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S- und Fernbahnhof Wannsee & Stellwerk Ws & Stellwerk Wsa & Stellwerk Wsk

Obj.-Dok.-Nr.: 09075493
Bezirk: Steglitz-Zehlendorf
Ortsteil: Wannsee
Strasse: Kronprinzessinnenweg
Hausnummer: 250 & 251
Strasse: Reichsbahnstraße
Denkmalart: Gesamtanlage
Sachbegriff: Bahnhof (F) & Bahnhof (S)
Datierung: 1927-1928 & 1932
Entwurf: Brademann, Richard (Architekt)
Bauherr: Deutsche Reichsbahngesellschaft - Reichsbahn Neubauamt

Öffentlicher Empfangsraum, Verkehrsknoten, Ausgangspunkt für Ausflüge und gleichzeitig Kleingewerbezentrum ist der Gustav-Hartmann-Platz am Bahnhof Wannsee. Er wird vom expressionistischen Bahnhofsgebäude und - südwestlich daran anschließend - einer im Viertelkreis geschwungenen kleinen Ladenzeile gerahmt. Mit der schräg gegenüber am Wannsee gelegenen Dampferanlegestelle ist er durch eine Unterführung verbunden. Der S- und Fernbahnhof Wannsee mit den Stellwerken Ws, Wsa und Wsk, Kronprinzessinnenweg 250-251, entstand 1927-28 und 1932 nach Plänen von Richard Brademann.

Der eigentliche Haltepunkt besteht schon deutlich länger. Prinz Friedrich Karl von Preußen und Wilhelm Conrad als Aufsichtsratsvorsitzender hatten sich bereits 1869 an das Direktorium der seit 1848 bestehenden Berlin-Potsdam-Magdeburger-Bahn-AG gewandt, um den verkehrstechnischen Anschluss der im Entstehen begriffenen Villenkolonien am Wannsee zu erwirken. Das Vorhaben wurde 1871 genehmigt und ein Abzweig nach dem Bahnhof Zehlendorf eingerichtet, der bei Kohlhasenbrück wieder in die Stammbahn einmündet. Die neue Bahnstrecke wurde am 1. Juni 1874 eröffnet. Als Stationsgebäude diente zunächst der von Conrad auf der Wiener Weltausstellung erworbene "Kaiserpavillon". 1876 wurde ein erstes Empfangsgebäude fertig gestellt. 1879 erfolgte dann der Anschluss nach Grunewald und Charlottenburg durch den Bau der Wetzlarer Bahn. (1) Gegen Ende der 1880er Jahre wurden Bahnlinien und Bahnhöfe ausgebaut sowie Bahnsteige mit Überdachung, Wartehäuschen, Sitzbänken und anderem komfortablen Mobiliar ausgestattet. Heute gehören die auf gusseisernen Säulen ruhenden Bahnsteigdächer zum ältesten Bestand; die anderen Ausstattungsstücke der Ursprungszeit sind zumeist durch neue ersetzt worden. Weitere teilweise erhaltene Bauten der Frühzeit wie Güterschuppen und Stellwerke entstanden mit dem Ausbau zum Güterbahnhof im östlichen Bereich des Bahngeländes. Über einen Fußgängertunnel wurde dort die zum Ortsteil Nikolassee gehörende Dreilindenstraße angebunden, wo nahe dem Eingang noch einige der alten Beamtenwohnhäuser erhalten sind.

Mit den Neubauten des Reichsbahnrats Richard Brademann, des Architekten der Berliner S-Bahn in den 1920er und 1930er Jahren, kam die zeitgenössische moderne Architektur nach Wannsee. Der Ausbau des Bahnhofs erfolgte im Rahmen der Elektrifizierung der Berliner Vorortbahnen von 1928 und bot die notwendige Infrastruktur für die nun in großen Mengen nach Luft und Sonne strebenden Innenstädter. Das dreiteilige Bahnhofs- und Empfangsgebäude besteht aus dem Verwaltungstrakt am Kronprinzessinnenweg, der polygonalen Schalterhalle und dem ehemaligen Servicetrakt mit Hotel und Restaurant am Gustav-Hartman-Platz. Es ist ein zweigeschossiger, braunroter Putzbau mit dekorativer Klinkerverblendung im Erdgeschoss und schmalen, um die weißen Sprossenfenster herumgeführten Klinkereinfassungen im Obergeschoss. Eine dritte Etage springt im flach geneigten Walmdach als niedriges Attikageschoss zurück. Prägende Elemente des Außenbaus sind zum einen das wie ein Gelenk zwischen Verwaltungs- und Servicetrakt sitzende, sich nach oben in zwei Stufen verjüngende Oktogon der Schalterhalle und zum anderen die sich über alle Gebäudeteile erstreckenden, an Laubengänge erinnernden, spitzbogigen Fenster und Eingänge der Erdgeschosszone. Mit dieser Form schuf Brademann nicht nur eine gelungene stadträumliche Neufassung des Platzes, sondern auch ein baukünstlerisch herausragendes Bahnhofsgebäude von Berlin. Bis ins Detail erhalten sind die drei Eingangsarkaden mit originalen Leuchten und keramischen Reliefs über den Eingangstüren, unter denen das mittlere das Fertigstellungsjahr 1927 angibt. Hinter einem niedrigen, grün gefliesten Windfang öffnet sich beeindruckend die drei Stockwerke hohe, oktogonale Schalterhalle mit ihren Oberlichtbändern und der Lichtöffnung in der hellen, mehrfach durch Stuckbänder abgestuften Kuppel. Analog zur Klinkerverblendung der Außenwände befindet sich an den Innenwänden im Erdgeschoss eine dekorative Keramik-Verkleidung in warmen Braun-Rot-Tönen, ausgeführt von der Firma N. Rosenfeld & Co. Sie setzt sich an den aus den Ecken des Oktogons erwachsenden konischen Stützpfeilern der Kuppel nach oben fort. (2) Im Kontrast dazu stehen die glatt geputzten, hell gestrichenen Wände. Mit Keramikplatten verkleidet sind auch die niedrigen Abgrenzungswände zwischen den Abfertigungsschaltern an den Seiten des Oktogons. Damit harmoniert ein mit zweifarbigen Steingutfliesen im quadratischen Muster belegter Fußboden. Gegenüber dem Eingang führt eine breite Treppe zur Unterführung und hinunter zu den Bahnsteigen, während rechts der Übergang zur Bahnhofsgaststätte liegt. Mit dem Empfangsgebäude gelang es Richard Brademann, dem Bahnhofsvorplatz eine sachlich moderne und gleichzeitig anheimelnde Fassung zu geben. Die grundlegenden Motive Oktogon, Kuppel und spitze Arkade sind - typisch expressionistisch - der Sakralbaukunst entliehen: Die Schalterhalle als Kern der Anlage wird symbolisch zum "Verkehrstempel". Schlichter dagegen gestaltete Brademann Ende der 1920er Jahre die Stellwerke, für die das an der Brücke über der Potsdamer Chaussee stehende Brückenstellwerk von 1928 ein gutes Beispiel abgibt. (3) Der Aufgabe entsprechend gingen Zweckmäßigkeit und Sachlichkeit hier eine harmonische Verbindung ein und führten zu einer Formgebung, in der senkrechte und waagerechte Linien - Treppenturm und Betriebsbrücke mit Stellwerkraum - bestimmend sind. Eine einheitliche Verblendung mit roten Klinkern, eine elegante Linienführung durch ein umlaufendes Gesims über den Fenstern - zum blendfreien Sehen - und ein flaches Dach ohne Überstand sind weitere Gestaltungselemente. Unter dem Stellwerkraum treten die Stützkonstruktion aus Stahl und der Kabelboden als technische Bauteile in Erscheinung.

Einen anderen Bautyp stellt das am Nordende des Bahnhofs stehende Stellwerk Wsk dar. Obwohl als Stielbau mit seitlich auskragenden Betriebsräumen entworfen, weist es auch Ähnlichkeiten zum Brückenstellwerk auf: schlichte kantige Form, Russ abweisende Klinkerverblendung, Betonung der Horizontale durch Fensterbänder oder gruppierte Fenster mit Sonnenschutzgesimsen und Flachdach. Damit schuf Brademann einen neuen Stellwerktyp, der in zahlreichen Varianten gebaut wurde und doch einen hohen Wiedererkennungswert besitzt.


1) Liman, Herbert: Der Bahnhof Berlin-Wannsee. In: Jahrbuch Zehlendorf 8 (2004), S. 91 ff. mit ausführlichen Literaturangaben; Brademann, Richard: Das neue Empfangsgebäude des Bahnhofs Wannsee der Reichsbahndirektion Berlin. In: Deutsche Bauzeitung 62 (1928), S. 441-448; BusB X B (1), S. 66- 67, 153, 175.

2) Die Fliesen sind zur Zeit entfernt, sollen aber wieder installiert werden.

3) Franzke, Jo: Stellwerke. In: BusB X B (1), S. 111.

Literatur:
  • BusB X B 2 1984 / Seite 66 f., 111, 153 f. 175, 200
  • Topographie Zehlendorf/Wannsee, 2013 / Seite 123
  • Liman, Herbert: Der Bahnhof Berlin-Wannsee in
    Jahrbuch Zehlendorf 8 (2004) / Seite 91 ff
  • Brademann, Richard: Das neue Empfangsgebäude des Bahnhofs Wannsee der Reichsbahndirektion Berlin in
    Deutsche Bauzeitung 62 (1928) / Seite 441-448
  • BusB X B 1 1979 / Seite 66- 67, 111, 153, 175