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Blockhaus Nikolskoe

Obj.-Dok.-Nr.: 09075546
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Nikolskoer Weg
Hausnummer: 15
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Gaststätte
Datierung: 1819
Entwurf: Snethlage

Weiter nordöstlich zwischen Uferweg und Nikolskoer Weg steht hoch oben auf dem Steilufer über der Havel das Blockhaus Nikolskoe, Nikolskoer Weg 15. Als Aussichtsplatz mit Blick auf die sich davor ausbreitende Landschaft und zugleich als Point de vue von der Pfaueninsel gegenüber hatte König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1819 anlässlich eines Besuchs seiner Tochter Charlotte, Gemahlin des späteren Zaren Nikolaus I., ein Holzhaus mit Stall im Stil eines russischen Bauernhofes errichten lassen. (1) Das massive Blockhaus war nach einer Zeichnung des Architekten Carlo Rossi (2) innerhalb von sechs Wochen vom Garde-Pionier-Bataillon unter Leitung des Hauptmanns Adolf Snethlage ausgeführt worden. Im Juni 1984 brannte das Hauptgebäude zu großen Teilen ab; 1984-85 wurde es nach intensiver Bauforschung und unter Verwendung alter Bautechniken wiederhergestellt. (3) Dabei gewonnene Erkenntnisse zu Baugeschichte und Konstruktion weisen das Blockhaus sowohl als Meisterwerk der Holzbaukunst in Preußen Anfang des 19. Jahrhunderts aus wie auch als Dokument für die engen kulturellen und verwandtschaftlichen Beziehungen des preußischen Herrscherhauses mit der russischen Zarenfamilie, die zwischen 1800 und 1860 auch in der Architektur Ausdruck fanden. (4) Darüber hinaus ist das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als Gaststätte genutzte Gebäude ein wichtiger Bestandteil der Glienicker Schlösserlandschaft. (5)In Anlage und Gestaltung entsprechen das zweigeschossige, aus kräftigen Rundholzstämmen gefertigte Blockhaus mit weit vorkragendem Satteldach und reichem Schnitzwerk sowie das parallel stehende eingeschossige Stallgebäude dem Vorbild der Zeichnung Carlo Rossis. (6) Die Giebelseite des Hauses, die sich zu einer großen Terrasse und zum Wasser wendet, wird besonders betont durch eine überdachte Galerie vor dem Erdgeschoss, auf deren eingekerbten Pfosten vor dem Obergeschoss ein Balkon mit hölzerner Balustrade ruht; auch vor dem Dachgeschoss erstreckt sich über die Breite des Giebels ein Balkon. Die Brüstungen, die Rahmungen der Fenster und der mittigen Eingangstür sowie zahlreiche Dekorbretter an Traufkante, Ortgang und First sind mit flachen gesägten Holzornamenten aufwendig dekoriert. Das rustikale Blockhaus erhält durch die kunstvollen Schnitzereien an seiner Schauseite eine idealisierte ästhetische Wirkung, die sich nicht auf reale russische Bauernhäuser bezieht, sondern auf Entwürfe für das Kunstdorf Glasowo im Park der Zarenresidenz in Pawlowsk. (7) Dagegen wurden Konstruktion und Bauweise des Hauses vermutlich bei der Ausführung von den Fachleuten des Pionier-Bataillons entwickelt. Beim Wiederaufbau 1984-85 zeigte sich, dass die ungewöhnliche Größe der Räume für die Obergeschosse eine besondere statische Lösung erfordert hatte. Der stützenlose Hauptraum in der Beletage, das ehemalige Teezimmer für den König, wurde von einer Decke überspannt, die zusätzlich am Dachstuhl aufgehängt war - eine Konstruktion, die damals aus dem Holzbrückenbau bekannt war. (8) Auch die Grundrissgliederung - Zugang an der Längsseite mit Außentreppe zum Obergeschoss, in jedem Geschoss zwei große Räume, die von einem zentralen Flur mit schmaler Treppe erschlossen werden - sowie die ursprüngliche Gestaltung der Innenräume war wohl von den Ausführenden festgelegt worden, da sich in den Entwürfen Rossis dazu keine Angaben finden.


1) Der Name Nikolskoe - wörtlich übersetzt "dem Nikolaj gehörend" - wurde später auf den ganzen Uferbereich übertragen. Das Blockhaus war Teehaus für den König und seine Gäste, später auch Wohnhaus für Bedienstete der Pfaueninsel. Vgl. Wolff 1983, S. 79 f.

2) Carlo Rossi (1775-1849), Architekt, in Venedig geboren, in St. Petersburg aufgewachsen, baute dort mehrere Staatsbauten im klassizistischen Stil. Bei der Zeichnung Rossis im Berliner Kupferstichkabinett handelt es sich sowohl um die Vorlage für das Blockhaus Nikolskoe wie auch für die Wohnhäuser der Kolonie Alexandrowka in Potsdam (1826-29). Vgl. Mielke 1991, S. 118 ff.; Hecker, Anja: Der Kulturtransfer zwischen Russland und Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Projekte Glasowo in Pawlowsk und Alexandrowka in Potsdam. In: Preußische Gärten in Europa, 300 Jahre Gartengeschichte, hrsg. v. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Leipzig 2007, S. 94-97; Borissowa, Jelena: Russische "Bauernhäuser" der romantischen Zeit in Deutschland und Russland. In: Macht und Freundschaft. Berlin-St. Petersburg 1800-1860, hrsg. v. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Ausstellungskat. Leipzig 2008, S. 177-185 (Abb. 51).

3) Architekt: Wolf-Rüdiger Borchardt. Beim Wiederaufbau wurden erhaltene Teile ergänzt und nur für Statik und Brandschutz notwendige Änderungen vorgenommen. Vgl. Blockhaus Nikolskoe, Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau, hrsg. v. Senator für Bau- und Wohnungswesen Berlin, Berlin 1987; Berlin: Wiederaufbau des Blockhauses Nikolskoe. In: Bauwelt 77 (1986), H. 16, S. 584-588.

4) Neben dem Blockhaus Nikolskoe und der Kirche St. Peter und Paul wurden im russischen Stil auf der Pfaueninsel die Rutschbahn (1819) sowie in Potsdam die Kolonie Alexandrowka (1826-27) und die Alexander-Newski-Kirche (1826-29) mit dem Königlichen Landhaus (1827) auf dem Kapellenberg errichtet. Vgl. Macht und Freundschaft, Berlin-St. Petersburg 1800-1860, hrsg. v. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Ausstellungskat. Leipzig 2008.

5) Für die Nutzung als Gaststätte wurden 1927 die Fenster an der nordöstlichen Längsseite des Blockhauses vergrößert und die Küche in den Anbau an der rückwärtigen Giebelwand verlegt. Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen des Holzhauses wurden 1952-54 durchgeführt. Vgl. Blockhaus Nikolskoe, Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau, hrsg. v. Senator für Bau- und Wohnungswesen Berlin, Berlin 1987, S. 28 ff.

6) Eine ehemals Haus und Nebengebäude verbindende, beim Wiederaufbau jedoch nicht wiederhergestellte Toreinfahrt ist ebenfalls in Rossis Entwurf wiederzufinden.

7) 1815 Auftrag der Zarenmutter Maria Feodorowna für den Entwurf des Kunstdorfes Glasowo im Park der Sommerresidenz Pawlowsk, 30 Kilometer südlich von St. Petersburg, das in den 1820er Jahren ausgeführt wurde, jedoch nicht erhalten ist. Vgl. Hecker, Anja: Der Kulturtransfer zwischen Russland und Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Projekte Glasowo in Pawlowsk und Alexandrowka in Potsdam. In: Preußische Gärten in Europa, 300 Jahre Gartengeschichte, hrsg. v. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Leipzig 2007, S. 94-97.

8) Dazu detaillierter siehe: H. Schwesig: Die Konstruktion des Blockhauses. In: Blockhaus Nikolskoe, Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau, hrsg. v. Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin 1987, S. 34-40.

Literatur:
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 183-184
  • Wolff, Karl: Wannsee und Umgebung, Berlin 1983 / Seite 79 f.
  • Mielke, Friedrich: Potsdamer Baukunst, Berlin 1991 / Seite 118 ff
  • Hecker, Anja: Der Kulturtransfer zwischen Russland und Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Projekte Glasowo in Pawlowsk und Alexandrowka in Potsdam in
    Preußische Gärten in Europa, 300 Jahre Gartengeschichte, Leipzig 2007 / Seite 94-97
  • Borissowa, Jelena: Russische "Bauernhäuser" der romantischen Zeit in Deutschland und Russland in
    Macht und Freundschaft. Berlin-St. Petersburg 1800-1860, Ausstellungskat., Leipzig 2008 / Seite 177-185
  • Blockhaus Nikolskoe, Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau in
    Bauwelt 77 (1986)16 / Seite 584-588
  • Macht und Freundschaft, Berlin-St. Petersburg 1800-1860, Ausstellungskat., Leipzig 2008.Schwesig, H.: Die Konstruktion des Blockhauses in
    Blockhaus Nikolskoe, Geschichte, Zerstörung, Wiederaufbau, Berlin 1987 / Seite 34-40