Städtebau  
 

Hauptstadt Berlin - Entwicklungsmaßnahme 1993 bis 2013

Titelbild Karte mit Zeitlinie Regierungsviertel
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Altes und Neues


Wir haben heute abzuwägen, ob es in Berlin so wenig moderne Architektur gibt, dass wir die Chance verspielen dürfen, die entsetzlich klaffende städtebauliche Wunde im Herzen Berlins mit historischen Fassaden zu schließen.
Dietmar Kansy, 2001


Pariser Platz und Brandenburger Tor in den Jahren 1991 und 2013
Pariser Platz und Brandenburger Tor in den Jahren 1991 (© T. Platow) und 2013 (© DSK)

Exemplarisch lässt sich das Zusammenwachsen von Alt und Neu am Pariser Platz nachvollziehen. Einst als "Empfangssalon" Berlins angesehen, dann mit dem Brandenburger Tor als Teil der Grenzanlage in eine Abseitslage gedrängt und nicht mehr zugänglich, war die Neugestaltung dieses symbolträchtigen Platzes eine zentrale Station auf dem Weg Berlins zur neuen, vereinigten Hauptstadt. Der Grundriss wurde beibehalten, der Platz erhielt seine beiden Brunnen zurück. Institutionen wie das Hotel Adlon, die Akademie der Künste, Amerikanische und Französische Botschaft sowie Haus Sommer und Haus Liebermann sahen sich durch die städtebaulichen Initiativen ermutigt, mit Neubauten an ihren angestammten Ort am Pariser Platz zurückzukehren. Mal bleiben die historischen Maße und Proportionen gewahrt, dann werden – etwa bei der DZ-Bank von Frank Gehry – eigenwillige Formenspiele sichtbar. Mit diesem Facettenreichtum urbaner Architektur bietet der Pariser Platz heute einen anschaulichen Beweis für die gelungene Umsetzung des Konzepts einer Integration der neuen Hauptstadt in das alte, nunmehr wiedergewonnene Berlin. Über den Pflasterbelag auf dem Pariser Platz wurde lange und leidenschaftlich diskutiert. Schließlich ist eine städtebauliche und räumliche Umgestaltung, die sowohl historische Dimensionen einbezieht als auch aktuellen Ansprüchen genügt, nicht ohne Konflikte zu erreichen.

Bei allen Auseinandersetzungen aber stand in Berlin eines nie in Frage: der Wiederaufbau weitgehend historischer Strukturen. Strittig war und blieb diese Grundsatzentscheidung in Einzelfällen, etwa bei der Entwicklung des Schlossplatzes zum künftigen Humboldtforum. Zwar hatte bereits der erste städtebauliche Wettbewerb zur Spreeinsel im Jahr 1994 den Abriss des Palastes der Republik und den Neubau des Stadtschlosses zum Ergebnis gehabt. Über diese Planung wird bis heute gestritten, doch ab November 2003 wurden Tatsachen geschaffen: Der Deutsche Bundestag hatte für den Abriss gestimmt und eine "gärtnerische Übergangsnutzung des gesamten Areals" beschlossen. Nach umfangreichen Vorbereitungen erwiesen sich die eigentlichen Abrissarbeiten als sehr aufwendig, handelte es sich beim einstigen Sitz der DDR-Volkskammer doch um ein Bauwerk von 32 Meter Höhe auf einer Grundfläche von 180 mal 87 Meter, errichtet auf einer Fundamentplatte aus Stahlbeton mit großen Mengen von verbautem hoch gesundheitsschädlichem Asbest.

Rückbau des Palastes der Republik, 2008
Rückbau des Palastes der Republik   © DSK, 2008

Mit Abschluss der Abrissarbeiten im März 2009 war der ehemalige Marx-Engels-Platz – 1994 wieder in Schlossplatz umbenannt – freigeräumt für eine Rekonstruktion des Schlosses am historischen Ort und in der früheren äußeren Gestalt.

Zuvor jedoch wurden auch an dieser prominenten innerstädtischen Stätte Zwischennutzungen ermöglicht mit der Schlossplatzwiese, die nach den Planungen von relais Landschaftsarchitekten mit Rasenflächen und Holzstegen gestaltet wurde. Fast täglich von hunderten von Berlinern und Touristen aufgesucht, musste das innerstädtische Grün nun aber aufgegeben werden für die Realisierung des Komplexes rund um das Stadtschloss. Einen Eindruck von diesem zukünftigen Humboldtforum vermittelt bereits jetzt der mehrstöckige Info-Pavillon der Humboldt-Box.

Text: Jochen Stöckmann
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