Bedeutung begünstigen das Vordringen von Kaltluft in den Innenstadtbereich und zu belasteten Stadtteilzentren. Dazu zählen u.a. die Kolonien am S-Bahnhof Priesterweg, die Kaltluft vom Friedhof an der Bergstraße bzw. vom Insulaner in Richtung Norden führen oder der Volkspark Rehberge, der das Vordringen der auf dem Flughafen Tegel produzierten Kaltluft in Richtung Mitte ermöglicht. Weitere Leitbahnen dieser Kategorie sind nördlich und südlich des S-Bahnrings gruppiert.

Ein flächenhafter Kaltluftabfluss mit einer sehr hohen Bedeutung tritt dagegen lediglich im Grunewald auf, an dessen Ostseite hohe Kaltluftreichweiten angenommen werden können. Leitbahnen einer mittleren bis hohen Bedeutung sind vorwiegend im Randbereich Berlins anzutreffen, was auch für den flächenhaften Kaltluftabfluss dieser Kategorie gilt. Für diese bedeutsamen Strukturen bzw. Prozesse ergeben sich die folgenden, gemeinsamen Planungshinweise:

  • Vermeidung baulicher Hindernisse, die einen Kaltluftstau verursachen könnten,
  • Bauhöhe möglichst gering halten,
  • Neubauten längs zur Leitbahn ausrichten
  • Randbebauung möglichst vermeiden und
  • Erhalt des Grün- und Freiflächenanteils.

Als großräumige Luftleit- und Ventilationsbahnen treten einige Talabschnitte der großen Fließgewässer Havel und Spree in Erscheinung, deren Funktion über den lokalen Luftaustausch hinaus geht. Sie begünstigen den Luftaustausch in die angrenzende Bebauung auch bei stärkeren, übergeordneten Wetterlagen. Aus planerischer Sicht sollte daher die Uferlage freigehalten oder möglichst offen bebaut werden.

Kartenansicht English Text available Inhalt    zurück kein weiter

umweltatlas_logo_klein