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Aktienbrauerei Friedrichshöhe, vorm. Patzenhofer (Schultheiß-Brauerei, vorm. Patzenhofer)

Obj.-Dok.-Nr.: 09085023
Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
Ortsteil: Friedrichshain
Strasse: Landsberger Allee
Hausnummer: 54
Strasse: Richard-Sorge-Straße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Brauerei
Datierung: 1877-1896
Entwurf & Ausführung: Rohmer, A. (Maurermeister)
Entwurf & Ausführung: Altertum und Zadek (Architekt)
Bauherr: Aktienbrauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe,vorm. Patzenhofer

An der Landsberger Allee, Ecke Tilsiter Straße (heute Richard-Sorge Straße) legte Georg Patzenhofer, der seit 1855 eine kleine Brauerei in der Papenstraße betrieb, anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts einen Lagerkeller an. 1871 zur kapitalstarken "Aktienbrauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe, vorm. Patzenhofer" umgewandelt, wurde 1873 das Grundstück durch Zukäufe erweitert und mit dem Bau weiterer Lagerkeller begonnen. In wenigen Jahren entstand hier ein moderner Brauereibetrieb. 1886 gab das Unternehmen den Standort in der Papenstraße auf und verlegte die gesamte Produktion an die Landsberger Allee. Der weitgehend komplett überlieferte Gebäudebestand der Brauerei, die 1920 mit der Schultheiß-Brauerei zur Schultheiß-Patzenhofer AG fusionierte, wurde vor allem zwischen 1886 (Direktionsvilla) und 1912 (Sudhaus) errichtet. (1) Im Gegensatz zu den anderen Brauereien bis 1990 in Betrieb, sind erhebliche Teile der technischen Anlagen, insbesondere des 1912 errichteten Sudhauses überliefert. Die ebenfalls bis 1990 für die Nachwuchsausbildung genutzten technischen Anlagen der 1909 eingerichteten Versuchsbrauerei wurden als funktionsfähiges produktionstechnisches Zeugnis vom Berliner Museum für Verkehr und Technik übernommen. (S. 69)


(1) Vgl. Ehlers.

Östlich der Friedhöfe schließt sich das Gelände der ehemaligen Aktienbrauerei Friedrichshöhe vormals Patzenhofer an der Landsberger Allee 54 an. Vor allem das Sudhaus mit seiner Ausstattung stellt ein bedeutendes Industriedenkmal dar.

Die Geschichte der seit 1920 bis zu ihrer endgültigen Schließung Ende 1990 zur Schultheiß AG gehörenden Brauerei reicht bis in das Jahr 1855 zurück. (1) Damals gründete der Sohn eines bayerischen Brauereibesitzers, Georg Patzenhofer, auf dem Grundstück der "Tietschen Weißbierbrauerei" in der Neuen Königstraße (heute Otto-Braun-Straße) die "Bayrisch Bierbrauerei". Schon seit den späten fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts besaß er im Kernbereich des heutigen Brauereigeländes an der Landsberger Allee auf der "Friedrichshöhe" ein Grundstück mit Villa, Garten und einem großen Lagerkeller, in den das Bier von der inzwischen in die Papenstraße umgezogenen Brauerei zum Lagern gebracht wurde. (2) Mit einem jährlichen Herstellungsvolumen von bereits 11.000 t Bier wandelte Patzenhofer seinen Betrieb 1871 in eine Aktiengesellschaft um, die seit der Verlegung auf das Gelände an der Landsberger Allee "Actien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe vormals Patzenhofer" hieß. Innerhalb von neun Jahren, zwischen 1877 und 1886, entstand nach den Plänen des Ratsmaurermeisters A. Rohmer der Kernbereich der Brauerei mit Darre und Mälzerei, Sudhaus, Gär- und Lagerkellern, Verwaltungsgebäude sowie dem zu damaliger Zeit üblicherweise angeschlossenen Restaurautionsbetrieb mit Biergarten, bis 1894 die übrigen heute noch stehenden Gebäude der Brauerei. (3)

Besonderes Augenmerk verdient die 1912 umgebaute Sudhausanlage, die bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts als die leistungsfähigste Europas galt. Ihre Ausrüstung mit sechs Kupferkesseln und -hauben auf zwei Ebenen, marmorner Treppenverkleidung und sämtlichen aus nicht rostenden Metallen (Kupfer und Messing) hergestellten Armaturen, Geländern, Rohren und Halterungen ist einzigartig in Berlin.Rohmer bediente sich bei den als Verblendziegelbauten ausgeführten Brauereigebäuden romanisierender Formen. Obwohl nicht untypisch für den zeitgenössischen Industriebau, dürfte der in Einzelformen stark ausgeprägte Rückgriff auf Bau- und Stilformen des Mittelalters für eine Brauerei wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, daß hiermit auch die Erinnerung an die Tradition des Bierbrauens in Klöstern wachgerufen werden sollte. Andererseits stellte Rohmer in der äußeren Gestaltung einen direkten Bezug zu den gegenüberliegenden Gebäuden des Krankenhauses von Gropius & Schmieden her, beispielsweise in der Verkleidung mit rotem Backstein und gelben horizontalen Bändern und umgekehrt. Im Gegensatz zu den Produktionsgebäuden präsentiert sich das ehemalige Comptoir- und Wohnhaus (um 1885) an der Ecke als klassizistischer Bau, der in seiner Tektonik und dem detailreichen Bauschmuck in Terrakotta ebenfalls mit der Gestaltung der Krankenhausgebäude korrespondiert. Der Baumeister verstand es, sowohl durch die architektonische Betonung funktionaler Schwerpunkte (z. B. Sudhaus = Herz einer Brauerei) und Abläufe (mehrfach wiederholte Formen bei der Faßabfüllung) als auch durch die farblich abwechslungsreiche Materialverwendung eine äußerst lebendige Fassadenabfolge zu entwickeln. Bemerkenswert sind auch die, wohl von vornherein beabsichtigten, städtebaulichen Aspekte der gesamten Anlage. Die Brauerei liegt auf der Kuppe der Anhöhe und mußte sich zur Bauzeit - mit Ausnahme der Bauten des Krankenhauses - keiner vorhandenen Architektur gegenüber behaupten. Für Berliner Ausflügler war der Restaurationsbetrieb mit flacheren und einzeln stehenden Gebäuden samt weitläufigem Biergarten an der Landsberger Allee als krönendes Ziel eines Tages im Grünen gegenüber dem Volkspark plaziert.


(1) Vgl. Gensch/Liesigk/Michaelis, S. 158 ff sowie Actien-Brauerei-Gesellschaft.

(2) Die Papenstraße lag in unmittelbarer Nähe der Marienkirche. Die Straße und alle Gebäude fielen 1886 der Freilegung der Kirche zum Opfer.

(3) Die An- und Aufbauten zwischen dem Wohn- und Verwaltungshaus und dem nördlichen Mälzereiflügel sowie zwischen dem südlichen Mälzereiflügel und der Faßabfüllung stammen vermutlich aus den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts. Aufgrund der sich sehr schnell vergrößernden Nachfrage entstanden seit derselben Zeit auch andere Abteilungen (u. a. Turmstraße, Spandau, Fürstenwalde, Frankfurt/Oder) von ähnlicher Größe und Kapazität.

Literatur:
  • Topographie Friedrichshain, 1996 / Seite 69, 111-112