Ausgangslage
Die Müllerstraße ist Teil des mittelalterlichen Ruppiner Heerweges, der am Spandauer Tor seinen Anfang nahm und nach Neuruppin und Hamburg führte. Von den mehr als 20 Windmühlen, die im 19. Jahrhundert links und rechts der Müllerstraße in Betrieb waren und der Straße den Namen gaben, ist keine mehr übrig. Die Bebauung der Müllerstraße infolge der industriellen Revolution entsprach dem Charakter eines Straßendorfes. Die gründerzeitliche Überformung dieses Gebietes erfolgte von Südosten nach Norden und Nordwesten. Dabei entstanden neben normalen Mietskasernen und Industriekomplexen auch sehr repräsentative Stadtplätze und Straßenzüge, wie z. B. ab 1907 die Seestraße.
Einen städtischen Mittelpunkt bildet der Leopoldplatz, der sich mit einer lang gestreckten Platzfläche an die Müllerstraße anschließt. Der Leopoldplatz, einer von sechs Stadtplätzen im Erhaltungsgebiet, wurde als Schmuckplatz nach dem Bebauungsplan von James Hobrecht 1862 angelegt, um die erste evangelische Pfarrkirche des Weddings aufzuwerten.
Die unter Denkmalschutz stehende Alte Nazarethkirche ist eine der vier Kirchbauten, die in den Jahren 1832-35 nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel in dem Gebiet der nördlichen Vorstädte am Rande der "Alten Stadt" entstanden ist. Die kunsthistorisch wertvolle Kirche des Weddings wurde im Stil einer alt-christlichen Basilika aus rötlich braunem Backstein erbaut. Heute werden die Innenräume der Kirche, neben der sakralen Nutzung, von einer Kita sowie als Begegnungsstätte und für Kulturveranstaltungen genutzt. Die angrenzende Bebauung um den Leopoldplatz bildet bis heute ein Wohn- und Arbeitsgebiet, in dem die geschlossene Blockbebauung aus der Zeit vor 1919 überwiegt.
Nördlich und nordwestlich der Müllerstraße schließen sich mehrere Blöcke der 1920er Jahre an das Gebiet an (u. a. von Paul Mebes und Paul Emmerich). Darunter auch innovative Besonderheiten wie die Wohnkuben Mies van der Rohes in der Afrikanischen Straße, das Schrader-Haus (1906) oder der ehemalige Straßenbahn-Betriebshof (1927) von dem Architekten Jean Krämer in der Müllerstraße. Auch die von Bruno Taut in den 1920er Jahren erbaute und 2008 zum
UNESCO Welterbe erklärte
Schillerpark-Siedlung ist nicht weit entfernt. Im Gebiet selbst finden sich mit den Wohnbauten des Architekten Glas an der Dubliner und Edinburger Straße (1928) und dem ehemaligen Weddinger Rathaus weitere bauliche Zeugnisse dieser gesellschaftlichen Umbruchzeit.
Im 2. Weltkrieg wurden etwa 30 % der Wohnungen im Gebiet zerstört. Dabei nahmen auch bedeutende Einzelbauwerke wie die Pharussäle (Hoppe 1907), von denen nunmehr nur noch das Vorderhaus übrig blieb, Schaden. Der Wiederaufbau im Gebiet orientierte sich weitgehend am historischen Stadtgrundriss.
Ziele und Schwerpunkte
Die Müllerstraße, mit 3,7 km die längste Straße des Stadtteils, durchquert den Wedding vom Nordrand an der Grenze zu Reinickendorf bis zum Weddingplatz im Süden. Die Straße ist mit ihren Geschäften und öffentlichen Einrichtungen die Hauptgeschäftsstraße des Weddings und ein Hauptzentrum Berlins. Sie zählt zu den Berliner Straßen mit dem höchsten Verkehrsaufkommen in der Stadt. Die Verkehrsbelastung, die sich wandelnde Sozialstruktur und die relativ periphere Lage belasten die Hauptstraße und ihre zentralörtliche Funktion zunehmend. Ein großer Handlungsbedarf besteht bei der Entwicklung und Belebung dieses Hauptzentrums.
Ein weiterer Schwerpunkt umfasst die Aufwertung als Wohnstandort. Im gesamten Gebiet gibt es noch Instandsetzungsbedarf bei der Wohnbausubstanz. Der Leerstand der wohngenutzten Gebäude liegt mit 10 - 15 % überdurchschnittlich hoch.
Die Qualifizierung und Verbesserung der Vernetzung der öffentlichen Räume ist ein weiterer Maßnahmeschwerpunkt. Auch bei den Einrichtungen der sozialen Infrastruktur besteht Erneuerungsbedarf.
Das Quartier Müllerstraße zählt zu den ersten Gebieten im Westteil von Berlin, die im Jahr 2009 in das Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz aufgenommen wurden. Ziel der Fördermaßnahmen aus dem Programm Städtebaulicher Denkmalschutz ist es, die Funktionsmängel im öffentlichen Raum und in der öffentlichen Infrastruktur zu beseitigen, so dass das Quartier insgesamt eine Aufwertung erfährt.
Projekte
Die denkmalgerechte Sanierung der Ernst-Schering-Oberschule in der Lütticher Straße 47-48 und der Brüder-Grimm-Grundschule, Tegeler Straße 18-19 zählen zu den ersten Maßnahmen im Gebiet, die im Rahmen des Programms Städtebaulicher Denkmalschutz gefördert werden.
Rechtsgrundlagen
Förmliche Festlegung als Sanierungsgebiet
- Zwölfte Verordnung über die förmliche Festlegung von Sanierungsgebieten und Festlegung und Ergänzung von Städtebaufördergebieten
Vorbereitende Untersuchungen
- Beginn vorbereitender Untersuchungen nach § 141 des Baugesetzbuches
Ausgewählte Fördervorhaben
Brüder-Grimm-Grundschule
Tegeler Straße 18-19
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Ernst-Schering-Oberschule
Lütticher Straße 47-48
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