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Wohnzelle Friedrichshain

Obj.-Dok.-Nr.: 09085177
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Friedrichshain
Strasse: Karl-Marx-Allee
Hausnummer: 102 & 104 & 126 & 128
Strasse: Graudenzer Straße
Hausnummer: 1A & 1B & 1C & 1D & 2 & 4 & 6 & 8 & 10 & 5A & 5B & 5C & 5D & 9A & 9B & 9C & 9D & 12 & 14 & 16 & 18 & 20 & 15C & 15D & 15E & 21A & 21B & 21C & 21D & 21E
Strasse: Gubener Straße
Hausnummer: 2A & 2B & 2C & 2D & 2E
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Wohnanlage
Entwurf: 1949
Datierung: 1949-1951
Entwurf: Entwurfskollektiv Ludmilla Herzenstein (Architektenkollektiv)

Der Komplex der Wohnzelle Friedrichshain war der erste realisierte architektonisch-städtebauliche Gestaltungsentwurf nach dem Krieg im Osten der Stadt. (...)

Die Laubenganghäuser in der Karl-Marx-Allee 102/104 und 126/128, die Wohnzeilen in der Graudenzer Straße 1A-D, 5A-D, 9A-D, 15C-E, 21A-E und Gubener Straße 2A-E sowie die beiden Blöcke in der Graudenzer 2/10 und 12/20 erlangen ihre Bedeutung als Dokumente der ersten städtebaulichen Nachkriegsplanung im Osten Berlins. Im Rahmen des "Generalplans zum Wiederaufbau Berlins" (Aufbauplan) legte Hans Scharoun 1949 die ersten Skizzen für das "Wohnzelle Friedrichshain" genannte Gebiet vor. Es war Scharouns Absicht, ein Wohngebiet zu entwerfen, das in Größe, Struktur und städtischer Qualität als "Mittler zwischen dem Chaos der Weltstadt und der Verlorenheit des einzelnen Menschen" fungieren sollte. (1) Die Planung wandte sich konsequent von hierarchischen achsenbetonten städtebaulichen Konzeptionen ab, formulierte ebenso eine Absage an Mietskaserne, Parzellenstruktur und bisherige Besiedlungsdichte.

Der Entwurf der Wohnzelle bestand aus einer Vielzahl von Zeilenbauten von drei bis sechs Geschossen. Kombiniert waren die Wohnzeilen mit zwei mal drei Gruppen von insgesamt 180 L-förmigen Gartenhäusern, die in Sonnenrichtung - nach Südost bzw. Südwest - orientiert waren. Zwei asymmetrische Plätze bildeten die kommunikativen Zentren der Wohnzelle.

Bei dieser Planung blieb es jedoch nicht. Scharouns Vorschlag wurde im November 1949 diskutiert und von der volkseigenen Grundstückverwaltung "Heimstätte Berlin" zur Ausführung unter Leitung von Karl Brockschmidt übernommen. Die Planungsabteilung der "Heimstätte Berlin" hatte bereits zeitgleich mit Scharoun an Grundrissen für dieses Gebiet gearbeitet.

Nach der Grundsteinlegung im Dezember 1949 wurden im Januar 1950 die Pläne veröffentlicht. Sie hatten aber nur noch wenig mit dem Plan von Scharoun gemein. Die Veränderungen im Entwurf der Heimstätte betrafen hauptsächlich die Lage der Wohnhäuser zueinander, den Ersatz der Einfamilienhausteppiche mit kleinen Wohnhöfen durch Reihenhäuser mit Gärten und die nun regelmäßig angeordneten Plätze: Dieser Plan variierte Vorbilder des gemeinnützigen Wohnungsbaus aus den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Nach dem Baubeginn Ostern 1950 wurden jedoch nur zwei Laubenganghäuser und acht Zeilenbauten errichtet. Noch vor dem Richtfest des ersten Laubenganghauses im Juli 1950 wurde die Bezeichnung "Wohnzelle Friedrichshain" in "Wohnstadt Friedrichshain" umgewandelt. Schon die Wortwahl läßt auf einen Paradigmenwechsel schließen, der entscheidend die weiteren Bauvorhaben bestimmte. 1951 war der erste Bauabschnitt des nochmals in "Wohnstadt Stalinallee" umbenannten Areals fertiggestellt. (2)

Die Laubenganghäuser (Karl-Marx-Allee 102-104, 126-128) waren die ersten Bauten, die in der Magistrale errichtet worden sind. Sie liegen etwas hinter der Bauflucht der später im Rahmen des "Nationalen Aufbauprogramms" errichteten Wohn- und Geschäftshäuser. Sie verweisen als einzige Dokumente in der Karl-Marx-Allee auf die ursprüngliche Konzeption der Gestaltung der Wohnzelle von 1949-50. Mit ihrer auf Positionen der zwanziger Jahre zurückgehenden sachlichen Formensprache (Reihung und Stapelung gleichartiger Teile) wurden sie Ziel zahlreicher Polemiken, an denen sich die politische Führung ebenso beteiligte wie Künstler und Architekten. Der ab Mitte des Jahres 1950 eingeleitete konzeptionelle und architektonische Umbruch mündete 1952 im "Nationalen Aufbauprogramm".

Die durch Grünanlagen voneinander getrennten fünf Wohnzeilen, die dazugehörige Wohnzeile der Gubener Straße (Architekt Helmut Riedel) und die beiden Blöcke südlich der Graudenzer Straße (Paulick/Schmidt/Zahn) erhalten ihre Bedeutung in Verbindung mit den Laubenganghäusern als Zeugnis einer städtebaulichen Idee, die zwar nur fragmentarisch umgesetzt wurde, aber im Zusammenhang mit den stalinistischen Bauten in der Nachbarschaft, den tiefgreifenden Wechsel in der Baupolitik in der DDR der frühen fünfziger Jahre besonders deutlich macht.


(1) Scharoun, zitiert nach Geist/Kürvers 1989, S. 333.

(2) Ein im November 1950 gefertigter Plan für die "Wohnstadt Stalinallee" der Planungsabteilung der "Heimstätte Berlin" sah im zweiten Bauabschnitt je eine Hochhausgruppe südlich der Stalinallee zwischen den Laubenganghäusern und eine weitere gegenüber auf der Nordseite der Magistrale liegende vor. Außerdem sollte die Marchlewskistraße beidseitig mit fünfgeschossigen Blöcken bebaut werden, ebenso die Südseite der Graudenzer Straße mit zwei Viergeschoßbauten. Letztere wurden ausgeführt.

Literatur:
  • Architekturführer DDR - Berlin, 1981 / Seite S. 99
  • Bau- und Kunstdenkmale Berlin I, Berlin 1983 / Seite S. 455 ff.
  • Durth, Werner/ Was wird aus der Stalinallee? =Die Stadt als Gabentisch, Leipzig 1992 / Seite S. 481-507, bes. S. 484-498.
  • Geist, Kürvers/ Mietshaus, 1989 / Seite S. 272 - 307, S. 459 - 468.
  • Hain, Simone/ Berlin Ost/ "Im Westen wird man sich wundern" =Neue Städte aus Ruinen, München 1991 / Seite S. 32 ff.
  • Topographie Friedrichshain, 1996 / Seite 148-150