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Leitlinien für die City West

Thematische Schwerpunkte


Aus den Ergebnissen der sektoralen Untersuchung wurden vier thematische Schwerpunkte abgeleitet: „Vielfalt in der Vielfalt”, „Bühne-Flair-Image”, „Dynamik-Wandel-Stabilität” und „Cityfunktion und Wohnen” sind Themenbündel, die die City West charakterisieren.


Vielfalt in der Vielfalt

Vielfalt in der Vielfalt ist eines der zentralen Qualitätsmerkmale der City West. Die vielen Facetten, Dimensionen und Ebenen der City West betreffen baulich-räumliche Gegebenheiten ebenso wie die Angebote und die Optionen der Nutzung. Vor allem aber beschreiben sie die Menschen – vom Kurzbesucher bis zum langjährigen Bewohner: Die Nutzergruppen divergieren stark. Mit ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergründen haben die Nutzerinnen und Nutzer teils deckungsgleiche, teils konträre Wünsche und Bedürfnisse. Sie sind dabei gleichzeitig Konsumenten und Motor der Vielfalt.
Internationalität ist ein besonderes Charakteristikum aller Nutzergruppen der City West. Sie spiegelt sich in Bildungsangeboten und öffentlichen Einrichtungen ebenso wie im Waren- und Dienstleistungsangebot.

Die Einrichtungen für Kultur, Wissen und Bildung könnten indes noch 3x stärker als bisher zu Impulsgebern der künftigen Entwicklung werden. Schon heute existiert ein breites Angebot an Orten des Wissens für unterschiedliche Nutzergruppen. Eine engere Verflechtung könnte dies in der öffentlichen Wahrnehmung verankern und damit auf breiterer Basis bekannt und zugänglich machen.
Auch die Kulturstandorte sollten ihrer Bedeutung entsprechend für den öffentlichen Raum wirksam werden.
Besondere Einzelhandelsformate, die es in der City West in großer Anzahl gibt, sind ein weiteres prägendes Merkmal. Teils bilden sich Cluster, bei denen man prüfen muss, inwieweit sie Tragfähigkeit für Projektansätze versprechen.
Die quantitativen und qualitativen Aspekte des Angebots in allen Nutzungsbereichen – vom Einkaufen bis zu den Zentrumsfunktionen, vom Tourismus bis zum Wohnen – müssen regelmäßig geprüft werden, um den Mix auch in Zukunft stimmig zu halten und wo nötig anzupassen.

Bühne - Flair – Image


„Sehen und gesehen werden” hat rings um den Kurfürstendamm eine lange Tradition. Das bezieht unterschiedlichste Formen aus den Bereichen Kultur, Freizeit, Politik und Sport ein. Vor allem der Kurfürstendamm selbst gilt als Bühne, die weit über die Stadt hinaus wirkt, Darsteller anlockt, im Blickpunkt steht und so maßgeblich zum Image von Berlin beiträgt. Das belegen zahlreiche stark frequentierte Veranstaltungen wie die Parade zum Christopher Street Day, die „Global City”, die Lange Nacht des Shoppings, die Lange Nacht der Wissenschaften und Sportveranstaltungen.
Das Image der City West und diese Funktion als Bühne hängen sehr stark mit assoziativen Bildern zusammen, die wiederum den Ort in seiner Funktion befruchten. In den Köpfen der Berliner und ihrer Gäste spielen sich Autocorsos oder die ehemalige Love Parade vor der Kulisse des Kurfürstendamms und der Gedächtniskirche ab. Beide werden damit symbolische Orte, die in Ausstrahlung und Wiedererkennungswert auf ähnlicher Stufe wie das Brandenburger Tor oder das Reichstagsgebäude stehen. Auch nach dem Fall der Berliner Mauer und der Konzentration von Politik und Verwaltung in der historischen Mitte hat sich diese Anziehungskraft der City West als öffentliche Bühne erhalten.

Das besondere Flair der City West resultiert dabei aus der Mischung von großen Anziehungspunkten und kleinteiliger Nutzungsmischung. Es ist diese Mischung, die Internationalität und Weltoffenheit ausstrahlt.
Um die Bühnenfunktion zu erhalten und weiterzuentwickeln scheint es wichtig, die Mischung aus Kultur, Freizeit, Shopping, publikums- und mediensträchtigen Veranstaltungen und Ereignissen zu pflegen, die öffentlichen Räume attraktiver zu gestalten und bestehende Konzepte – wie die Lange Nacht des Shopping – ständig behutsam zu modernisieren.

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Dynamik - Wandel – Stabilität


In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es zuweilen, als sei Berlin an anderen Orten dynamisch, trendig und modern, während die City West den Dornröschenschlaf des Etablierten schlummere. Das stimmt so nicht. Schon der Umfang der Bauprojekte, die seit 1990 hier geplant und realisiert wurden, widerspricht diesem Eindruck. Die Zahl der allein 2007 neu eröffneten Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe oder die Spin-Offs der Technischen Universität belegen: Auch in der City West gibt es viel Dynamik.

Die Joachimstaler Straße und ihre Kreuzung mit dem Kurfürstendamm haben durch Neubauten ein neues Gesicht bekommen. Mehr als andere steht dieser Ort derzeit für die moderne City West. Doch auch die Tauentzien- und die Wilmersdorfer Straße haben in den letzten Jahren ihr Aussehen merklich verändert.
Wenn die geplanten Leuchtturmprojekte erst realisiert sind, wird die Kernzone der City West weiter gewinnen und ihr Erscheinungsbild sich weiter modernisieren. Das ist wichtig, um das Image des kaum veränderten Zentrums des alten West-Berlins vollends zu überwinden.

Der Wandel der City West verläuft stetiger, kleinteiliger und bestandsorientierter als anderswo, und er verteilt sich in einem stabilen Infrastrukturgerüst über eine größere Fläche. Deshalb gerät diese durchaus dynamische Entwicklung nicht so leicht ins Blickfeld von Medien und Öffentlichkeit. Projekte wie der Umbau des Abspannwerks Leibnizstraße zum MetaHaus, das heute eine Designagentur beherbergt (2001, Kahlfeldt Architekten), oder die Umnutzung des alten Kammergerichts am Lietzensee zum Wohnprojekt Atrion (2009, Architekt: Fuchshuber & Partner) belegen: Auch in Streulagen besteht eine kontinuierliche Bereitschaft zur Veränderung, erhalten unkonventionelle und innovative Konzepte eine Chance.

Doch nicht nur Wandlungsfähigkeit und dynamische Entwicklung sind Qualitätsmerkmale der City West: Die Basis bildet eine hohe Stabilität. Stabilisierend wirken die kleinteilige Parzellenstruktur, die häufig den Rahmen für Art und Umfang der Veränderungen mitbestimmt, der hohe Wohnanteil mit einer etablierten Wohnbevölkerung, die vielfältigen Nutzergruppen und die damit verbundenen überörtlichen Funktionen.

Der positiven Dynamik stehen Fluktuation, Kinoschließungen, der Wegzug von Bewohnern und das Verschwinden alteingesessener Läden gegenüber. Die Balance zwischen den Belangen von Wirtschaft, Tourismus und Verkehr einerseits und Kultur und Wohnen andererseits zu erhalten, ist entscheidend für die Qualität der City West. Das gilt für ihre Nutzungen ebenso wie für ihre baulich-räumliche Beschaffenheit.

Cityfunktionen und Wohnen

Überörtliche und internationale Aktivitäten findet man in der City West vor allem entlang der Primärräume, also der wichtigen Ost-West-Straßen. Im Netz kleinerer Straßen dazwischen sind die Nutzungen von lokaler Bedeutung beheimatet. Das ist eine vereinfachte, im Kern aber richtige Aussage. Aus der hochrangigen Bedeutung der Primärräume kann man die Idee ableiten, die übergeordneten Räume in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken und mit der künftigen Entwicklung genau hier anzusetzen – mit Vorschlägen, Konzepten und Strategien zur Nutzung, zur baulichen Veränderung oder zur Gestaltung der öffentlichen Bereiche in diesen Räumen.
Doch die City West ist in besonderem Maße ein Ort zum Wohnen. Diese Qualität trägt entscheidend zu ihrer Lebendigkeit bei, gibt ihr Atmosphäre und hat ihren ausgezeichneten baulich-räumlichen Charakter beeinflusst.
Deshalb ist ein komplementärer Ansatz aus der Perspektive des Wohnens und der Bewohnerinnen und Bewohner unabdingbar. Das augenblickliche Wohnungsangebot muss in Bezug auf Wohnungsgrößen, Wohnformen und -typologien näher untersucht werden. Besonders gilt das für Zukunftsfragen wie den demografischen Wandel und den sich daraus ableitenden Ansprüchen vom Mehrgenerationenwohnen bis zum Familien- und studentischen Wohnen, aber auch die Umnutzung und den Umbau vorhandener (Nachkriegs-)Bauten. Die Zukunftsfähigkeit der City West wird mit von den Entwicklungen in diesem Sektor abhängen.
Wo sich hochrangige Zentrumsfunktionen und großstädtisches Wohnen auf so einmalige und charakteristische Weise verbinden, muss ein Leitbild beide Ansätze verfolgen. In bestimmten Bereichen werden sie sich – entsprechend der gewachsenen Struktur der City West – überschneiden und vermischen, an manchen Orten auch widersprüchlich erscheinen. Das ist dem komplexen, keineswegs widerspruchsfreien Charakter eines städtischen Zentrums geschuldet, in dem das Gegenteil bisweilen eben auch wahr sein kann.