Städtebau  

 

Erweiterung Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße

Von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis 1945


Die Bernauer Straße in einem Ausschnitt aus dem Straubeplan (um 1910)
Die Bernauer Straße in einem Ausschnitt aus dem Straubeplan (um 1910)
Quelle: Landesarchiv Berlin, Kartenabt., Sign.: A 2012/2

Die Bernauer Straße existierte schon frühzeitig als Handels- und Heerweg zwischen Berlin und Orten in der Mark Brandenburg. Am 29. Mai 1862 erhielt sie ihren heutigen Namen und wurde als Verbindung zwischen dem 1841 gebauten Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) und einem Exerzierplatz (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark) ausgebaut. Sie führte durch zumeist noch unbebautes und unerschlossenes Gelände. Im frühen 18. Jahrhundert lagen nördlich der entlang der Linienstraße verlaufenden Stadtmauer, nach dem Gut Wedding hin, noch sandige Flächen. Zur Rekultivierung wurden seit 1751 Handwerker und Gärtner angesiedelt.

Seit 1808, als die preußische Städteordnung die Vorstädte den Städten zuschlug, gehörte die Siedlerkolonie verwaltungsmäßig zu Berlin, dabei wurde sie von „Neu-Vogtland“ in „Rosenthaler Vorstadt“ umbenannt. Im frühen 19. Jahrhundert dehnte sich die Bebauung entlang der Chausseestraße sowie der Garten-, Acker- und Brunnenstraße nach Norden aus. Hier entstanden zeitweise Barackensiedlungen, die von den zunehmend aus der Innenstadt verdrängten Stadtarmen und von zugewanderten Landflüchtigen bewohnt wurden. Die Baracken wurden seit 1820 durch die ersten Mietskasernen Berlins an der südlichen Gartenstraße ergänzt. Deren schlechter Ruf wurde von extrem verdichteten Hinterhausbebauungen wie dem berüchtigten „Meyers Hof“ geprägt. 1861 wurde auch der Gutsbezirk Wedding nach Berlin eingemeindet und in das Gebiet einbezogen, für das James Hobrecht 1862 einen flächendeckenden Bebauungsplan entwarf. Das Zusammenwachsen von Innenstadt und Vorstadt wurde durch den 1867 erfolgten Abriss der das alte Berlin umgebenden Zollmauer erleichtert.

Vor allem an der Chausseestraße siedelten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der beginnenden Industrialisierung Schwerindustrieunternehmen wie Borsig an, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts schrittweise an periphere Standorte in der Stadtregion verlagert wurden. Ein AEG-Standort auf einem früheren Schlachthofgelände am Volkspark Humboldthain prägte jedoch das Viertel zwischen Brunnen- und Hussitenstraße bis lange nach dem 2. Weltkrieg.

Die Rosenthaler Vorstadt gehörte bis ins 19. Jahrhundert zur Sophiengemeinde, die 1827 den heute noch bestehenden Friedhof zwischen Berg- und Ackerstraße anlegen ließ, der 1852 bis zur heutigen Bernauer Straße erweitert wurde. 1835 entstand eine Tochtergemeinde St. Elisabeth, die zwischen Acker- und Strelitzer Straße einen weiteren Friedhof schuf. Auf Initiative von Wilhelm Boegehold, seit 1863 Pastor der Elisabethgemeinde und gleichzeitig im Vorstand eines Armen-Unterstützungs-Vereins, wurde das evangelische Lazarus-Krankenhaus an der Bernauer Straße gegründet. Erweiterungen erfolgten bis 1914.

Die 1893 geweihte Sebastianskirche am Gartenplatz war die erste katholische Kirche im Berliner Norden. Die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße 4 wurde 1894 eingeweiht. Der 1902 aus der Versöhnungsgemeinde hervorgegangene „Vaterländische Bauverein“ errichtete 1906 für „christlich-nationale Arbeiter“, Angestellte und Beamte an Acker- und Hussitenstraße Wohnbauten, die sich vom Mietskasernenstil abwendeten. Eine weitere Initiative zur Bekämpfung der städtischen Armut und zur Missionierung der Armen zog 1902 von der Kreuzberger Oranienstraße in die Ackerstraße 52. In der „Schrippenkirche“ wurden eine Arbeitsvermittlung und eine Unterkunft für obdachlose Jugendliche eingerichtet.

Eine Linie der bis etwa 1900 mit Pferden und seit dem elektrisch betriebenen Straßenbahn führte seit 1873 vom Rosenthaler Platz über die Brunnenstraße bis kurz hinter den Gesundbrunnen. 1934 verbanden mehr als ein Dutzend Straßenbahnlinien das Viertel mit anderen Stadtteilen. Seit 1896 war der Stettiner Bahnhof auch Endpunkt der Vorortlinie der Eisenbahn nach Bernau, einem Vorläufer der S-Bahn. 1936 wurde durch den Nord-Süd-Tunnel ein durchgehender S-Bahn-Verkehr zwischen den nördlichen und südlichen Stadtrandvierteln und Vororten ermöglicht, der am Stettiner Bahnhof einen Haltepunkt besaß (heute S-Bahnhof Nordbahnhof). In den zwanziger Jahren kam eine U-Bahn-Linie (heutige Linie 6) hinzu, die 1930 durch eine weitere von Norden nach Süden verlaufende Linie (heutige Linie 8 mit Bahnhof Bernauer Straße an der Ecke Brunnenstraße) ergänzt wurde. Aus den Streckenführungen der Eisenbahnlinien ergaben sich für das Stadtviertel nördlich der Bernauer Straße erhebliche Konsequenzen für die stadträumliche Anbindung. Der Stettiner Bahnhof im Westen, die Ringbahn im Norden und die Nordbahn im Osten mit wenigen Querungsmöglichkeiten bildeten deutliche Begrenzungen des sozialen Raums. 1920 wurde bei der Bildung von Groß-Berlin eine Bezirksgrenze entlang der Bernauer Straße gezogen. Der südliche Teil des Stadtviertels wurde dem Stadtbezirk Mitte zugeschlagen und der nördliche Teil wurde Bestandteil des Bezirks Wedding. Bei Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten Ende der 30er Jahre wurde das Bild vom „Roten Wedding“ als Hochburg der deutschen Arbeiterklasse geprägt.