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Villa Liebermann

Obj.-Dok.-Nr.: 09075511
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Am Großen Wannsee
Hausnummer: 42
Strasse: Colomierstraße
Hausnummer: 3
Denkmalart: Baudenkmal
Sachbegriff: Wohnhaus & Villa & Pförtnerhaus & Atelier
Datierung: 1909-1910
Entwurf: Baumgarten d. Ä., Paul (Architekt)
Bauherr: Liebermann, Max (Maler & Grafiker)
Ausführung: Ernst Thielebier (Bauunternehmen)

Gleich neben dem Haus Hamspohn [OBJ-Dok-Nr. 09080161] liegt, eingebettet in einen herausragenden Garten, Am Großen Wannsee 42, Colomierstraße 3, das Haus Liebermann mit seinem Gärtnerhaus. Der bedeutende Maler des deutschen Impressionismus und Präsident der Berliner Akademie der Künste Max Liebermann beauftragte wie sein Nachbar Hamspohn den Messel-Schüler Paul O. A. Baumgarten mit dem Bau seines Sommerdomizils. Gleichzeitig ließ er sich, das Gesamtkunstwerk von Haus und Garten bereits fest im Blick, vom befreundeten Hamburger Kunsthistoriker Alfred Lichtwark beraten. Entstehen sollte "ein Landhaus, das sich ein Städter gebaut hat" (1), schrieb er ihm - also keine Villa wie im Tiergartenviertel und auch kein allzu sehr ländlich geprägtes Gebäude. Aufgrund dieser persönlichen Verbindung ist es nicht weiter erstaunlich, dass sich die beiden Leitbilder für die Ausbildung der Fassaden ebenfalls in Hamburg befinden.

Sowohl das Haus Godeffroy von 1790 als auch das Haus Wesselhoeft von 1826 waren von Liebermann schon während eines Hamburg-Aufenthaltes 1902 gemalt worden. Mit Paul Baumgarten stand nunmehr ein Architekt zur Verfügung, der die den beiden Gebäuden zugrundeliegenden, dem klassizistischen Formenkanon entstammenden Grundsätze geschickt in eine neue eigenständige Komposition umzusetzen verstand. Entstanden ist 1909-10 dann tatsächlich ein Landhaus - keine Villa, wie die offizielle Bezeichnung heute wohl aufgrund der repräsentativen Note des Anwesens lautet - sondern ein neoklassizistisches Landhaus mit zwei Hauptansichtsseiten.

Auffälligstes Merkmal dafür ist der Verzicht auf ein sichtbares Sockelgeschoss, sodass eine enge Verbindung von Haus und Garten möglich und damit Liebermanns Wunsch nach Durchblicksmöglichkeiten vom vorderen in den hinteren Gartenteil erfüllt wurde. Der breit gelagerte zweigeschossige und symmetrische Putzbau mit in Naturstein verkleideter Basis, Walmdach und Klappläden an den Fenstern wird an seiner Straßenseite von dem Motiv einer zweigeschossigen Loggia mit eingestellten monumentalen ionischen Säulen geprägt. Die darübergesetzte breite Fledermausgaube verleiht dem Ganzen einen unaufdringlichen, ruhigen Abschluss.

Die Seeseite hingegen zeigt ein auf Fernsicht komponiertes Frontispiz über den durch Natursteinpilaster nobilitierten drei mittleren Fensterachsen. Die Symmetrie wird hier durch eine Loggia an der linken Seite, deren Säulenstellung das Motiv der Straßenseite im Kleinen wiederholt, durchbrochen. So strahlt die Seefront den Eindruck großer Ruhe und vornehmer Zurückgezogenheit aus. Die Seitenfassaden des Gebäudes sind rein untergeordneter Bedeutung; gleichwohl liegt in der Fassade zur Colomierstraße der Eingang, der aber eher beiläufig, mit einer kleinen, von Säulen getragenen Pergola inszeniert ist.

Die Symmetrie der Fassaden stellt ein Abbild der klaren Grundrissstruktur dar: Mittelpunkt des Hauses sind straßenseitig die Wohnhalle mit Kamin und seeseitig das Esszimmer. Gegenüber dem Eingang und der Garderobe liegen Küche und Treppenhaus, zum See hin Wohnzimmer auf der einen und Anrichte beziehungsweise Loggia auf der anderen Seite. Die wandfeste Ausstattung ist zurückhaltend gediegen und feinsinnig auf die jeweiligen Lichtverhältnisse in den Räumen abgestimmt. Im Obergeschoss liegt straßenseitig das bis ins Dachgeschoss reichende Atelier des Malers mit Tonnengewölbe und großem Nordfenster. Die schlichten Schlafzimmer der Familie gehen auf den See hinaus.

Eine künstlerische Kostbarkeit hohen Ranges stellt das bei der Restaurierung des Gebäudes wiederentdeckte Wandbild in der Gartenloggia dar. Es ist das letzte der wenigen Wandgemälde, die Max Liebermann zeitlebens schuf und das einzige unter ihnen, das bis heute erhalten ist. Liebermann begriff die Loggia ganz im antiken Sinne als Raum der Durchdringung von Haus und Garten und projektierte folgerichtig eine arkadische Gartenlandschaft mit Zierbäumen und Vögeln auf die Wände. (2)

Die auf baulichen Veränderungen basierenden Fehlstellen und der durch Übertünchungen stark gelittene Erhaltungszustand der Kasein-Malerei spiegeln heute einen Teil der Geschichte des Hauses wider: 1940 von der Reichspost übernommen und als Schulungsheim für weibliche Postinspektoranwärter genutzt, diente es nach 1945 als Reservelazarett und später als chirurgische Abteilung des Krankenhauses Wannsee. Von 1971 bis 2002 war es Vereinshaus des Deutschen Unterwasser-Clubs. Die Villa Liebermann wurde 2003-06 konservatorisch instand gesetzt und zum Museum ausgebaut.


1) Brief von Max Liebermann an Alfred Lichtwark vom 26.7.1909, Hamburger Kunsthalle. Vgl. Zurück am Wannsee, Max Liebermanns Sommerhaus, hrsg. v. Nina Nedelykov und Pedro Moreira, Berlin 2003, S. 49 ff. (mit ausführlicher Baugeschichte).

2) Konkrete Anregungen für das Motiv hatte er sich 1911 auf einer Romreise geholt, wo ihn das Gartenfresko der Villa di Livia bei Primaporta so sehr beeindruckte, dass er es als unmittelbares Vorbild nahm. Einen oberen Abschluss finden die Darstellungen durch einen Lünettenfries mit griechisch-römischen Motiven an den Ecken, so z.B. einer sitzenden Flötenspielerin, und anderen, nunmehr für Liebermann typischen Motiven wie den badenden Knaben oder dem Knecht mit sich aufbäumenden Pferden.

Literatur:
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 99-100
  • Nedelykov, Nina; Moreira, Pedro (Hrsg.): Zurück am Wannsee, Max Liebermanns Sommerhaus, Berlin 2003 / Seite 49 ff