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Leitlinien für die City West

Sektorale Bestandsaufnahme und Bewertung


Die Arbeit an den Leitlinien stützte sich auf sektorale Vertiefungen, die auf der SWOT-Analyse aufbauten. Untersucht wurden dabei die Stadtstruktur, baulich-räumliche Merkmale, Freiräume und Stadtgrün, Verkehr, Sozial- und Bewohnerstruktur sowie die Nutzungsstruktur.


Stadtstruktur


Im Zuge der historischen Entwicklung bildete sich eine markante Stadtstruktur. Das System öffentlicher Räume, das ihr zugrunde liegt, besteht aus dominanten, übergeordneten Primärräumen und einem dichten Netz aus Gründerzeitstrukturen, das sich zwischen ihnen spannt.

Die linearen, oft repräsentativen Primärräume verlaufen meist in ost-westlicher Richtung. Beispiele dafür sind der Kurfürstendamm, die Bismarckstraße und der Landwehrkanal. Einrichtungen überlokaler Bedeutung liegen oft an den übergeordneten städtischen Räumen. Die Primärräume tragen so erheblich zum positiven Image der City West bei. Als hochrangige öffentliche Räume sind sie in ihrer jeweiligen Eigenart möglichst zu stärken und qualitativ weiterzuentwickeln.

Die Primärräume durchqueren die City West und stellen die Verbindung zu benachbarten Räumen her. Fragen der Ein- und Zugänge zum Quartier sind deshalb nur in engem Zusammenhang mit den Primärräumen zu klären. Für die Übergänge und Verflechtungsbereiche (wie zum Beispiel der Lehniner oder der Lützowplatz) müssen vor diesem Hintergrund Konzepte entwickelt werden.

Die weiterreichenden Nord-Süd-Straßen des Netzes haben sehr unterschiedlichen Charakter. Teils dominiert starker Verkehr, wie in der Lewishamstraße, teils bestimmt hochwertiges städtisches Flair das Bild wie im Fall der Fasanenstraße. Die Nord-Süd-Straßen erfordern deshalb eine differenzierte Betrachtung und jeweils spezifische Maßnahmen.

Das Netz aus Primärräumen und Gründerzeitstraßen und -strukturen entspricht der Colin Rowe´schen Collage aus historischer Blockstruktur und City-Knoten, wie sie bereits das „Planwerk Innenstadt” von 1999 beschreibt. Diese „City-Knoten” entstanden aus Konzepten der 1950er und 1960er Jahre, die an bestimmten Orten zur „Kollision von Objekt und Textur” führten. Bis heute sind die damit verbundenen Aufgaben vielfach ungelöst und und müssen überprüft und bearbeitet werden – so am Ernst-Reuter-Platz am Breitscheid- und Hardenbergplatz und An der Urania.

Baulich-räumliche Merkmale

Die baulich-räumliche Struktur der Gründerzeitquartiere ist an vielen Stellen der City West erhalten. Die Straßenquerschnitte sind breiter als in der historischen Mitte Berlins. Ausladende Gehwege und viele Bäume prägen das Bild. Die homogene Bebauung in großen Blockstrukturen sah vor allem Wohnhäuser oder Wohn- und Geschäftshäuser vor. Die Traufhöhe der meisten Gebäude liegt bei 22 Metern. Ihre Fassaden zeigen häufig den für die Gründer- und Kaiserzeit typischen Stilpluralismus – oft mit üppiger, repräsentativer Geste.

Die weite und offene Struktur der Straßen und Platzräume setzt sich in den Grundrissen und im Inneren der Blöcke fort. Das urbane Potenzial dieser Stadtstruktur ist groß, weil sich die Mischnutzung bis heute erhalten hat. Lediglich an den Schnittstellen mit den Straßendurchbrüchen der Nachkriegsmoderne (zum Beispiel An der Urania) ergeben sich Schwächen.

Einige Teile der City West wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Wiederaufbau folgte meist den historischen Fluchtlinien des gründerzeitlichen Straßenrasters. Ausnahmen sind unter anderem der Ernst-Reuter-Platz und der Breitscheidplatz, die im damaligen Stil der aufgelockerten Stadt angelegt wurden. Dabei ersetzte – den Vorstellungen jener Zeit folgend – eine klare Funktionstrennung die überkommene Mischnutzung.

Trotz solcher Brüche fügt sich die Vielfalt baulich-räumlicher Strukturen fast überall zu einem selbstverständlichen Miteinander. Mit ihrem abgestuften Netzwerk öffentlicher Räume, den Gründerzeitbauten und den Solitären der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügt die City West über ein Stadtbild von außerordentlicher Prägnanz. Es sind weniger einzelne städtebauliche Dominanten, die dieses Stadtbild prägen, als die Summe seiner Einzelteile.

Die qualitätsvollen architektonischen Zeitschichten unterschiedlicher Epochen stellen indes auch entsprechend hohe Anforderungen an Neubauprojekte jeder Dimension.

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Freiräume und Stadtgrün


Die Freiraumstruktur prägt entscheidend die Wirkung des öffentlichen Raums und die Aufenthalts- und Wohnqualität der City West. Dies ist einer der Unterschiede zur historischen Mitte.

Wichtige Grünanlagen wie der Große Tiergarten, der Schlosspark Charlottenburg, der Lietzensee, Zoologischer Garten und der Preußenpark liegen meist an den Rändern der City West. Viele von ihnen sind als Gartendenkmal geschützt. Eine kleinteilige Grünstruktur aus oft historischen Plätzen, Spielplätzen und Alleebepflanzungen oder Einzelbäumen, aus Vorgärten und begrünten Fassaden charakterisiert das Gebiet im Innern.

Eine Besonderheit ist die große Vielfalt an Platzräumen. Gründerzeitlich geprägte Plätze stehen komplementär zu Plätzen der Nachkriegsmoderne und der jüngsten Vergangenheit. Außergewöhnlich sind die kleineren Plätze und Erweiterungen entlang des Kurfürstendamms wie der George-Grosz-Platz oder die Ecke zur Leibnizstraße. Sie entstehen durch das Aufeinandertreffen leicht voneinander abweichender Blockstrukturen.

Zu dem differenzierten Angebot städtischer Grün- und Freiräume gehören auch „Grüne Hauptwege” und Lauf- und Joggingstrecken. Sie binden die City West in ein gesamtstädtisches Netz ein und erhöhen die Nutzungsqualität für Fußgänger und Radfahrer.

Der Erhalt, die Ergänzung und die weitere Qualifizierung der Grünstrukturen – so das Ergebnis dieser Überlegungen – ist ein wichtiges Thema für die künftige Entwicklung. Gerade die Stadtplätze müssen in punkto Aufenthaltsqualität, Nutzung und baulichem Zustand überprüft werden.

Über eine Grünverbindung entlang der S-Bahn-Trasse ließen sich die Freiräume am Rand vernetzen. Weiteres Augenmerk muss bei der künftigen Entwicklung dem Straßenbegleitgrün gelten – etwa den überdimensionierten Flächen im östlichen Teil der Lietzenburger Straße und auf der Straße An der Urania oder den Hochbeeten der Kantstraße.

Verkehr


Die City West ist hervorragend an die überregionalen Verkehrsnetze angebunden und ebenso gut in die Verkehrsstrukturen der Stadt eingebettet. Straßen, Busspuren, Fußgängerbereiche, Radwege, Tempo 30-Zonen und Parkhäuser bilden zusammen mit Knoten des Öffentlichen Nahverkehrs und des motorisierten Individualverkehrs die heterogene und feinkörnige Verkehrslandschaft der City West.

Der motorisierte Individualverkehr (Pkw, Lkw und Motorräder) erreicht die City West über die Hauptstraßen und den Stadtring. Es gibt gleich mehrere Autobahnanschlüsse an den Stadtring und in Richtung Westen, zur Avus. Der „eigene” Autobahnanschluss Kurfürstendamm ist dabei eher für das Image des Standorts wichtig, als für den Verkehr. Stellplätze für PKW gibt es genug. Ein hoher Anteil davon liegt in Parkhäusern.

Das Netz des öffentlichen Personennahverkehrs ist besonders engmaschig. Auch für den Regionalverkehr besteht eine attraktive Anbindung.

Die Erreichbarkeit der City West mit dem öffentlichen Fernverkehr hat sich etwas verschlechtert, seit der Bahnhof Zoo kein Fernbahnhof mehr ist. Auch die Schließung der Flughäfen Tempelhof (2008) und Tegel (geplant für 2011) wirkt sich in dieser Hinsicht aus.

Der Stadtentwicklungsplan Verkehr zielt darauf, den Durchgangsverkehr in der City West zu verringern, ohne ihre gute Erreichbarkeit zu schmälern.

Die SWOT-Analyse hatte gezeigt, dass viele mit dem Fahrrad oder zu Fuß in die City West kommen. Diese Verkehre haben zugenommen und werden durch die Umsetzung der Radwegeplanung weiter unterstützt. Auch die angemessene Gestaltung öffentlicher Räume für Fußgänger und Radfahrer sollte deshalb in die Leitlinien einfließen.

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Sozialstruktur – Die Bewohner

Die Menschen in der City West sind älter als im Durchschnitt der Stadt. Das statistische Durchschnittsalter liegt in Charlottenburg-Wilmersdorfer bei 44,6 Jahren, in Berlin bei 42,4 Jahren. Zugleich liegt aber – fast in der gesamten City West – der Anteil der Senioren wie der Anteil an Kindern und Jugendlichen unter dem Berliner Durchschnitt. Und Familien mit mehreren Kleinkindern ziehen seltener aus der City West fort als nach dem Durchschnitt aller Berliner Stadtteile zu erwarten wäre. Ob der „Babyboom”, den die Statistiker zuletzt vermeldet haben, in der City West eine Trendwende für die Bevölkerungsstruktur bedeutet, ist noch unklar.

Der überdurchschnittliche Anteil an Ausländerhaushalten, den die SWOT-Analyse belegte, ist an einem so internationalen Standort durchaus zu erwarten.

Überraschend sind die Zahlen zur Kaufkraft. Sie liegen geringfügig unter der Berliner Vergleichszahl – mit einer deutlichen Tendenz nach unten.

Insgesamt wirkt der hohe Anteil an etablierter Wohnbevölkerung stabilisierend. Die Wohnungstypologien müssen aber für die Zukunft ausdifferenziert werden. Besonders familienfreundliche und generationenübergreifende Angebote werden benötigt.

Nutzungsstruktur


Eine sehr spezielle Nutzungsmischung erzeugt die besondere Atmosphäre der City West. Zu ihren Besonderheiten gehören
  • die Kleinteiligkeit der Strukturen
  • die Vielfalt der Angebote
  • und die Vielfalt der Zielgruppen.

Die City West bietet Bewohnerinnen und Bewohnern genauso viel wie Besucherinnen und Besuchern. Und bedient dabei die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen.

Bemerkenswert ist der hohe Wohnanteil im Gebiet. Er übersteigt (bezogen auf die Anzahl der Nutzungseinheiten) auch in unmittelbarer Nähe zum Kurfürstendamm in der Regel die 70-Prozent-Marke. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal – und ein Faktor, der die City West stützt.

Wesentliche Impulse für die Entwicklung der City West liefern derzeit der Einzelhandel und der Tourismus. Gerade im Einzelhandel sind renommierte Adressen entstanden oder im Entstehen. Dennoch stehen mancherorts besonders Büro- und Ladenflächen leer. Sie bieten Chancen für innovative Konzepte und das Entstehen neuer Adressen.

Hauptstädtische Zentrumsfunktionen wie Kultur, Wissenschaft, Forschung und Bildung, Tourismus und Freizeit liegen in der City West in direkter Nachbarschaft, teils überlappen sie sich räumlich, teils überschneiden sich die Angebote örtlich und räumlich. Besonders die Zentrumsfunktionen am östlichen Rand der City West könnten künftig noch stärker zur Weiterentwicklung der Nutzungsstruktur beitragen.

Erdgeschosszonen tragen wesentlich zur urbanen Atmosphäre bei. Ihre Untersuchung ergab in der City West ein vielseitiges Bild:
Geschäftsstraßen wechseln sich mit ruhigeren Wohnstraßen ab. In einigen Bereichen könnten die Erdgeschosszonen attraktiver gestaltet werden.

Das Spektrum der Nutzer reicht von internationalen Besucherinnen und Besuchern über die hier arbeitenden Menschen aus anderen Bezirken und dem Umland bis hin zu jenen, die in der City West zuhause sind.

Die Einrichtungen und Räume von internationaler, landesweiter, regionaler, gesamtstädtischer und lokaler Bedeutung müssen den jeweiligen Ansprüchen dieser Nutzer genügen. Und sie sollen an Zukunftsfähigkeit und Attraktivität gewinnen. Besonderes Augenmerk liegt auf der City West als Standort von Arbeitsplätzen. Auch hier ermöglicht die Nutzungsvielfalt ein vielschichtiges Angebot.
Karte der Planwerke mit Fokus auf die City West

Inhalt



Glossar

Colin Rowésche Collage
bezieht sich auf ein 1978 unter dem Titel „Collage City” verfasstes Essay, in dem es um die kritische Auseinandersetzung mit dem Städtebau der Moderne geht.