Städtebau  

 

Archiv: Tag der Städtebauförderung am 9. Mai 2015

Andreas Geisel, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt:
"Wir brauchen engagierte Bürgerinnen und Bürger, um unsere Stadt zu entwickeln"


senator geisel
Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Andreas Geisel
Herr Geisel, Berlin ist eine wachsende, baulich und sozial vielfältige Stadt. Wie helfen die Programme der Städtebauförderung bei der Gestaltung?

Die Vielfalt Berlins ist etwas ganz Wunderbares. Die gilt es zu schützen und weiterzuentwickeln. Berlin ist Kiez und Weltstadt zugleich, und die Menschen, die hier leben, machen die Stadt so spannend. Die Programme der Städtebauförderung spiegeln die Lebendigkeit und auch die Herausforderungen der wachsenden Stadt wider. Es geht um das Zusammenleben der Menschen in ihren Nachbarschaften, die Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur und auch um gerechte Bildungschancen nicht nur für unsere Kinder. Auch Erwachsene sollen die Möglichkeit haben, lebenslang zu lernen und sich weiterzubilden. Ich will Berlin zu einer kinder- und familienfreundlichen Stadt machen.

Die Städtebauförderung wird in Berlin mit dem Slogan lebendige Quartiere verbunden. Was zeichnet solche Quartiere aus?

Nehmen wir die Kinder und Familien, die ich gerade angesprochen habe. Für die müssen wir nicht nur ausreichend bezahlbare Wohnungen überall in der Stadt bauen. Die Menschen brauchen auch ein intaktes soziales Umfeld. Sie brauchen Kitas, Schulen, Parks und Spielplätze, Räume, wo sie sich treffen können. Warum sind Plätze in Italien so faszinierend? Weil dort alt und jung, reich und arm, Handwerker und Akademiker an einem Ort zusammenkommen und im besten Sinne des Wortes in Gesellschaft miteinander leben. Das ist mein Ideal einer lebendigen Stadt. Ich bin aber Realist genug, um zu wissen, dass das nicht immer und überall so ist. Ein öffentlicher Raum entsteht nicht von selbst. Er muss gepflegt werden, die Menschen müssen sich selbst darum kümmern. Das kann man nicht verordnen, aber wir können das unterstützen. Und das tun wir mit den zahlreichen Programmen der Städtebauförderung.

Der Tag der Städtebauförderung findet dieses Jahr zum ersten Mal statt. Warum wird er durchgeführt?

Wir wollen interessierten Berlinerinnen und Berlinern zeigen, was alles mit Mitteln der Städtebauförderung bewegt wird. Das ist eine ganze Menge. Außerdem wollen wir das Engagement der Aktiven vor Ort würdigen: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Projektträgern, dem Gebietsmanagement, die vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger aus den Initiativen und nicht zuletzt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bezirks- und Landesverwaltungen. Es sind immer die Menschen, die den Raum prägen, in dem wir leben. Da kann man auch mal ganz einfach Danke sagen.

Stadtentwicklung wird zunehmend durch engagierte Bürgerinnen und Bürger geprägt. Was bedeutet Ihnen diese Bürgerbeteiligung?

Sehr viel. Berlin lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger sich engagieren und einmischen. Wir haben viele kreative Menschen in dieser Stadt. Deren Ideen und Vorstellungen sind wichtig für die Stadtentwicklung. Beteiligung heißt für mich aber nicht: Durchdrücken meiner Partikularinteressen. Bürgerbeteiligung ist immer ein Prozess, ein Dialog und Kompromiss-Finden. In solch einen Prozess kann ich nicht hineingehen mit dem Ziel, den Anderen als Verlierer zurückzulassen. Wenn wir es schaffen, eine Verbindlichkeit auf beiden Seiten herzustellen, mit klaren Entscheidungsspielräumen, was möglich ist und was nicht, dann können wir eine Menge erreichen.

In die Städtebauförderung fließen in Berlin jährlich mehr als 100 Millionen Euro. Was wird damit erreicht?

Mehr als eine Million Bürgerinnen und Bürger in Berlin leben derzeit in Gebieten, die durch die Städtebauförderung unterstützt werden. Damit haben die Programme direkte und positive Auswirkungen auf knapp 30 Prozent der Bevölkerung, für die wir lebenswerte Quartiere schaffen. Und die Städtebauförderung hat auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Auf einen Euro Städtebauförderung folgen sechs bis acht Euro an privaten Investitionen. Das ist eine Menge Geld bei einem Förderumfang von jährlich 100 Millionen Euro.

Wenn Sie 20 Jahre weiterdenken, was sollte die Städtebauförderung bis dahin erreicht haben?

Mein wichtigstes Ziel ist es, mehr bezahlbare Wohnungen zu schaffen. Ein Dach über dem Kopf ist für die Menschen von zentraler Bedeutung. Doch damit allein ist es nicht getan. Auch die öffentlichen Räume in der wachsenden Stadt werden immer wichtiger. Plätze, Parks und Grünanlagen werden stärker genutzt. Diese müssen attraktiv gestaltet und auch gepflegt werden. Es liegt im Interesse aller, dass diese öffentlichen Räume auch angstfreie Räume sind. Wenn unsere Kinder nicht mehr in Parks gehen können, weil dort mit Drogen gedealt wird oder Gewalt droht, dann läuft etwas gehörig schief. Hier müssen wir uns alle einmischen. Wir müssen Verwahrlosungstendenzen aktiv entgegentreten. Mein Ziel ist eine lebendige, solidarische und tolerante Stadt, in der nicht das Recht des Stärkeren gilt. Das fängt schon bei ganz kleinen Dingen an. Zum Beispiel bei barrierefreien Straßen für Menschen mit Behinderungen. Radfahrer sollen genauso ihren Platz haben wie Fußgänger, während nebenan der Autoverkehr fließt. Das alles kann man organisieren mit einer sozialen Stadt- und Quartiersentwicklung, wie ich sie mir wünsche. Das Wichtigste aber sind die Menschen. Ihr Engagement und Einsatz sind die Grundlage für eine lebenswerte Stadt.

Sie sagen, am wichtigsten sei momentan der Bau bezahlbarer Wohnungen. Was sind Ihre nächsten Maßnahmen?

Berlin ist in den letzten vier Jahren um 175 000 Menschen gewachsen. Das ist mehr, als Potsdam Einwohner hat – dort leben 160 000 Menschen. Ausreichend attraktiver und bezahlbarer Wohnraum kann bei einem Wachstum dieser Größenordnung vor allem durch Wohnungsneubau geschaffen werden. Hier sind private und kommunale Bauherren gefragt. Wir verfolgen in Berlin ein Ziel: Wohnungsneubau muss auch bezahlbaren Wohnraum schaffen. Mit unserem Wohnungsneubaufonds können wir zurzeit pro Jahr 1 000 Wohnungen fördern. Ich möchte diese Zahl deutlich erhöhen. Am Ende ist es wichtig, mit einer guten Planung bestehende Gebiete zu fördern und neue urbane Wohngebiete zu entwickeln. Dabei kann die Städtebauförderung mit Investitionen in die Infrastruktur und der Bildung von lokalen Netzwerken einen wichtigen Beitrag leisten.

Herr Geisel, eine letzte Frage. Berlin ist eine anstrengende Stadt. Was macht sie für Sie ganz persönlich lebenswert?

Das Spannende sind doch die Möglichkeiten, die unsere Stadt bietet. Berlin bedeutet für mich Freiheit, Kreativität und Lebendigkeit. Ich lebe einfach gern mit meiner Familie in dieser großen, schönen und manchmal auch anstrengenden Stadt.