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St. Johannis-Kirchhof

Obj.-Dok.-Nr.: 09050170,T
Bezirk: Mitte
Ortsteil: Moabit
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 23 & 23A & 24 & 25
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Kirche & Gemeindehaus & Küsterhaus & Schule & Turnhalle & Arkadengang
Entwurf: Schinkel, Karl Friedrich (Architekt)
Entwurf: Stüler, Friedrich August (Architekt)
Umbau: Bartning, Otto & Roth, Werry & Dörzbach, Rudolf (Architekt)
Literatur:
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite 42ff dort weiterführende Literaturangaben
  • Dehio, Berlin, 1994 / Seite 228
  • Reclam Berlin, 1991 / Seite 189
  • Architekturführer Berlin, 1994 / Seite 171
  • Segers-Glocke, Karl-Friedrich Schinkel - Vorstadtkirchen, 1981Kühne, Stephani/ Kirchen, 1986 / Seite 266-268
  • Klinkott/ Backsteinbaukunst, 1988 / Seite 104-106
  • Krüger, Jürgen, Rom und Jerusalem. Kirchenbauvorstellungen der Hohenzollern im 19. Jahrhundert, Berlin 1995Franz-Duhme/Röper-Vogt/ Schinkels Vorstadtkirchen, 1991Katamon Exposé / Seite 211-214
  • Topographie Mitte/Tiergarten, 2005

Zu den vier evangelischen Vorstadtkirchen, die König Friedrich Wilhelm III. 1832-35 in den nördlichen Vororten Berlins errichten ließ, gehört die St. Johannis-Kirche. (1) Der vom König beauftragte Architekt, Karl Friedrich Schinkel, ordnete den Kirchenbau geschickt in der Achse der Kirchstraße an. Am Rand des Kleinen Tiergartens bildet die ursprünglich bescheidene Vorstadtkirche zusammen mit den Ergänzungsbauten eine eindrucksvolle Baugruppe. Das ausgedehnte Grundstück Alt-Moabit 23-25 wird im Osten von der Wilsnacker Straße, im Westen vom Kleinen Tiergarten und im Norden von einem Schulgebäude begrenzt. Der schlanke Campanile von Friedrich August Stüler gibt der malerischen Baugruppe eine stadtbildprägende Wirkung. Die von Karl Friedrich Schinkel nach frühchristlichen Vorbildern gestaltete Backsteinkirche steht im Mittelpunkt der Anlage. Mit der kompakten Grundform, der schlichten, aber würdevollen Bauweise und dem einfachen Grundriss gleicht der 1832-35 ausgeführte Kirchenbau den drei anderen zeitgleich errichteten Vorstadtkirchen (St. Elisabeth in der Rosenthaler Vorstadt, St. Paul am Gesundbrunnen, Nazarethkirche im Wedding). Ursprünglich bestand St. Johannis nur aus einem turmlosen Saalbau mit halbrunder Apsis und Satteldach. Im Unterschied zu den anderen Vorstadtkirchen, die mit Kassettendecken ausgestattet waren, hatte Schinkel einen offenen Dachstuhl mit sichtbaren Rundbogenbindern ausgebildet. Der Außenbau gleicht der Nazarethkirche im Wedding. Über dem Haupteingang an der Stirnseite öffnet sich eine große Fensterrose, während die Längsseiten durch Rundbogenfenster in zwei übereinander liegenden Reihen gegliedert werden. Die Formgebung erinnert an die spätantike römische Architektur. (2)

Die Architekten der späteren Erweiterungen hielten sich an die Formenwelt Schinkels. Behutsam ging Friedrich August Stüler vor, der die Pfarrkirche 1851-57 um Schule, Turm, Pfarrhaus und Arkadengang ergänzte und damit ein malerisches Ensemble schuf. (3) Ausgangspunkt war das Kirchenbauprogramm von König Friedrich Wilhelm IV., der die Absicht hatte, wenig religiöse Bewohner Berlins mit neuen kirchlichen Einrichtungen zum Glauben zurückzuführen und die Seelsorge stärker mit der Kranken- und Armenpflege zu verbinden. Diesen Vorstellungen folgend, wurde die Pfarrkirche des Vororts Moabit zu einer "Missionsstation" ausgebaut, bei der sich Kirche, Pfarr- und Schulhaus zu einer architektonisch ganzheitlichen Baugruppe vereinen. Friedrich August Stüler legte dem Kirchenportal eine offene Eingangshalle mit einem nach dem Vorbild Palladios geschaffenen Torbogen und Figurenschmuck vor und wiederholte dabei den Dreiecksgiebel der Kirche, um die Mittelachse zu betonen. Der von der Eingangshalle abgehende Arkadengang verbindet die Kirche mit den seitlich angeordneten Gebäuden, dem Pfarrhaus links und dem Schulgebäude rechts. An das Pfarrhaus schließt sich ein schlanker Campanile nach lombardisch-venezianischem Muster an, der mit dem achteckigen Aufsatz und der kupfergedeckten Haube außerordentlich hoch aufragt. (4) Der König hatte sich eigentlich ein Atrium gewünscht, für das aber aufgrund der begrenzten Grundstücksfläche der Platz fehlte. Friedrich August Stüler versuchte, durch Baumassengliederung und Materialwechsel einen Ausgleich zu finden. Vorhalle und Arkadengang, die einen beschaulichen Ruhebereich bilden, schirmen die Pfarrkirche von der Straße ab. Zugleich wird durch die Staffelung der Fassaden in Richtung Kirchenschiff eine räumliche Tiefe suggeriert. Mit dem Wechsel von rotem Backstein und hellem Sandstein, der vor allem für die Säulen verwendet wurde, wird eine plastische Durchbildung des Arkadengangs erreicht. Stüler orientierte sich unverkennbar an der italienischen Frührenaissance, wobei er es bestens verstand, den nüchternen Stil der Berliner Bauakademie mit italienischen Formen zu vereinen.

Die beiden Seitengebäude sind zurückhaltend im italienischen Villenstil gehalten, jedoch unterschiedlich dimensioniert und gegliedert. Während das Schulhaus, das heute von der Kirchengemeinde genutzt wird, symmetrisch aufgebaut ist, über eine kleine Loggia in der Mittelachse verfügt und sehr kompakt wirkt, besitzt das Pfarrhaus einen gestaffelten Aufbau. Dem zweigeschossigen westlichen Abschnitt folgt ein erhöhter Abschnitt mit Drempelgeschoss. Auch hier bewies Stüler ein feinsinniges Gespür für eine ausgewogene Ordnung der Baumassen, lehnt sich doch das Pfarrhaus am Campanile an, der aus der Mittelachse gerückt der Baugruppe ein Ungleichgewicht verleiht. Durch die unterschiedliche Größe der Seitengebäude wird die asymmetrische Anordnung entscheidend gemildert.

Die Pfarrkirche war im ausgehenden 19. Jahrhundert zu klein geworden. Um mehr Gemeindeglieder aufnehmen zu können, fügte Max Spitta an den Saalraum 1895-96 ein sehr breites Querschiff und einen neuen Chor an. Durch die Erweiterung verlor die Saalkirche ihren introvertierten Charakter. Die gesamte Baugruppe erlitt im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden, wurde aber 1952-57 wieder aufgebaut. Während Erich Ruhtz für die Instandsetzung des Pfarrhauses verantwortlich zeichnete, waren Werry Roth, Rudolf Dörzbach und Otto Bartning mit der Wiederherstellung der ausgebrannten Schinkelkirche betraut. Die Architekten entschieden sich gegen eine Rekonstruktion der farbenprächtigen Gestaltung von Max Spitta zugunsten einer einfachen, schlichten Raumfassung, die das Stilempfinden der 1950er Jahre widerspiegelt. Auf die Seitenemporen im Langhaus wurde verzichtet. Das offene Dachwerk aus weit gespannten Bogenbindern ist dem historischen Vorbild nachempfunden. Die innen noch sichtbare Apsis wurde beibehalten, der Chorbereich jedoch nach Norden verlängert.

In die wieder aufgebaute St. Johannis-Kirche wurde die Ausstattung der kriegszerstörten Franziskaner-Klosterkirche in Berlin-Mitte überführt. Dazu gehört die im 15. Jahrhundert geschaffene Triumphkreuzgruppe mit Christus am Kreuz, Maria und Johannes. Die ursprünglich an den Enden des Kreuzes befestigten Evangelistensymbole sind heute an den Wänden des Langhauses angebracht. Die auf dem Altartisch aufgestellte Predella, aus Holz geschnitzt und farbig gefasst, gehörte zu einem prächtigen Flügelaltar, der sich in das 16. Jahrhundert datieren lässt. In der Mitte ist der so genannte Gnadenstuhl als Sinnbild der göttlichen Dreieinigkeit abgebildet.

Nachdem das Schulgrundstück neben der St. Johannis-Kirche 1864 an die Stadtgemeinde übergegangen war, ließ der Berliner Magistrat 1871 einen Erweiterungsbau für die 31. Gemeindeschule errichten. Den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ist nur das 1907 erbaute Turnhallengebäude entgangen, das die Ecke Alt-Moabit und Wilsnacker Straße unauffällig besetzt. (5) Der eingeschossige gedrungene Backsteinbau mit Walmdach wurde von Otto Stiehl entworfen, der als Magistratsarchitekt unter Stadtbaurat Ludwig Hoffmann tätig war. Otto Stiehl bemühte sich, durch Rundbogenfenster und schmucklose Backsteinflächen eine Architektur zu finden, die sich der nahen Baugruppe von Schinkel und Stüler unterordnet.

Auf dem rückwärtigen Grundstücksteil liegen der aufgelassene alte Gemeindefriedhof mit einigen historischen Grabdenkmalen, östlich von ihm das kleine Küsterhaus und auf der gegenüberliegenden Seite das neue Gemeindezentrum. Im Norden und Osten markiert eine einfache Ziegelmauer die Grenze des Grundstücks. An der Straße Alt-Moabit wird das Grundstück von einer aufwendigen Mauer mit Fries und vorgezogenen Pfeilern sowie direkt vor dem Arkadengang von einem schmiedeeisernen Gitterzaun zwischen Backsteinpfeilern begrenzt. Das Küsterhaus, errichtet 1864 von Maurermeister Assmann, erinnert mit seiner eingeschossigen Bauweise, dem ziegelgedeckten Satteldach und den Klappläden an die einstige vorstädtische Bebauung in Moabit. Das 1962-63 erbaute Gemeindehaus mit Saal, Kindergarten und Schwesternstation versucht zwischen der Pfarrkirche und dem tiefer gelegenem Pfarrgarten zu vermitteln. (6) Folgerichtig entwarfen Hans C. Müller und Georg Heinrichs ein lang gestrecktes, sehr flaches Gebäude mit dunkler Klinkerverblendung, das sich in Bauweise und Materialwahl an der knappen stereometrischen Kontur der Schinkelkirche orientiert. Mit den bandartig zusammengefassten großen Holzfenstern sind Anklänge an das funktionelle sachliche Bauen der 1920er und 1930er Jahre unverkennbar. Der scharfkantige Wechsel von senkrechten und waagerechten Einschnitten sorgt für eine reizvolle plastische Wirkung.


1) BusB 1877, Bd. 1, S. 129; Zur 50jährigen Jubelfeier der St. Johannis-Gemeinde am 24. 6. 1885 dargebracht vom Gemeinde-Kirchenrath. Berlin 1885; BusB 1896, Bd. 2, S. 157; Hach 1925, S. 10-11; Schmidt, Carl: Evangelische Kirchen und kirchliches Gemeindeleben in Moabit. Berlin 1925, Nr. 1; Lütkemann 1926, S. 61-63; Rave, Paul Ortwin: Karl Friedrich Schinkel. Berlin. Erster Teil. Bauten für die Kunst, Kirchen / Denkmalpflege. Berlin 1941, S. 301-342; Wirth 1955, S. 42-46, 86-87; Frowein-Ziroff, Vera: Der Berliner Kirchenbau des 19. Jahrhunderts vor seinem historischen und kulturpolitischen Hintergrund. In: Schwarz Berlin 1981, Bd. 1, S. 129-138; Segers-Glocke 1981; Klinkott 1988, S. 104-106; Hoffmann-Tauschwitz, Matthias: Alte Kirchen in Berlin. 33 Besuche bei den ältesten Kirchen im Westteil der Stadt. Berlin 1986, S. 231-241; Franz-Duhme/Röper-Vogt 1991; Börsch-Supan/Müller-Stüler 1997, S. 122-123, 525-527, BusB VI, S. 52, 58-60, 266, 360; Dehio Berlin 2000, S. 422-423; Goetz/Hoffmann-Tauschwitz 2003, S. 140-141.

2) Ein Vorbild war die römische Palastaula in Trier. Die römischen Backsteinbauten waren jedoch außen und innen verkleidet.

3) Bauleitung hatte der mit Stüler befreundete Johann Nietz, angestellt bei der Ministerial-Baukommission.

4) Einen ähnlichen Turm schuf Friedrich August Stüler für die 1844-46 erbaute St. Matthäus-Kirche im Tiergartenviertel.

5) Oehlert 1910, S. 96.

6) Teut, Anna: Architekten heute. Georg Heinrichs. Berlin 1984, S. 23, 58-59.

Teilobjekt St. Johannis Kirche
Teil-Nr.: 09050170,T,001
Sachbegriff: Kirche ev. & Arkadengang & Campanile
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 24 & 25
Entwurf: Schinkel, Karl Friedrich (Architekt)
Entwurf: Stüler, Friedrich August (Architekt)
Entwurf: Spitta, August Adolf Max (Architekt)
Entwurf: Bartning, Otto & Roth, Werry (Architekt)
Literatur:
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite S. 42ff (dort weitere Lit.-Angaben)
  • Dehio, Berlin, 1994 / Seite S. 228
  • Reclam Berlin, 1991 / Seite S. 189
  • Architekturführer Berlin, 1994 / Seite S. 171
  • Beyer, Oskar/ Wiederaufbau einer Schinkel-Kirche - Zur Neugestaltung der Johanniskirche in Berlin in
    Kunst und Kirche 21(1958)1 / Seite 31-34
Teilobjekt St. Johannis-Gemeindehaus
Teil-Nr.: 09050170,T,002
Sachbegriff: Pfarrhaus & Gemeindehaus
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 24 & 25
Entwurf: Stüler, Friedrich August (Architekt)
Teilobjekt 31. Gemeindeschule
Teil-Nr.: 09050170,T,003
Sachbegriff: Schule
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 23
Entwurf: Stüler, Friedrich August (Architekt)
Literatur:
  • BusB V C 1991 / Seite S. 333 (dort weitere Lit.)
  • Inventar Tiergarten, 1955 / Seite S. 86-87
  • Oehlert, Wilhelm, Moabiter Chronik, Berlin 1910 / Seite S. 94-96
Teilobjekt 31. Gemeindeschule
Teil-Nr.: 09050170,T,004
Sachbegriff: Turnhalle
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 23A
Entwurf: Stiehl, Otto (Architekt)
Bauherr: Stadtbauinspektion
Literatur:
  • BusB V C 1991 / Seite S. 333 (dort weitere Lit.)
  • Oehlert, Wilhelm, Moabiter Chronik, Berlin 1910 / Seite S. 96
Teilobjekt St. Johannis-Küsterhaus
Teil-Nr.: 09050170,T,005
Sachbegriff: Küsterhaus
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 24 & 25
Entwurf & Ausführung: Assmann (Maurermeister)
Bauherr: Gemeinde St. Johannis
Teilobjekt St. Johannis-Gemeindezentrum
Teil-Nr.: 09050170,T,006
Sachbegriff: Gemeindehaus
Strasse: Alt-Moabit
Hausnummer: 24 & 25
Entwurf: Müller, Hans C. & Heinrichs, Georg (Architekt)
Ausführung: Richter und Schädel (Baugesellschaft)
Bauherr: St. Johannis-Gemeinderat