Städtebau  

 

Stadterneuerung - Sanierung

50. Jubiläum des 1. Berliner Stadterneuerungsprogrammes


Übersicht und Entwicklung zum 1. Gesamt-Berliner Stadterneuerungsprogramm


Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.

Willy Brandt (1913-1992)

 
1963 verkündete der Regierende Bürgermeister Willy Brandt vor dem Berliner Abgeordnetenhaus den Beginn des 1. Stadterneuerungsprogrammes von Berlin. Das Programm bildet den Ausgangspunkt für eine systematische, umfassende Stadterneuerungstradition, die sowohl die Berliner Stadtentwicklung, als auch die Stadterneuerung in der ganzen Bundesrepublik beeinflusste.

Es lohnt sich, ein differenziertes Bild der 50jährigen Berliner Stadterneuerungsgeschichte zu zeichnen. Über diesen Zeitraum verbesserten sich für unzählige Berlinerinnen und Berlin die Wohnverhältnisse grundlegend. Es entstanden Wohnungen und Stadtteile, mit zeitgemäßer, moderner Ausstattung, die sozialen und ökologischen Ansprüchen gerecht werden. Berlin muss aus diesem Erfahrungsschatz schöpfen, um weiterhin aktiv Wohnungsneubau und Stadterneuerung sozial gerecht und ökologisch orientiert durchzuführen.

 

Aktuell

Gedenken an das
50. Jubiläum

Pressekonferenz und Baumpflanzung am 3. September 2013
im Brunnenviertel
St.-Afra-Kirche in der Graunstraße 31; Quelle: Büro Heinrichs+Wermund
St.-Afra-Kirche in der Graunstraße
Quelle: Büro Heinrichs+Wermund
Zitate:

I. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vom 18. März 1963:

"Bauen ist eine kulturelle Aufgabe. Der Raum, in dem sich Kultur entwickeln soll, ist die ganze Stadt. Die ganze Stadt prägt das Lebensgefühl ihrer Bürger. Wir wollen in Berlin hauptstädtisch bauen, denn unser politisches Ziel soll und muß auch in unseren Bauten erkennbar sein."

ABGEORDNETENHAUS VON BERLIN, IV. Wahlperiode , 4. Sitzung
I. Band Montag, den 18. März 1963 Nr. 4, Erklärung des Regierenden Bürgermeisters über die Richtlinien der Regierungspolitik

II. Der Senator für Bau- und Wohnungswesen, Rolf Schwedler, am 18. Juni vor dem Berliner Abgeordnetenhaus:
"... Oft hört man in letzter Zeit, daß Sanierung immer nur im totalen Abriß der Altsubstanz, dem dann der Neubau folgen soll, bestehen könne. Lassen Sie mich eindeutig sagen, meine Damen und Herren, daß ich diese Ansicht nicht teile. Zweifellos wird es Bauprojekte geben, deren Zustand jede andere Überlegung verbietet. Oft wird auch der wirtschaftliche Vergleich eindeutig für den Abriß sprechen. Die Tatsache, daß wir im ersten Erneuerungsprogramm uns selbstverständlich auf die ältesten und schlechtesten Stadtgebiete konzentriert haben, ist dabei ebenfalls zu beachten. Aber totalen Abriß und Neubau werden wir nicht generell als den einzig möglichen und richtigen Weg anerkennen.

Schon jetzt ergeben sich in unserer Stadt sehr verschiedene Formen der Sanierung…. Neben dem Bauzustand und dem Wohnungsgrundriß werden auch Stadtatmosphäre, die baugeschichtliche Bedeutung und der überkommene Stadtgrundriß in diesem Distrikt unsere Überlegungen entscheidend beeinflussen. Man kann einwenden, daß die Methode „Abriß und Neubau" oft die einfachste sein wird und sich auch in ihren Kosten nicht erheblich von einer Erneuerung unter Schonung der Altsubstanz unterscheidet. Wir werden aber stets zu prüfen haben, ob die einfache Methode auch die beste ist.

Wir wissen alle, daß die Sanierungsgebiete zu dicht und zu eng bebaut sind. Wir wissen, daß viele Menschen in schlechten Wohnungen zu eng beieinander hausen und daß störende Betriebe zusätzlich Beeinträchtigungen ergeben. Wir können jedoch die Erneuerung innerstädtischer Räume nicht nach den Gesichtspunkten der Gartenstadt planen und betreiben. Für den Wert einer Stadtwohnung kann nicht maßgebend sein, wie weit sie einer ländlichen Idylle ähnelt. Nicht die Hausabstände sind die wichtigste Voraussetzung für eine bessere Ordnung des Lebensraums, sondern die Qualität und Ausstattung der Wohnungen und die städtische Lebendigkeit.

... Die Erfahrung lehrt jedoch, daß eine allzu großzügige Auflockerung nicht der Erhaltung städtischen Lebens dient. Wir haben aus dieser Feststellung, die man jetzt überall in Deutschland treffen kann oder sogar trifft, bereits bei der Planung neuer Siedlungen unsere Schlüsse gezogen und werden das besonders bei der Stadterneuerung zu beachten haben.

... In keinem Fall dürfen wir Stadterneuerung auf Wohnungssanierung und den Wohnungsbau beschränken. Ob es sich um Fragen des Straßenverkehrs und der öffentlichen Verkehrsmittel handelt, um Erholungsmöglichkeiten, um Gewerbebetriebe und Geschäfte oder um soziale Einrichtungen und Schulen, — das alles gehört mit zur Stadterneuerung, wenn sie mehr sein soll als ein Ausbesserungsversuch mit zweifelhaftem Erfolg. Stadtplanung und damit auch Stadterneuerung können nicht nach einem starren System betrieben werden.

Wir werden also den Tatsachen nur gerecht, wenn wir die Stadtplanung nicht als ein starres System verstehen, in das wir das Leben zu zwingen versuchen, sondern als Richtlinien großzügiger Ordnung, innerhalb derer sich Leben wirklich frei entfalten kann und frei entfalten muß."


ABGEORDNETENHAUS VON BERLIN, IV. Wahlperiode , 33. Sitzung, II. Band, Donnerstag, den 18. Juni 1964, Nr. 10


Abgrenzung Sanierungsgebiet Brunnenstraße, 1963
Abgrenzung Sanierungsgebiet Brunnenstraße, 1963
v.l.n.r.: Aufgehobenes Sanierungsgebiet Treptow-Köpenick - Altstadt/Kietz Vorstadt (Alter Markt 4 – Hofbebauung 2005); Foto: BSM mbH // Aufgehobenes Sanierungsgebiet Mitte - Rosenthaler Vorstadt (Preisgekrönter Spielplatz Strelitzer Straße 5, 6), Foto: KoSP GmbH // Aufgehobenes Sanierungsgebiet Pankow - Winsstraße (Sportfreifläche Christburger Straße 7); Foto: S.T.E.R.N. GmbH

Stadterneuerung nach der Wiedervereinigung

Schwerpunkte des Stadterneuerungsengagements Berlins nach der Wiedervereinigung sind die 1993-1995 förmlich festgelegten 22 Sanierungsgebiete (9. bis 11. Rechtsverordnung) des Gesamt-Berliner Stadterneuerungsprogramms mit einer Größe von 810,5 ha, 5.723 Grundstücken und 81.449 Wohnungen.

Die Stadterneuerung als eine der zentralen Aufgaben der Stadtentwicklung hat bisher im wesentlichen die Aufwertung der städtebaulichen und funktionalen Qualitäten - insbesondere der Wohnqualität - vorwiegend gründerzeitlicher Gebiete, der Innenstadt und der Bezirkszentren zum Ziel. Die Maßnahmen dienen dazu, die Wettbewerbsfähigkeit der Quartiere zu erhöhen.

Um wirtschaftlich stabile und sozial gefestigte Haushalte insbesondere mit Kindern in innerstädtischen Quartieren zu binden, ist u.a. die Verbesserung der Wohnumfeldqualitäten in den Gebieten zentrales Handlungserfordernis.
Angesichts der begrenzten finanziellen Spielräume sind inhaltliche, zeitliche und räumliche Schwerpunkte zu setzen.

Strategie der vorrangigen Aufwertung der Wohnungen stabilisiert Gründerzeitquartiere erfolgreich

Zu Beginn des Gesamtberliner Stadterneuerungsprogramms in den 90er Jahren war es geboten, aufgrund der schlechten Wohnsubstanz und des hohen Wohnungsleerstandes massiv Fördermittel zur Leerstandsbeseitigung, Instandsetzung und baulichen Aufwertung einzusetzen. Hierdurch konnte der bauliche Verfall der gründerzeitlichen Quartiere gestoppt werden und ein enormer Modernisierungsschub ausgelöst werden, so dass die Gebiete sich heute zu weiten Teilen als attraktive Wohn- und Lebensräume präsentieren. Ein Erfolg dieser Sanierungsstrategie ist auch, dass in den bis zur Mitte der 90er Jahre stark vernachlässigten Gebieten keine gravierenden Leerstandsprobleme auftreten. In einem vergleichbar kurzen Zeitraum von ca. 10 Jahren ist bereits mit rund 41.000 modernisierten Wohnungen über die Hälfte des Wohnungsbestandes erneuert worden. In einigen innerstädtischen Sanierungsgebieten trifft dies sogar auf über 70% der Wohnungsbestandes zu.

Sichtbarer Erfolg der Erneuerungsaktivitäten ist: Die Zahl der Einwohner - vor allem junge Familien mit Kindern - steigt seit dem Jahr 2000 kontinuierlich an (durchschnittlich um 8,5%, in den östlichen Sanierungsgebieten 10%).

Neuorientierung der Durchführung und Finanzierung

Angesichts der angespannten Finanzlage Berlins und des inzwischen erreichten Erneuerungsstandes der Wohnsubstanz wurde mit dem Haushaltsplan 2002 die Förderung der Instandsetzung und Modernisierung der Wohngebäude in den Sanierungsgebieten eingestellt. Berlin konzentriert sich nunmehr auf die öffentlichen Aufgaben und Interventionen. Öffentliche Fördermittel werden grundsätzlich nur eingesetzt zur Qualifizierung der lokalen öffentlichen Infrastruktur, der Aufwertung des Wohnumfeldes und für die Finanzierung der Aufgaben, die Berlin nach dem BauGB bei der weiteren Vorbereitung der Sanierung und Durchführung von Ordnungsmaßnahmen obliegen, z.B. Bodenordnung, Sozialplanaufgaben der Gemeinde, Einsatz von Sanierungsbeauftragten und -trägern zur Steuerung des Sanierungsprozesses.

Der Erfolg der baulichen Erneuerung erfordert begleitend verstärkt privates Engagement und macht den Einsatz privaten Kapitals in die Wohn- und Gewerbesubstanz unerlässlich.

Vor dem Hintergrund der geänderten Rahmenbedingungen erfolgte eine Umstellung der Prioritäten der zentralen Programmplanung hin auf die Leitziele
  • Verbesserung der lokalen sozialen und kulturellen Infrastruktur (Grundschulen, Kitas, Einrichtungen für Jugendliche)
  • Initiierung von Aufwertungsprojekten im öffentlichen Raum zur Erhöhung der Gestalt- und Aufenthaltsqualität (Straßen, Plätze, Spielplätze)
Das Land Berlin hat durch gezielte Steuerung der Planungsprozesse in den Sanierungsgebieten und durch den Einsatz von Städtebauförderungsmitteln und Mitteln des Strukturfonds EFRE die Aufwertung der öffentlichen Räume und den Ausbau der Infrastruktur kontinuierlich vorangetrieben und dadurch die Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessert.

Um junge Familien in den innerstädtischen Quartieren zu halten bzw. den Zuzug attraktiv zu gestalten, muss Berlin den Zustand der Bildungseinrichtungen verbessern. Gerade in den innerstädtischen Gründerzeitquartieren erwarten die Bewohner als Ausgleich für das Defizit an Erholungsflächen ein breites und qualitätsvolles Angebot an Bildungs- und Freizeiteinrichtungen. Hier konnte zwar der erreichte Stand in den letzten 3 Jahren verdoppelt werden, dennoch ist es weiterhin erforderlich, durch den konzentrierten Einsatz der Ressourcen die bauliche Situation dieser Einrichtungen anzuheben.

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