Städtebau  

 

Gendarmenmarkt

Die Platzgestalt - Ein prächtiger Raum


Raumproportionen (3D-Modell); Grafik: Rehwaldt Landschaftsarchitekten
Raumproportionen (3D-Modell); Grafik: Rehwaldt Landschaftsarchitekten

Die Entstehung des Gendarmenmarktes als ein Element barocker Stadterweiterung prägt noch heute seinen städtebaulichen Charakter. Vor allem im Kontext benachbarter Stadträume wie dem Lustgarten, dem Bebelplatz und dem neu entstehenden Humboldtforum zeigt sich seine eigenständige Identität. Das Gegenüber der Dombauten und die charakteristische Nord-Süd-Ausrichtung sind wesentliche Merkmale, die den Gendarmenmarkt in besonderer Weise auszeichnen. Wie kein zweiter Platz präsentiert er auf eindrucksvolle Weise die repräsentative Architektur der klassizistischen Epoche. Die Erstreckung über drei Straßenquartiere der Friedrichstadt eröffnet einen weiten städtischen Raum, der die prachtvollen, sehr plastisch gegliederten Gebäude erst richtig zur Geltung bringt. Vor allem die Treppenanlagen der historischen Bauten unterstützen ihre repräsentative Wirkung. Sie sind nicht nur funktionale Zugänge und architektonisches Element, sondern er-möglichen es auch, den Platz aus einer erhöhten räumlichen Perspektive zu betrachten. Gleichzeitig erheben sich damit die Bauten auf einen hohen Sockel, was ihre würdevolle Wirkung noch unterstreicht.

Die in der städtebaulichen Figur ablesbaren Symmetrien sind ein wesentliches Merkmal der Raumgestalt. So stehen sich die Turmbauten mit ihren großzügigen Portiken in respektvollem Abstand gegenüber und geben somit erst dem Schauspielhaus die Möglichkeit zu seiner vollen architektonischen Wirkung. Die umgebende Platzrandbebauung unterstützt mit ihrer einheitlichen Traufhöhe das Konzept der Solitärbauten und gibt dem Platz einen würdigen Rahmen. So ist es noch heute ein großartiges Erlebnis, wenn man aus dem dichten Straßenraster der Friedrichstadt kommend unmittelbar auf den offenen, weiten Gendarmenmarkt gelangt. Wie in einer kostbaren Schatulle zeigen sich die Bauten in ihrer ganzen Schönheit und lassen sich von allen Seiten bewundern.

Neben den klaren Symmetrieachsen sind jedoch auch andere räumliche Merkmale ablesbar, die dem Platzraum zu einer differenzierteren Gliederung verhelfen. Während die östliche Platzhälfte sich sehr offen und repräsentativ zur Markgrafenstraße wendet, ist der westliche Platzbereich an der Charlottenstraße durch engere Raumstrukturen gekennzeichnet. Seinen Ursprung hat diese Situation in der Komposition der Dom- und Kirchenbauten, deren Türme sich in der östlichen Platzhälfte gegenüberstehen. Diese Asymmetrie wird auch durch die eindeutige Ausrichtung des Schauspielhauses unterstrichen, welches durch eine klare Unterscheidung in Vorder- und Rückseite gekennzeichnet ist. Das Raumkonzept der unterschiedlichen Platzseiten wirkt bis in den Straßenraum hinein und so kann heute vor allem von der Markgrafenstraße aus die "Schauseite" des Platzes erlebt werden, während gegenüber eher technische Funktionen dominieren.

Die reich gegliederten Baukörper mit ihren vornehmen Fassaden und vor allem den einladenden Portalen, Portiken und Freitreppen erfordern geradezu zwingend einen offenen, großzügigen Platzraum, um ihre Wirkung voll entfalten zu können. Daher wiegt es umso schwerer, wenn inzwischen einige ursprünglich wohlgemeinte Veränderungen das klare städtebauliche Bild des Gendarmenmarktes beeinträchtigen. So sind es vor allem die in den letzten Jahrzehnten zu dichten Dächern herangewachsenen Baumraster aus Kugel-Ahorn, die hauptsächlich an den Stirnseiten des Platzes und gerade an den so wichtigen Straßenecken die Fassaden der Kirchenbauten verdecken und wichtige Blickbeziehungen unterbrechen. Die sehr niedrigen Baumkronen können keine angemessenen Proportionen zu den mächtigen Gebäuden entwickeln und erzeugen eine bedrückende räumliche Atmosphäre. Zusätzlich sind diese Bereiche durch eine Stufenanlage vom Straßenraum abgetrennt, wodurch die teilweise beengte Situation noch verstärkt wird.

Der großzügige Platzbelag des Gendarmenmarktes unterstreicht die städtebauliche Grundidee und ist als ein übergreifendes Motiv in wohltuender Weise ablesbar. Er entspricht im Detail jedoch nicht mehr den heutigen Erwartungen an eine elegante und komfortabel nutzbare Oberfläche. Die sehr vielfältige Materialmischung konkurriert zur eleganten Fassadengliederung der historischen Bauten und kann in der Detailqualität den gestalterischen und funktionalen Anspruch der Gebäude nicht erreichen.

Die Ausstattungselemente im Bereich vor dem Schauspielhaus sowie an den Platzkanten zeugen von einer relativ einheitlichen Gestaltsprache und unterstreichen den repräsentativen Charakter des Gendarmenmarktes. Andererseits bilden vor allem die Kandelaber und Poller in ihrer kräftigen Ausformung teilweise Raumteilungen aus, die dem originären städtebaulichen Ansatz nicht entsprechen.

Letztlich sind es auch die teilweise sehr raumgreifenden Möblierungen, die den eigentlich sehr großzügigen Platz an einigen Orten wie "zugestellt" erscheinen lassen. Obwohl die vielen Restaurants und Cafés dem Platz erst zu seinem angenehmen urbanen Flair verhelfen, wird durch ausladende Sitzmöbel, übergroße Sonnenschirme oder umfangreiche Tresenanlagen der prächtige Stadtraum stellenweise empfindlich gestört.
 
 
Schattenbereiche unter Kugel-Ahorn; Foto: T. Rehwaldt
Schattenbereiche unter Kugel-Ahorn

Mosaikpflaster am Deutschen Dom; Foto: T. Rehwaldt
Mosaikpflaster am Deutschen Dom

Platzoberfäche; Foto: T. Rehwaldt
Platzoberfäche

Treppenstufen am Platzrand; Foto: T. Rehwaldt
Treppenstufen am Platzrand


Ausstattungselemente:

Ausstattungselemente: Kandelaber (Schinkellampe); Foto: T. Rehwaldt
Kandelaber (Schinkellampe)

Ausstattungselemente: Poller; Foto: T. Rehwaldt
Poller

Ausstattungselemente: Steinbänke; Foto: T. Rehwaldt
Steinbänke;

Alle Fotos: T. Rehwaldt